• „Die einfachsten Gedanken sind die schwersten“

Kultur : „Die einfachsten Gedanken sind die schwersten“

Es gibt vier Teilnehmer und jeder hat zehn Minuten, um seine Wahrheit zu vermitteln. Beim Philosophy Slam, der am Donnerstag zum ersten Mal in Potsdam stattfindet, geht es aber um viel mehr als nur rhetorische Raffinesse, wie Gründer Gerhard Hofweber sagt

Der steinige Weg zu Höherem. Für den Philosophen Arthur Schopenhauer (1788-1860) galt der Blick vom Gipfel als treffendes Gleichnis für das Philosophieren. Nur aus der Höhe lässt sich das Treiben überblicken, ist tiefere Erkenntnis möglich.Alle Bilder anzeigen
Foto: Archiv
03.06.2014 00:05Der steinige Weg zu Höherem. Für den Philosophen Arthur Schopenhauer (1788-1860) galt der Blick vom Gipfel als treffendes...

Herr Hofweber, philosophische Gedanken sind relativ komplex – wie kann man die in einem Slam-Format von zehn Minuten vermitteln?

Es stimmt, Philosophie ist sehr schwer, aber das heißt nicht, dass die Gedanken komplex sind. Im Gegenteil, die einfachsten Gedanken sind die schwersten.

Das müssen Sie näher erklären.

Man bewegt sich bei der Philosophie hin zu den Grundsatzfragen. Die sind einfach zu stellen – Was ist Wirklichkeit, was ist Wahrheit? –, aber die Antworten zu finden, das ist schwer. Wenn man die aber mal hat, ist es auch wieder einfach, das ist ja das Tolle daran. Hat jemand eine Erkenntnis mal gewonnen, ist es nicht nur einfach, sondern auch leicht für ihn.

Wenn man die Erkenntnis hat, erscheint sie einem logisch. Für alle anderen ist sie aber oft gar nicht so einfach nachzuvollziehen. Woran liegt das?

Weil es schwierige Fragen sind. Das ist im Grunde wie beim Fußball: Ein bisschen kicken kann jeder – aber in der Bundesliga spielen nur die wenigsten. Um auf dem Niveau solcher Fragen gut zu sein, muss man einfach in einer anderen Liga denken. Das ist gar nicht arrogant gemeint, das gilt ja im Prinzip für alle Bereiche.

Trotzdem: Bei Poetry-Slams kommen oft vor allem die leichter zugänglichen, witzigen Texte gut an.

Wir orientieren uns an den tiefsinnigen, substanziellen Sachen. Diese ganzen Kalauer brauchen wir nicht. Das gehört auch in die Philosophie einfach nicht hin! Das ist aber derzeit auch eine Tendenz, auch die großen Fragen in Talkshows und ähnlichen Formaten zu verhackstücken – sich aber nicht mehr ernsthaft damit zu beschäftigen. Wir sind es ja schon so gewohnt, dass alles unterhaltsam und locker und witzig sein muss. Das braucht die Philosophie aber nicht, das Denken selbst ist faszinierend genug.

Dass zuletzt relativ viele neue Philosophie-Magazine auf den Markt gekommen sind, Talkshow-Formate und so weiter, finden Sie also keine gute Entwicklung?

Doch. Eigentlich ist das gut – es funktioniert aber nicht. Richard David Precht ist da ja ein gutes Beispiel: Der ist ja nicht einmal Philosoph, der ist promovierter Germanist, geht aber als Ersteres durch, weil die Leute das nicht unterscheiden können. Es gibt aber einen großen Unterschied zwischen einem, der Motivgeschichte betreibt, historische Bezüge herstellt, also im Grunde Textarbeit leistet - und einem, der wirklich selber denkt.

Precht denkt also nicht selbst?

Nicht als Philosoph. In gewisser Weise denkt natürlich jeder. Aber obwohl ich kein Fan von Sloterdijk bin, sehe ich zwischen dem und Precht einen fundamentalen Unterschied: Sloterdijk hat eine gewisse denkerische Substanz. Der ist zwar mehr französischer Intellektueller als tiefsinniger Metaphysiker – aber sein Niveau muss man schon anerkennen. Das sehe ich bei Precht aber nicht.

Grundsätzlich haben Sie also nichts gegen eine massentaugliche Vermittlung von Philosophie?

Nein! Aber das ist eine Kunst. Mein Eindruck ist, das Bedürfnis der Menschen danach wird immer deutlicher. Die merken langsam, dass sie lange Zeit nur Dünnbier getrunken haben, das war auch ganz nett – aber irgendwie suchen viele jetzt nach mehr Substanz. Dieses Bedürfnis halte ich für echt.

