Kultur : Die Farben der Zeit

Der Maler Olaf Thiede hat alte Gewerbeinschriften in einem Buch dokumentiert

Astrid Priebs-Tröger
Wie eine alte Haut. Für den Potsdamer Olaf Thiede war jede Schrift an den Fassaden in Potsdam eine Entdeckung, wie das abblätternde „Franz Petsch“ in der Babelsberger Pasteurstraße und der „Kinde Garten“ im Holländischen Viertel. Knapp 100 solcher Fassaden sind in dem Buch „Die Farben der Zeit“ zu entdecken. Fotos (2): Thiede/PatzakAlle Bilder anzeigen
30.08.2012 21:25Wie eine alte Haut. Für den Potsdamer Olaf Thiede war jede Schrift an den Fassaden in Potsdam eine Entdeckung, wie das...

„Man läuft wie durch ein Buch“, sagt Olaf Thiede. Begeistert erzählt der Potsdamer Maler davon, wie er in den schnellläufigen Nachwendejahren in Innenstädten im ganzen Land Brandenburg alte Haus- und Gewerbeinschriften fotografierte. Über 750 davon hat er in diesen Jahren fotografisch dokumentiert, gerade noch früh genug, ehe die rasante Sanierung der morbiden ostdeutschen Innenstädte und damit die unwiederbringliche Zerstörung der abgeblätterten Fassaden begann. Olaf Thiede weiß, dass die meisten alten Inschriften nicht bewahrungsfähig sind, dennoch sah er sie als bewahrungswürdig an und verschrieb sich diesem aussagekräftigen Stück Alltagskultur mit Fantasie und Herzblut. Gemeinsam mit dem Schulfreund und heutigem Charité-Arzt Andreas Patzak verfolgte er diese Sammelleidenschaft.

Thiedes Faible für Schrift rührt daher, dass der 1957 Geborene als junger Mann Schriftsetzer gelernt und zudem im Laufe seines Lebens ein Interesse für Geschichte entwickelt hat. Das ist in vielen Abbildungen des gerade erschienenen Buches „Die Farben der Zeit“ von Olaf Thiede und Andreas Patzak buchstäblich mit den Händen zu greifen. Schon wenn man den von Cindy Hennemann überzeugend gestalteten Band zum ersten Mal in die Hand nimmt, teilt man Olaf Thiedes Begeisterung. Das Cover des querformatigen und weitgehend in Handarbeit hergestellten Buches zeigt collageartig verwitterte Schriftzüge aus über 100 Jahren, dazu Ornamente von alten Häusern und auch Zeichen, die über diesen historischen Schichten erst von der heutigen jüngeren Generation hinterlassen wurden.

„Macht Eure Gassen bunt“ ist da an die abgeblätterte, ehemals grau-beige-braune Fassade des jetzigen Studentischen Kulturzentrums „Kuze“ in der Hermann-Elflein-Straße schwarz gesprayt und der Maler Olaf Thiede sagt mit einigem Bedauern in der Stimme, dass durch die großflächigen Sanierungen in den Städten auch ein Stück Lebendigkeit verschwunden ist. Ein Phänomen, wie es in Potsdam vor allem immer wieder im Zusammenhang mit der Sanierung des Kulturstandortes Schiffbauergasse beschrieben wird. Als Maler hat Olaf Thiede einen besonderen ästhetisch-künstlerischen Blick und er bewundert, wie der Zahn der Zeit an den Fassaden nagte und den Häusern eine unverwechselbare Haut mit vielen Narben und Schattierungen – eben eine Geschichte – einprägte.

„Jede Schrift war eine Entdeckung“, sagt Thiede und verweist auf den ungewöhnlichen Namen Holubars Kosch, der eine Dreherei und Federschmiede in Babelsberg betrieb und wahrscheinlich böhmische Vorfahren hatte. Besonders angetan ist Thiede von der handwerklich gelungenen Gestaltung und Einpassung der meisten Schriftzüge in das Gesamtbild des jeweiligen Bauwerkes. Sie sind, obwohl zumeist mit bescheidenen Mitteln ausgeführt, sprich aufgemalt, in ihrer Größe und Farbigkeit in die Gesamtfassade des Gebäudes eingepasst, die oft durch Simse gegliedert ist und zudem durch Schattenkanten eine tiefergehende psychologische Wirkung erreicht. Kein Vergleich mit modernen Bauwerken, die den Zeitgeist mit verschwenderischem Materialeinsatz und oft durch Kälte, Tempo und steriles Weiß spiegeln. Thiede plädiert für Langsam- und Sinnlichkeit und meint damit, durchaus philosophisch, vor allem Zeit zum Leben.

Wer sich die im Buch fast 100 abgebildeten Fassaden aus Babelsberg und Potsdam genauer ansieht, wird spüren, dass die Menschen vor wenigen Jahrzehnten noch in anderen Dimensionen dachten und lebten. So kann man beispielsweise auf Seite 58 gleich drei Schichten überlagert sehen: zuunterst eine Jugendstil-Schrift, darüber eine aus den 1920er und schließlich eine aus den 1950er Jahren. An diesem Ort wurde länger als ein halbes Jahrhundert mit Seifen und Wirtschaftswaren gehandelt. Und auch an den Gründungsdaten vieler kleiner Unternehmen (Seite 55, 71 oder 72) ist der Händler- und Bürgerstolz auf das eigene generationenübergreifende Arbeits- und Lebenswerk zu spüren.

Dieses Buch lädt ohne viele Worte zu einem spannenden geschichts- und erinnerungsträchtigen Spaziergang durch Babelsberg und Potsdam ein. Olaf Thiede hat sich und anderen für dessen buchbinderische Verarbeitung die nötige Zeit gelassen und Auszubildenden des Babelsberger Oberlin-Hauses ermöglicht, dieses anspruchsvolle Projekt mit ihm gemeinsam umzusetzen. Bisher hatte er mit ihnen die Plakate zum Weberfest produziert. Die angehenden Mediengestalter, Buchdrucker und –binder haben ein handwerklich überzeugendes Produkt geschaffen, das man nicht so schnell wieder aus der Hand legt.

Olaf Thiede/Andreas Patzak: „Die Farben der Zeit“ kostet 14, 90 Euro und ist unter anderem in der Stiftungsbuchhandlung, im Internationalen Buch und in der Bürgel-Buchhandlung erhältlich

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