Kultur : Die Anmut der Dreiecke

Der Belgier Benjamin Verdonck bezaubert bei den 25. Tanztagen

Astrid Priebs-Tröger

Ein raumgreifendes hölzernes Gestell, auf den ersten Blick einem alten Handwebstuhl ähnelnd, nimmt fast die gesamte Bühne ein. Auf der horizontalen Ebene sind hintereinander mehrere Schienen befestigt, auf denen sich während der Performance verschieden große rechtwinklige Dreiecke bewegen lassen. Das tut der vollkommen in sich ruhende Künstler mithilfe langer Fäden an beiden Seiten seines Theaters selbst.

Auf die Frage, warum der Antwerpener Schauspieler, Regisseur, Autor und Bildende Künstler sein Projekt „Notallwhowanderarelost“ (Nicht alle, die wandern, sind verloren) begonnen hat, sagte er im Zuschauergespräch, dass ihn die Lust am Material Holz, an Handarbeit und natürlich am Theater dazu angetrieben hat. Aber „angetrieben“ ist ein viel zu leistungsorientiertes Wort für das, was am Donnerstagabend als Deutschlandpremiere bei den Tanztagen im T-Werk zu sehen war.

Es wäre profan, die schwebende Atmosphäre, die sich bei seinem Tanz mit den Objekten und um sie herum ergibt, hier mit dürren Worten zu beschreiben. Fakt ist, dass die Dreiecke, die aufeinandertrafen, aneinander vorbeizogen, einen unerwarteten Schlenker machten oder sogar ihre Farbe wechselten, fast ohne Worte eine poetische Situation kreierten, die einen unweigerlich in ihren Bann zog. Es war der spielende Mensch – Homo Ludens genannt – der einen dabei so nachhaltig begeisterte.

Denn Benjamin Verdonck, der zu diesem Projekt von Alexander Calders „Circus“ angeregt wurde, erweckt den Eindruck, dass er alles, was er während dieser 45 Minuten macht, genau in diesem Moment zum ersten Mal tut. Er ist so sehr bei sich, dass man als Zuschauer ebenfalls in diesen Zustand gerät. Und das ist ein großes Geschenk in unserer schnelllebigen, oberflächlichen und zerstörerischen Welt. Verdonck verführt einen dazu mit großer Leichtigkeit, leisem Witz und körperlicher Anmut.

„Notallwhoanderarelost“ ist Teil eines größeren Projektes, in dessen Zentrum die Auseinandersetzung mit ökologischen, sozialen und politischen Problemen unserer Zeit steht – mit dem Ziel, Kunst und Realität zu gestalten, anstatt sie bloß zu reflektieren. Ausgangspunkt für dieses Stück war eine Unterhaltung mit dem Philosophen Sacha Kagan über Kunst und Nachhaltigkeit. Der auf die Frage, was man denn zur Nachhaltigkeit beitragen könnte, vorschlug, „sich anmutig und taktvoll zurückziehen“.

Genau dies gestaltet Benjamin Verdonck. Gleich zu Beginn von „Notallwhowanderarelost“ kreierte er noch eine aufwendige Balancenummer. Man sieht, wie viel Mühe es macht, einen Stuhl auf zwei Coladosen mithilfe eines Balls und einer Kleberflasche so zu stabilisieren, dass er auf zwei Beinen stehen kann. Das ist Leistung, es heischt geradezu nach Anerkennung. Doch als er diese Kreation ziemlich brutal wieder in der Versenkung verschwinden lässt und sich selbst damit auch als zentrale Figur eliminiert, entsteht Absichtslosigkeit und somit Freiheit. Und so schaut man auf diese wunderbaren Verdonckschen Dreiecke und könnte noch ewig weiterschauen, ohne das alles verstehen oder (be-)werten zu müssen. Am Ende braucht es eine Weile, bis man begreift, dass diese sehr intime und ungemein liebevolle Performance wirklich vorbei ist. 

Benjamin Verdonck tritt am 2. und 3. Juni gemeinsam mit Pieter Ampe in ihrer Performance „We don´t speak to be understood“ im T-Werk auf.

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