Kultur : Der Zweck heiligt die Mittel

„Die Kreuzritter“ vom belgischen Theater Agora zum Abschluss von Unidram

Astrid Priebs-Tröger

Zwei bildhübsche Schwestern in weißer Tracht empfangen die Theaterbesucher und verteilen Lotterielose. Eine rundliche Oberin mit Trillerpfeife auf der Brust überwacht das Prozedere und gibt den Ton an. Kurz darauf erscheinen sechs kriegsversehrte Soldaten und singen gemeinsam mit den heiligen Schwestern „Ich hatt“ einen Kameraden“ herunter. Was zuerst wie ein Auftritt der Heilsarmee anmutet, entpuppt sich alsbald als knallhart kalkulierte Benefizveranstaltung des Hospizes der „Heiligen Johanna“.

Dem steht Mama Zara, die resolute Oberschwester (Zoé Kovacz) vor, die mit zahlreichen dubiosen Therapien versucht, ihre Schäfchen wieder fit zu kriegen. Aber nicht für das zivile Alltagsleben, sondern, wie sich bald erahnen lässt, für den nächsten Krieg. Und dazu ist ihr und ihren Helferinnen (Viola Streicher und Katja Wiefel) – von handgreiflich grobschlächtig bis moralisch subtil – jedes Mittel recht. Die Inszenierung des belgischen Theaters Agora (Regie: Marcel Cremer), die zum Abschluss des diesjährigen 14. Internationalen Theaterfestivals Unidram am Samstagabend im T-Werk aufgeführt wurde, findet eindrucksvolle Bilder und spielt mit vielen theatralischen Mitteln.

Es ist tragisch und komisch zugleich, wie hier einerseits grauenhafte Kriegsfolgen realistisch dokumentiert und andererseits unglaubliche menschliche Abhängig- und Hörigkeiten immer wieder slapstickartig vorgeführt werden. Doch das Lachen bleibt dem Zuschauer ganz schnell im Halse stecken, wenn beispielsweise die Körpertherapie „anschlägt“ und das, was vorher wie ein nettes Tänzchen anmutet, blitzartig in eine Vergewaltigung von Schwester Violetta umzuschlagen droht. Und es sich nicht nur dabei zeigt, unter welchen Traumata die sechs Soldaten – bedauernswerte Hampelmänner in diversen weißen Unterkleidern – wirklich leiden.

„Kreuzritter“ des belgischen Theaters Agora nimmt dabei nicht nur die Kriege, die in der Vergangenheit im Namen Gottes geführt wurden, ins Visier. Es ist ein beklemmender und entlarvender Kommentar zu den weltweiten Kreuzzügen der Gegenwart. Das wird vor allem deutlich in der Filmsequenz (Christiane Hommelsheim), die nicht nur, die dem „Heilungsprozess“ die Krone aufsetzende Traumtherapie, sondern auch noch die Mechanismen unserer modernen Medienwirklichkeit überaus wirkungsvoll entlarvt.

So politisches und zugleich poetisches Theater hat man vielleicht seit Christoph Marthalers musikalisch-choreografischen Collagen zum letzten Mal gesehen. Marcel Cremer und sein Ensemble – als Patienten mitleiderregend und überzeugend (Sascha Bauer, Eno Krojanker, Kurt Pothen, Andreas Schmid, Dirk Schwantes und Mathias Weiland) wollen „Volkstheater im besten Sinne“ machen. Die Wahl der Mittel – vom Kirchenlied bis hin zu den „Vorführtechniken“ diverser privater Fernsehsender – unterstützt in diesem Fall ausdrücklich den Zweck. Offen bleibt allerdings, warum es gerade Frauenfiguren sein müssen, die hier als ideologische Einpeitscherinnen fungieren.

Aufklärung im besten Sinne und noch dazu mit so großem Amüsierfaktor, dass man gar nicht sofort begreift, was einem geschieht und bereitwillig den Anweisungen von „Mama Zara“ zum Mitklatschen folgt. Bisher 180 Aufführungen zeigen, dass sich der Mut der freien Theatergruppe, so ein brisantes Thema anzugehen, durchaus „gelohnt“ hat. Auch in Potsdam begeisterte und nachdenkliche Besucher, die langanhaltenden und herzlichen Beifall zollen. Zum Abschluss des Festivals setzte schließlich ein „Tod auf Stelzen“ mit Feuerkugeln den begehbaren Skulpturengarten „Laby wobohu“ des Straßenkünstlers Richard von Gigantikow in Brand.

Bilanz des zehntägigen Festivals, das im zehnten Jahr des Bestehens des T-Werkes mehr als 3000 Besucher anlockte: großartige Begegnungen von interessierten Theaterbesuchern aller Altersklassen mit spannenden und unterhaltsamen Inszenierungen aus Deutschland, Israel und sechs europäischen Nachbarländern.

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