Woran liegt es, dass gerade jetzt ein solches Bedürfnis entsteht?

Das kann man, denke ich, hegelianisch ganz gut verstehen: Es gibt bestimmte Zyklen, das zieht sich schon durch die ganze Menschheitsgeschichte. Da gab es immer wieder Höhepunkte in der Entwicklung, Blütezeiten. Dann kommen die Katastrophen, die großen Kriege etwa. Und dann gibt es Phasen der Saturiertheit, die sich aber innerlich aushöhlt. Das ist ja ein ganz schlichter Gedanke: Wie haben materiell alles – und sind trotzdem nicht glücklich. Und was tun wir dagegen? Wir versuchen, mehr zu verdienen. Machen Yoga, Wellness, ein bisschen Buddhismus und hoffen so, die Leere ein wenig aufzufüllen. Das ist doch absurd! Man muss selber denken, sich selber erschließen, was dem eigenen Leben Sinn gibt. Ist es wichtig, dass mich alle mögen – oder ist es wichtiger, dass mich die eine Person toll findet, die ich liebe? Ich halte definitiv Letzteres für wichtiger. Liebe ist eigentlich überhaupt ein gutes Thema, die ist so substanziell wichtig für uns – nicht nur psychologisch, sondern auch metaphysisch.

Es gibt also zu wenig Verständnis von echter Liebe in unserer Gesellschaft.

Ja, absolut. Wir haben etwa das Problem, das die ganzen entscheidenden Grundwerte heute relativ geworden sind: Liebe, Wahrheit, Schönheit, das Gute. Davon hat jeder seine Vorstellung, da will man den anderen gar nicht hineinreden, das gilt ja schon als doktrinär, Objektivität überhaupt zu beanspruchen. Das stimmt aber nicht. Die Wahrheit etwa ist, entgegen der landläufigen Meinung heute, etwas Objektives – aber eben nichts Doktrinäres. Deshalb sind die genannten Grundwerte nur noch Gegenstand der Sehnsucht, aber werden kaum noch gelebt. Dabei sind sie nach wie vor vorhanden. Wir müssen sie nur wieder neu erschließen. Eben dies gelingt im Denken, aber im richtigen.

Woran liegt es, dass wir immer wieder daran scheitern?

Am mangelnden Selbstwert, der Liebe zu sich selbst. Die läuft bei uns oft über in so eine Eitelkeit, die Selbstoptimierung. Viele versuchen, über die Leistung den eigenen Selbstwert zu steigern. Selbstliebe ist dabei aber etwas viel Einfacheres, das ist einfach der Wert, den ich habe, einfach weil ich Mensch bin. Niemand muss perfekt sein. Klar, wir brauchen Geld – aber wir sind nicht hier, um Geld zu verdienen.

Trotzdem beraten Sie mit Ihrem Institut die Wirtschaft. Widerspricht sich das nicht?

Ich glaube, es ist eher umgekehrt. Ich glaube, es wird einen fundamentalen Wandel in der Wirtschaft geben. Das permanente Wachstum, das sich ja auch am Defizit orientiert, läuft meiner Meinung nach langsam leer. Schon die Autohersteller denken inzwischen über andere Mobilitätskonzepte nach, weil die Kids nicht mehr scharf auf Autos sind. Oder denken Sie an Apple. Der Konzern galt lange als einer der Guten in der Computerbranche, hat das aber durch seine restriktive Markenstrategie völlig umgekehrt. Gleichzeitig kann aber jemand, der seinen wahren Wert kennt, jemand, der sich als wertvoller Mensch erkennt, viel freier und entspannter arbeiten – anstatt im Burnout zu enden. Zugleich erhöht sich der Handlungsspielraum enorm. Das ist ja auch im Interesse der Firmen.

Warum sind wir denn hier?

Um das zu werden, was wir eigentlich sind. Um unser eigenes Menschsein zu verwirklichen. In der Liebe etwa, aber auch, um unseren Talenten zu folgen, den Mut zu haben, das zu machen, was ich mir wünsche, anstatt vermeintlichen Zwängen zu folgen.

Diesen Zwängen unterwerfen wir uns aber doch oft selbst, niemand zwingt uns, jeden morgen joggen zu gehen, obwohl wir es hassen.

