Kultur : Die Ewigkeit ist eine enge Stube

Erst gewöhnungsbedürftig, dann nachhaltig verstörend: Mit „Verbrechen und Strafe“ erinnert der Regisseur Alexander Nerlich am Hans Otto Theater daran, warum er Potsdam fehlen wird

Brüder im Geiste. Raskolnikow (Eddie Irle, vorn) wird zum Doppelmörder, Swidrigailow (Moritz von Treuenfels) ist dessen diabolisches und gewissenloses Gegenüber.
Brüder im Geiste. Raskolnikow (Eddie Irle, vorn) wird zum Doppelmörder, Swidrigailow (Moritz von Treuenfels) ist dessen...

Technorhythmen. Hektik. Gerenne. Dinge, die einem nicht unbedingt als Erstes einfallen, wenn man an Dostojewski denkt. Aber wer ist schon „man“, wird sich Alexander Nerlich gedacht haben. Schon ganz zu Anfang seiner zehnten und letzten Inszenierung am Hans Otto Theater macht er klar, dass er keine Lust hat, sich auf einen elegischen Erzählton einzulassen, nur weil hier in den kommenden drei Komma fünf Stunden 800 Seiten Dostojewski erzählt werden sollen. Nerlich setzt in seiner Adaption von „Verbrechen und Strafe“ (besser bekannt unter dem älteren Titel „Schuld und Sühne“) nicht auf Erzählpassagen, sondern auf knappe Dialog-Destillate. Und visuell wirft er seinen künftigen Doppelmörder Raskolnikow (Eddie Irle) mitten hinein in eine postapokalyptisch-düstere Großstadtwelt. Wummernde Beats, simuliertes Gedränge in der U-Bahn, beherrscht vom sozialen Elend, das Raskolnikow in Form schwarz-weiß-gesichtiger Zombiegestalten am Hosenbein zottelt.

Elend!, ruft auch die Bühne von Žana Bošnjak. Die Anmutung der Welt, durch die Raskolnikow und die anderen – Trinker, Huren, Kranke – hier in den nächsten Stunden schlurfen, stolpern, rollen werden, ist gewöhnungsbedürftig. Gewöhnungsbedürftig, weil sie unverhohlen und rückhaltlos eben das sagt: Seht her in dieses Elend! Der Bühnenraum ist zunächst ein futuristisch anmutender Tunnel, die Fluchtlinien bestehen aus rosa Neonröhren. Einige Linien deuten Splitter an: eine Welt in Fetzen. Später verschieben sich die Wände und geben den Blick in die Behausungen einzelner vom Elend zerfressener Gestalten frei: Die Wohnung der totkranken Katerina Marmeladowa (mit Ingrimm am Leben klammernd: Denia Nironen) zum Beispiel, oder die ihrer Tochter Sonja (grandios zwischen Religiosität und Liebeshunger: Nina Gummich), die sich prostituiert, um die Familie zu ernähren. Auch hier sind die Wände schwarz, wellig, sie sehen wie verkohlt aus. Durch welches Feuer sind sie hier gegangen?

Hell ist nur die Wohnung des künftigen Mordopfers Aljona Iwanowna (Andrea Thelemann), bei dem Raskolnikow sich Geld borgt: eine hohe Küchenzeile, Ofen, Kühlschrank, Waschmaschine. Aus Letzterer wird ihre Tochter Lisaweta (zwischen Liebeshunger und Unterwürfigkeit: nochmal Nina Gummich) kriechen. Und dort auch wieder hinein. Alexander Nerlich verliert auch hier keine Zeit und hat Mutter und Tochter, wie auch alle anderen, mit viel Lust an der Überzeichnung ausstatten lassen. Grelle Schminke und mies toupierte Locken für die Mutter, eine riesige Brille und ein fieses Pferdegebiss für die Tochter. Andrea Thelemann spielt Mutter Aljona als Inbegriff von herrschsüchtiger Boshaftigkeit, nutzt ihre Tochter mal als Schreibpult, mal als Aschenbecher. „Ich muss weg hier“, ächzt Raskolnikow, als er da raus ist. „Aber wohin?“, fragt gehässig Gutsbesitzer Swidrigailow (äsig-geschmeidig im Marilyn-Manson-Look: Moritz von Treuenfels). Nerlich inszeniert ihn als Raskolnikows diabolisches, weil gewissenloses Gegenüber. „Reich mir die Hand, mein Bruder im Geiste“, sagt er zu Raskolnikow.

