Kultur : Die Beschwörung des Himmels

Ritual und Ekstase: Die Brasilianerin Lia Rodrigues zeigt bei den Tanztagen ihre aktuelle Produktion „For the sky not to fall“

Grit Weirauch
Der andere Goldrausch. Die brasilianische Choreographin Lia Rodrigues lässt in ihrer neuesten Produktion die Tänzer sich mit goldähnlichem Staub berieseln, der aus dem Gewürz Kurkuma besteht.
Der andere Goldrausch. Die brasilianische Choreographin Lia Rodrigues lässt in ihrer neuesten Produktion die Tänzer sich mit...Foto: Sammi Landweer

Gesichter zum Berühren nah. Dunkel, mit Kaffeepulver eingestaubt. Entblößt hocken sich die Tänzer auf den Boden vor einzelne Zuschauer, wie nach einem Zufallsprinzip ausgesucht. Es gibt keine Distanz, keine schützenden Sitzreihen und keine Fluchtmöglichkeit. Der gesamte Theaterraum ist Bühne, ist Boden. Und der Blick des Tänzers richtet sich in aller Stille auf die Augen des anderen, kaum einen Atemhauch entfernt.

Begegnung, wie sie intensiver auf einer Bühne nicht sein kann. Die Regisseurin Lia Rodrigues bewegt sich mit ihrem neuen Stück „For the sky not to fall“ – Möge der Himmel nicht fallen – nah an den Ursprüngen des Tanzes. Denn Tanz ist rituelle Handlung, beschwörend und heilsam zugleich, vor allem aber Zeichen der Zusammengehörigkeit, des direkten körperlichen Miteinanders.

Für ihre neueste Choreographie ließ sich Rodrigues von den Worten des Yanomami-Schamanen Davi Kopenawa aus dem Amazonas inspirieren: „Es gibt nur einen Himmel und wir müssen ihn beschützen. Erkrankt er, wird alles enden.“ Tanzen, um den Himmel zu halten. Welches Ritual braucht es um zu überleben?, fragt Rodrigues. Es ist nichts Hochfliegendes, nichts Luftiges. Es ist Arbeit mit dem Ursächlichen. Mit dem Boden und mit dem, was die Erde hergibt, zu Staub gemacht. Kaffee, Symbol der Kolonisation, auch das mehlweiße Puder der herrschenden Schicht, und das Gold in Gestalt von Kurkuma. Es sind die Zutaten, aus denen Brasilien geformt ist. „Um sie herum konstruiert sich die Welt“, sagt Rodrigues. Der Handel mit Gewürzen, Genozid und Gewalt, aber auch Schönheit.

Lia Rodrigues gilt heute als bedeutendste Persönlichkeit der Tanzszene Südamerikas. Sie begründete ein Festival des zeitgenössischen Tanzes in Rio de Janeiro. Und verlagerte vor einigen Jahren die Arbeit ihrer Compagnie in eine der größten und härtesten Favelas in Rio, in die Maré, wo sie ein Tanzzentrum und eine Schule mit kostenlosem Unterricht für die Bewohner des Viertels eröffnete. Drei ihrer Profitänzer in der aktuellen Produktion entstammen selbst den Favelas.

Ihr internationaler Durchbruch gelang Rodrigues 2001 – und nicht zufällig in Potsdam: Ihre Großmutter kam aus dieser Stadt. Und die Fabrik war die erste Tanzbühne, die sie einlud, ihr damaliges Stück zu zeigen. Die Beziehungen sind in den vergangenen 15 Jahren intensiver geworden. Wie auch Rodrigues’ Stücke.

Zuletzt war die Choreografin mit ihrer Produktion „Pindorama“ zu sehen. (PNN berichteten). Auch da spielte sie ernsthaft mit den Grenzen zwischen Zuschauern und Künstlern, die sich so gut wie auflösten. Dass sie radikaler geworden sei in ihrer Arbeit, lässt Rodrigues allerdings nicht gelten. Für sie ist eher der Blick direkter geworden, unverstellter. Erklären könne sie das nicht, letztlich sei auch das neue Stück aus einem Bedürfnis heraus entstanden, das verwirklicht werden musste. Ein bisschen wie die Magie einer Geburt, sagt sie, wenn ein neues Wesen die Welt erblickt und die Blicke sich treffen.

In „Pindorama“ war Wasser das tragende Element. Diesmal ist es die Erde. Kurioserweise musste für die Proben an dem Stück auch der Boden in ihrem Tanzzentrum extra neu entstehen, auf Beton ließ sich das kräftezehrende Training nicht machen, Holz wurde eigens auf der Bühne verlegt.

Wie es mit Gewürzen geschieht, will auch Rodrigues in ihrer Kunst das Essentielle extrahieren. Hier verbunden mit den Bewegungen der Tänzer sind es die poetischen, magischen Momente. Das gelingt ihr zweifellos. Sie finden sich in der Begegnung mit dem Publikum, aber auch im Miteinander der Compagnie. Etwa wenn sie wie aneinandergebunden stampfend den Rhythmus vorgeben, alles nur noch Rhythmus und Bewegung ist, Herzschlag. Für „For the sky not to fall“ habe sich die Compagnie intensiv mit den Ritualen der Ureinwohner Brasiliens, eben jenen Yanomami, beschäftigt, die Trancetänze der Indianer studiert, erzählt Rodrigues.

Und so steigert sich die Inszenierung am Ende selbst in eine Art Trance im Bühnenraum. Entrückt und ekstatisch, wo sich die Trennung von Geist und Körper aufhebt. Wie eine Beschwörung zur Heilung des Planeten. Doch der Raum zwischen Ritual und Kunst bleibt: Rodrigues’ Tänzer sind keine selbstvergessenen Schamanen, sondern beherrschen präziseste Technik wie die eines Chirurgen: mit kühlem Kopf und vollster Hingabe. Und auch die Grenzen zwischen Künstlern und Publikum bleiben bestehen. Anders als es radikale Vordenker der Tanz- und Theateravantgarde Mitte des 20. Jahrhunderts forderten: der Franzose Antonin Artaud etwa mit seinem „Theater der Grausamkeit“. Kunst ist Metamorphose, so auch das Anliegen Rodrigues’. Bei ihr aber ist das nicht brutal oder gefühllos, im Gegenteil. Wenngleich lustvoll, so kann es durchaus qualvoll sein, auszuhalten, was Tanz und Theater ursprünglich bedeuteten. Grit Weirauch

Karten für „For the sky not to fall“ sind nur noch für die Vorführung in der fabrik Potsdam, Schiffbauergasse 10, am Sonntag, 18 Uhr, zu haben. Die Vorstellungen am Freitag und Samstag sind ausverkauft.

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