Kultur : Die fabelhafte Welt der Kalibanis

In der Reihe „Von Sinnen“: Revue „MultiKultiTango“ des Theaters RambaZamba im Thalia-Kino

Astrid Priebs-Tröger

Das Wort „außergewöhnlich“ hat im Wörterbuch fast neunzig spezielle Bedeutungen. Sie reichen von ausgefallen, über bewunderungswürdig, bis hin zu überwältigend, unvergleichlich und einzigartig, um dann mit „etwas übersteigt alle Begriffe“ abzuschließen. Die Berliner Theatergruppe RambaZamba ist außergewöhnlich. Menschen mit und ohne Behinderung machen seit mehr als fünfzehn Jahren gemeinsam Theater und bringen immer wieder erstaunliche und umwerfende Inszenierungen auf die Bühne.

Am Samstagabend war RambaZamba mit seiner Gruppe „Kalibani“ im Babelsberger Thalia-Kino zu Gast. „Kalibani“ – benannt nach der Figur aus Shakespeares „Sturm“ – hatte zur Eröffnung des Filmfestivals „Von Sinnen“, anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Oberlin-Taubblindenheims, seine Revue „MultiKultiTango“ als Präsent im Gepäck.

22 Schauspieler und Musiker aus mittlerweile sechs Nationen eroberten die Bühne und die Herzen des Publikums im Sturm. Regisseur Klaus Erforth stellte seine Protagonisten vorab als „wilden, irren Haufen, von starken Individualisten“ und sein Credo „Jeder kann was!“ vor. Dessen hätte es gar nicht bedurft, denn so, wie die im wahrsten Sinne des Wortes fantastisch bunte Truppe (Kostüme und Masken: Kerstin Janewa), die Bühne in Beschlag nahm, war jedem sofort klar: Die sind grandios.

Egal, ob das ganze Ensemble – unter ihnen eine zarte Prinzessin im weißen Kleid und schwarzen Gummistiefeln, schräge Typen mit Korsagen und Ganzkörpertätowierungen oder blaugewandete Kerle mit silbernen Helmen – gemeinsam Joghurt löffelten, einen wilden Tango hinlegten oder Lieder in Jiddisch sangen. Immer war es großartig, flippig und verblüffend. Wie auch die Nummern auf Spanisch, Griechisch oder Taiwanesisch. Oder die Herzschmerzgeschichte der beiden Giftfässer und die Lovestory „Spaghetti mit Tomatensoße“.

Besonders berührend für alle Beteiligten waren die Gastauftritte von drei Protagonisten aus dem Oberlinhaus. Regisseur Erforth, der schon seit mehr als zwölf Jahren mit der Babelsberger Institution zusammenarbeitet, hatte sie eingeladen, gemeinsam mit seiner Truppe aufzutreten. Andreas Horst, Siegfried Becker und auch Nicole Iden, die mit klarer Stimme „Ich bin, wie ich bin“ zum Besten gab und zum ersten Mal auf einer Bühne stand, genossen sichtlich die Vorstellung. Nach zahlreichen Ohrwürmern wie „Yellow Submarine“, „Rote Lippen soll man küssen“ und „Ich will keine Schokolade“ (umwerfend: Lia Vanezi) gelangte man schließlich über eine mitreißende Elvis Hommage noch zu Mozart. Als Beitrag zum aktuellen Jubiläum servierten die „Kalibanis“ ziemlich schräg den sechsstimmigen Kanon (KV 231) mit dem wunderbar anstößigen Originaltext des Komponisten. Um zum Abschluss bei „Ein Freund, ein guter Freund“, die Korken knallen zu lassen und Nicoles Premiere zu begießen. Leider haben sich zu viele Potsdamer dieses außergewöhnliche Ereignis, mit der Musik von Jens Hesselmann und unter der Leitung von Kai Langstengel, genauso wie die großartige Ausstellung „Malerei und Eisen“ im Kinofoyer entgehen lassen. Aber vielleicht finden sie ja Gelegenheit, sich in dieser Woche den einen oder anderen Film der Reihe „Von Sinnen“ im Thalia-Kino anzusehen.

„Touch the Sound“ 31. 8., 15 und 19 Uhr und „Stille Liebe“ um 17 Uhr im Thalia.

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