Das ist oft eine falsch verstandene, eine pubertäre Individualisierung. In der Pubertät haben wir ja auch diese Haltung: Ich lasse mir gar nichts sagen, ich entwerfe mich selbst. Das ist in dem Alter ja richtig – aber normalerweise kommt es dann irgendwann zu einer Versöhnung mit sich selbst und den Eltern. Heute stecken wir aber oft in dieser Phase fest, leben quasi in einer Art gefrorenen Pubertät. Das zeigt auch der aktuelle Schönheitskult: Enthaart und quasi geschlechtslos – das ist ja eigentlich noch präpubertär. Der Zwang verfängt deshalb, weil wir meinen, einem bestimmten Bild entsprechen zu müssen und unseren wahren Selbstwert nicht erkennen.

Um all diese Fragen soll es auch beim Philosophie-Slam gehen. Wer sind eigentlich die Slammer, die sich diesem Wettbewerb stellen – alles Philosophie-Studenten?

Nein. Die Slammer kommen aus einem sehr breiten Spektrum. Die Jury wählt immer vier Bewerber aus, darunter sind auch mal Philosophiestudenten – aber wir hatten auch schon einen Landwirt, der sich privat mit Philosophie beschäftigt. Als der das erste Mal auftrat, hat er mich umgehauen.

Warum?

Der hatte überhaupt keinen akademischen Hintergrund, nicht diese Distanz zu den Themen – war aber einhundert Prozent authentisch, wahrhaftig und tiefsinnig.

Und wie kam der philosophierende Landwirt beim Publikum an?

Der hat gewonnen! Zu Recht. Der war aber auch gut!

Wonach wählt die Jury die Teilnehmer aus?

Wir suchen einfach die Besten. Das beste Skript. Das ist gar nicht so schwer, wir fragen uns einfach: Wie substanziell ist das – und wie ehrlich? Will da einer nur ein bisschen über Gott und die Welt und sein Alkoholproblem lamentieren – oder fragt der sich wirklich: Was heißt das, einen Körper zu haben? Mal so als Beispiel. Fragen also, die uns so berühren, dass wir gleich selber mitdenken. In der Regel erkennen wir das nach zwei, drei Zeilen. Wir machen das mit der Vor-Jury, um dem Ganzen eine Qualität zu geben. Ich möchte nicht dem Gelaber eine Bühne geben. Das ist ja oft das Problem beim Poetry Slam, wo oft Leute auftreten, denen ich nicht zuhören wollte.

Bei ihnen geht es um Niveau – sind Sie doch eine elitäre Veranstaltung?

Wir sind heute in der absurden Situation, dass man sich entschuldigen muss, wenn man sich philosophische Fragen stellt, erst recht, wenn man das mit Niveau und Anspruch tut, nach dem Motto: Hast du nichts Besseres zu tun? Oder: Musst du nicht von irgendetwas leben?

Weil der ökonomische Nutzen der Philosophie nicht auf der Hand liegt?

Genau. Aber darum geht es nicht nur in der Philosophie, sondern auch im ganzen Leben. Das ist ja eine total reduzierte Vorstellung, immer vorher schon wissen zu wollen, was bei etwas herauskommt. Um abwägen zu können, ob sich das Investment lohnt. Aristoteles etwa hat nach der Aufgabe der Wirtschaft gefragt. Für ihn ging es dabei nicht darum, maximalen Reichtum zu produzieren. Der wahre Reichtum hat eine Grenze, nämlich das gute Leben. Die Wirtschaft hat also die Mittel bereitzustellen, die ich für das gute Leben brauche. Mehr nicht. Aber die Frage, was das gute Leben ist, wird im Denken entschieden, und das ist die Domäne der Philosophie.

Ist das der Kern, um die auch Ihre Slammer kreisen: Worin besteht das gute Leben?

Das ist total unterschiedlich. Wir hatten mal einen Physikstudenten, der slammte zum Thema: Was ist die Substanz eines physikalischen Teilchens? Man meint zuerst, dass ist die Masse, das stimmt aber gar nicht. Es ist die Messbarkeit. Das heißt aber nicht, das es materiell ist. Der Typ war ein Bayer, seinen ganzen Vortrag hielt er in tiefstem Bayerisch – und wir haben uns weggeschmissen vor Lachen. Und das bei so einem Thema!

Trotzdem bleibt die Frage, wie man die Suche nach Wahrheit in einen zehnminütigen Vortrag verpacken kann?

