Kultur : Die Bühne im Kopf

Mit „Zimt und Zunder“ hinein in das 1. Potsdamer Erzählfestival im T-Werk

Bekannt für ihre lebendige und ausdrucksstarke, oft herrlich komische Erzählweise. Clare M. Murphy gehört zu den drei Gästen aus Irland, die das erste Potsdamer Erzählfestival mit bestreiten.Alle Bilder anzeigen
Foto: T-Werk
29.11.2011 20:40Bekannt für ihre lebendige und ausdrucksstarke, oft herrlich komische Erzählweise. Clare M. Murphy gehört zu den drei Gästen aus...

Es soll ganz kuschelig zugehen und den Duft der geheimnisvollen Ferne heraufbeschwören. Aber es soll auch ein Feuerwerk an Aufregung entfacht werden, sodass man sich vor Spannung fast auf die Lippen beißt. „Zimt und Zunder“ eben. Ohne Maske, Kostüm und Klangschale will das 1. Potsdamer Erzählfestival im T-Werk die Köpfe der Zuhörer entzünden. Mit Geschichten von Hunger und Not, Liebe und Brot. Von Wechselbälgern und Riesen wird die Rede sein. Und vom irischen Elf, dem schwebenden wundersamen Helfer, der ähnlich dem deutschen Zwerg zwar Not lindern hilft, dafür aber auch selbst gut behandelt werden will. Und wehe dem, der ihm widerspricht.

„Erzählen ist eher die ,kleine’ Kunst, doch der Bedarf dafür ist groß“, sagt Suse Weisse, selbst Erzählerin, die mit ihren Geschichten schon viel herumgereist ist und dieses Festival am kommenden Wochenende ins T-Werk bringt. An ihrer Seite sind weitere fünf Erzählerinnen und Erzähler: drei aus Irland, drei aus Deutschland, allesamt Künstler der zupackenden Improvisation. „In Deutschland sind wir mit dem Erzählen spät dran. Woanders gibt es seit vielen Jahren Festivals. Wie in Irland, wo die Tradition des Erzählens ungebrochen ist, sich Mystik und Witz die Hand reichen“, so Suse Weisse. Die Geschichten, die sie für Potsdam eingesammelt haben und nun weiterreichen, kommen von überall her.

Suse Weisse erzählt am liebsten raue Geschichten aus dem Norden vom bäuerlichen Leben. „Das liegt mir näher als der Königshof.“ Fast immer geht es dabei um zwischenmenschliche Beziehungen und Mitgefühl: Die Zuhörer leiden, freuen und fürchten sich gemeinsam mit den Helden.

Am Wochenende haben sie dazu vielfach Gelegenheit. Am Samstag gibt es die Lange Nacht der Geschichten, in der die Zuhörer an den Abgründen menschlicher Irrtümer entlangkutschiert werden, Lachen und Weinen an jeder Wegbiegung lauern. Die Sprachen werden dabei ineinander verschränkt und es wird auch gestisch und mimisch erzählt, sodass keiner Angst haben muss, etwas nicht zu verstehen. Zumal es Einführungen gibt. Egal ob sie zum Mond fliegen oder im Wasser abtauchen: Der rote Faden reist mit. Und wer zwischendurch mal aussteigen und auftanken will, kann das mit irischer Folk-Rock-Musik oder Köstlichkeiten der irischen Küche.

Am Sonntag wird bereits am Nachmittag das Geschichtenkarussell gedreht. Zu den sechs erfahrenen Erzählern gesellen sich zehn Frauen aus der „Erzählwerk“-Gruppe, die Suse Weisse am T-Werk leitet. Da wird nicht nur rund um die Feuerkörbe der Geschichtenteppich ausgerollt, sondern auch in drei Wagen, ganz in der Tradition des fahrenden Volkes, eingeladen: in einen großen Kremser, einen Holzbauwagen und in einen kleinen Wohnwagen aus DDR-Zeiten. Zudem wird eine Geschichte in Umlauf gebracht, die jeder, wie beim Spiel „Stille Post“, weitererzählen kann. Der sie gehört hat, bekommt ein Kleeblatt angesteckt und ist nun Mitglied der Weiter-Erzähl-Kette.

Den Inhalt dieser Fünf-Minuten-Geschichte will Suse Weisse noch nicht verraten. Doch das Geheimnis, das hinter der Kraft des Erzählens steckt, gibt sie gern preis. Um eine Geschichte erblühen zu lassen, sei es wichtig, dass der Erzähler Sicherheit ausstrahlt und die Handlung so spannend erzählt, dass die Leute sehen, was sie hören. „Es ist eine ständige Improvisation, der Erzähler reagiert auf den Moment.“ Und gerade diese Unmittelbarkeit sei es auch, die selbst ganz coole Jugendliche in den Erzählbann schlagen. Dabei darf es natürlich nicht zu seicht zugehen und auf keinen Fall zu „tümelig“. Ernsthaft sofort mitten hinein in die großen Konflikte, dann hat der Kopf zu tun und dreht sich mit im Rhythmus der heraufbeschworenen Magie.

Die sechs Erzähler sind zudem in Potsdamer Schulen unterwegs und geben dort 12 Vorstellungen. Außerdem kann man in drei Workshops mehr über irische Mythen, Feengeschichten und lustige Schwanks erfahren. Praktische Erzählübungen sorgen dafür, dass jeder wenigstens eine Geschichte zum Weitererzählen mit nach Hause nehmen kann.

„Zimt und Zunder“, 2. bis 5. Dezember, T-Werk, Schiffbauergasse. „Die lange Nacht“ gibt es am 3. Dezember von 20-24 Uhr, das Geschichtenkarussell am 4. Dezember von 15 bis 18 Uhr und die Erzählworkshops am 3. Dezember von 14 bis 17 Uhr. Karten unter 0331-719139 oder www.t-werk.de