Dieser Swidrigailow ist Rasolnikow immer einen Schritt voraus. „Vielleicht ist die Ewigkeit nicht unermesslich groß, sondern nur eine enge Stube“, sagt er an anderer Stelle: „Schwarz vor Ruß und in allen Ecken Spinnen.“ Womöglich ist das die Antwort auf die finstere Ausstattung, die einem an dieser Inszenierung zunächst so überzogen, so gruftimäßig vorkommt. Dann wären die Räume auf der Bühne vom Fegefeuer ausgebrannt und das Stück zeigte bildnishaft Raskolnikows Seelenzustand: ein von Gewissensbissen Geplagter auf der Flucht vor der eigenen Schuld. Mehrmals kauert er selbst einem Insekt gleich in einem übermenschlich großen Krater – ein in die Enge getriebenes Tier. Dieser Raskolnikow wirkt auch sonst nicht wie der Vordenker, der er gerne wäre („Ein Tod gegen hundert Leben – das ist doch reine Arithmetik!“). Kein verzagter Intellektueller, keine Diktatorenseele. Unauffällig, blass, im graublauen Jedermann-Pullover, ist dieser Raskolnikow eher schon einer, der selbst einfach nicht die Laus sein will, als die er die Witwe Aljona beschreibt. Einer ohne Geld und ohne Glauben, nicht an Gott und nicht an sich. Zumindest Letzteren will er sich durch den Mord an der grausamen Alten wiederholen.

Zu den Überraschungen dieses Abends gehört die Einsicht, dass Dostojewski auch sehr komisch sein kann. Der Mord selbst ist genickbrecherisch brachial, auch soundtechnisch. Raskolnikow haut der Alten eine Axt ins Genick, wird von der Tochter überrascht, die ihm vor Dankbarkeit an den Hals springt, Raskolnikow tötet widerwillig auch sie – und wird keine von beiden dadurch los. Die Ermordeten kichern, brechen dann in lautes, höhnisches Gelächter aus. Ja, das ist tatsächlich der Witz bei Dostojewski: Die beiden Frauen treten erst jetzt, als Mordopfer, so richtig ins Raskolnikows Leben. Die Regie macht das auch durch bewusste Doppelbesetzungen deutlich: Das tote Mädchen begegnet Raskolnikow in Gestalt der Prostituierten Sonja wieder, die Würgemerkmale am Hals trägt. Der Schuldgedanke lässt ihn nicht los, er umschleicht den Untersuchungsrichter (erst jungenhaft, dann gerissen: Moritz von Treuenfels) so lange, bis der ihn endlich, endlich schuldig gesprochen hat.

Bevor Raskolnikow zum Mörder wird, sieht er in einer Art Tagtraum, wie ein störrisches Zugpferd mit einer Axt erschlagen wird, vor unbeteiligt Zuschauenden. Eine Szene, die die soziale Kälte von Raskolnikows Welt zeigt und unverhohlen auch ein Fingerzeig ist, warum er ist wie er ist. Alexander Nerlich lässt das Pferd von drei Schauspielern darstellen, lautmalerisch und soundtechnisch verstärkt wird das Schnauben nachgeahmt. Das kann man theatermäßig archaisch finden, vielleicht sogar naiv. Aber letztlich wird der Pferdetod gerade eben durch dieses uralte Mittel, dass hier Lebende Leben darstellen, nachhaltig verstörend. Überhaupt zeigt sich hier die Kraft des Theaters von Alexander Nerlich. Es ist ein Theater, das sich jenseits der Vorliebe für düstere Settings an grundsätzlichen Daseinszuständen abarbeitet und dabei den ureigensten Mitteln des Theaters vertraut: dem Spiel und den Spielern. Und die Spieler vertrauen ganz offensichtlich ihm. Im Ergebnis ist das siebenköpfige Ensemble, das sich mit Ausnahme von Eddie Irle bravourös an Doppelrollen abrackert, in Teilen so gut wie nie zuvor.

Es bleibt der Eindruck eines Albtraums, aus dem das Stück einen nicht erlöst. Am Ende rote Rosen für den Alexander Nerlich. Ja, diese ästhetisch eigenwillige, euphorisierend kräfteraubende, um maximale Aufrichtigkeit bemühte Regiehandschrift wird in Potsdam fehlen.

Weitere Vorstellungen am 10., 11. und

28. Februar sowie am 9. und 25. März