Es reicht ja oft, wenn eine gute Frage aufgeworfen wird. Ein Oeuvre abschließen kann man in der Zeit natürlich nicht. Ideal ist es natürlich, wenn hinterher noch weiter diskutiert wird. Wenn die Leute sich mit dem Thema weiter beschäftigen, statt mit fertigen Antworten nach Hause zu gehen. Wenn sie sich fragen: Tue ich genug dafür, richtig zu leben – oder mache ich es mir nicht doch zu leicht? Das ist das Problem: Wir wollen heutzutage immer schon mit allem fertig sein, wissen, was es uns bringt – anstatt uns auf Dinge wirklich einzulassen. Das macht das Leben nicht unbedingt spannender.

Ist die Suche nach dem guten Leben nicht auch eine sehr hedonistische Sicht?

Hedonismus, das kommt ja von hedonae, der Lust also. Von der haben wir ganz falsche Vorstellungen. Wenn Epikur aber sagt, die Lust ist das Wichtigste im Leben, dann meint er nicht die Saufgelage, Partys, sondern die Lust an der wahren Art zu leben. Er sagt, wir können nicht glücklich sein, wenn wir nicht richtig leben und richtig handeln. Es geht also um ein erfülltes Leben, ein sinnvolles.

Ihr Slam stammt aus Augsburg, jetzt gehen Sie erstmals damit auf Tour.

Ja, Potsdam ist die dritte Station.

Kommen die Juroren auch aus Potsdam?

Ja, die wählen wir vor Ort aus. Im Waschhaus werden Alexander Graeff und Werner Kogge dabei sein.

Spielt die Rhetorik bei der Bewertung der Slammern auch eine Rolle?

Teils, teils. Schon bei Platon geht es ja um die Frage: Ist es ausreichend, die richtige Formulierung zu haben, oder ist es notwendig, dass ich auch weiß, wovon ich rede? Für Sokrates war klar: Diese rhetorische Art von Wissen ist kein Wissen, das hat nicht einmal Macht. Denn um das gute Leben zu finden, muss ich wissen, worin es besteht. Die reine Hülle der Rhetorik reicht da nicht. Bei den Slammern gibt es aber eine große Bandbreite – von spritzig bis eher akademisch. Und manchmal berührt einen der eher trockene Vortrag zur eigenen Überraschung viel mehr.

Gib es bestimmte Trends, bestimmte Philosophen, die unter den Teilnehmern besonders en vogue sind?

Klar, Leute, die mehrfach auftreten, kommen immer wieder mit ähnlichen Themen. Aber das bestimmte Schulen oder Denker besonders gut gehen, kann man nicht sagen. Ich denke, was am besten geht, ist das Authentische, das Substanzielle. Mir gefällt es, wenn ich sehe, dass der Slammer während des Vortrags denkt. Das kann auch gerne etwas ungelenk sein. Das ist mir aber lieber als ein brillanter Redner, der blendet.

Gibt es Fragen, die gemieden werden?

Es ist relativ selten, dass die Slammer sich auf die ganz großen Philosophen beziehen. Aristoteles, Platon, Kant, Descartes, Hegel. Das liegt aber wohl daran, dass die so schwierig sind. Es gibt eben nur ganz wenige Menschen, die das wirklich verstanden haben. Platon etwa erscheint zwar auf den ersten Blick zugänglich. Aber es hat fast 20 Jahre gedauert, bis ich verstanden habe, dass sein berühmtes Höhlengleichnis nicht metaphorisch gemeint ist. Dass wir wirklich keine Ahnung haben von der Wirklichkeit – obwohl in der Höhle, in der wir leben, alles vorkommt. Nur eben in der komplett falschen Form. Es ist uns nicht möglich, die wahre Wirklichkeit in der Höhle zu sehen. Es braucht den mühevollen Aufstieg zur Erkenntnis. Wenn man den geschafft hat, trifft man eine Wirklichkeit an, die einfach wunderschön ist.

Geben Sie zum Abschluss noch einen kleinen Ausblick auf diese wahre Wirklichkeit.

Etwa die Erkenntnis, dass wir einfach gut sind, so wie wir sind – mitsamt unseren Fehlern. Und dass wir dafür nichts leisten müssen.

Das Gespräch führte Ariane Lemme

Der Philosophy Slam findet am Donnerstag, dem 5. Juni, um 20 Uhr im Waschhaus in der Schiffbauergasse statt. Der Eintritt kostet 11, ermäßigt 6 Euro

Gerhard Hofweber, geb. 1970 in Amberg, studierte unter anderem Philosophie und Germanistik. 2008 entwickelte der promovierte Philosoph das Konzept des Philosophy Slam. PNN

Mehr lesen? Hier die PNN gratis testen.