Kultur : Der schreiblustige Zeichner

Der Kleinmachnower Autor Harald Kretzschmar, bekannt aus dem „Eulenspiegel“, wird heute 85 Jahre alt. Eine Begegnung

Selbstporträt. Harald Kretzschmar, wie er sich selbst zeichnet. Repro: PNN
Selbstporträt. Harald Kretzschmar, wie er sich selbst zeichnet. Repro: PNN

Man sagt, der Inhalt einer Hausapotheke gebe das Innere ihres Besitzers preis. Ebenso Bibliotheken. Bei Harald Kretzschmar teilen sich Bücher, Zeitungen und Zeitschriften den Raum. Die Bibliothek ist zugleich sein Arbeitszimmer. In ihm sind auch die meisten seiner eigenen geistigen Erzeugnisse versammelt. Doch nicht nur Kretzschmars Arbeiten sieht der Besucher in seinem Haus in Kleinmachnow, in dem er seit 1956 als schreibender und zeichnender Autor lebt und arbeitet, sondern auch Werke von bekannten Künstlerkollegen. Sein Interesse für sie und ihre Kunst ist unverdrossen groß. Er besucht ihre Ausstellungen, obwohl Galerien und Museen der näheren Umgebung heutzutage Malern, Grafikern und Bildhauern viel zu selten die Möglichkeit geben, auszustellen.

Harald Kretzschmar klagt über fehlende Arbeit und Anerkennung nicht. Sie wird ihm auch nicht versagt. Er holt sie sich auch gern selbst ins Haus. Freilich, seine geistige Frische und Elastizität und körperliche Rüstigkeit sind ausschlaggebend für sein stetes Einmischen in die aktuellen politischen und kulturellen Belange. Als Karikaturist hat er sich in früheren Jahrzehnten vor allem einen Namen gemacht.

Über den legendären Dresdner Denkmalpfleger und Kunstkritiker Fritz Löffler schrieb Kretzschmar im Jahre 1984: „Ein Mann im 85. Lebensjahr blickt im allgemeinen zurück – auf vergangene Zeiten, gehabte Erlebnisse und vollbrachte Leistungen. Fritz Löffler hat dazu gar keine Zeit. Er eilt als kundiger Eröffnungsredner zu Vernissagen und als umsichtiger Familieneinkäufer durch die Kaufhallen.“ Auch der kreative Kretzschmar, der heute seinen 85. Geburtstag feiert, scheint selten Zeit zu haben. Er ist auf der Suche nach neuen Begegnungen und Erlebnissen, die er künstlerisch verarbeitet. „Die Natur gibt mir alles, Technik ist nur Hilfsmittel“, sagt er. Auch dieses Wort stammt von ihm: „Meiner Hand vertraue ich, sie ist kein Werkzeug, denn sie macht Seele sichtbar.“

Trotzdem lernte der in Berlin Geborene und in Dresden Aufgewachsene das Handwerkszeug. An der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig hat er sein Diplom als Grafiker erworben. Doch Dresden, die sächsische Kunststadt an der Elbe, hat ihn geprägt, in sie ist er immer wieder zurückgekehrt, hat das dortige Künstlervolk mit wenigen Strichen für den „Eulenspiegel“ in den 1960er- bis 1980er-Jahren porträtiert. Als Mitarbeiter der Satirezeitung „Eulenspiegel“ ist Kretzschmar auch bekannt worden. Seit 1958 bis Anfang der 1990er-Jahre hat er auf der Seite Sechs 1361 Porträtkarikaturen veröffentlicht. Die Sammlung der Dresdner Porträt-Zeichnungen hat er 2013 der Städtischen Galerie Dresden geschenkt. Auch die Karikaturensammlung „Satiricum“ der Staatlichen Museen Greiz, die er 1975 gründete, kann sich glücklich schätzen, Werke von Kretzschmar in ihrem Besitz zu haben.

Dieser wandte sich nach 1990 verstärkt der politischen Tageskarikatur und dem philosophischen Cartoon zu, auch Porträtmasken aus Ton entstanden. Noch heute kann der Leser einer großen deutschen Tageszeitung einmal in der Woche einer satirische Zeichnung Harald Kretzschmars begegnen.

Die aktuelle Politik ruft ihn geradezu dazu heraus, sie aufs Korn zu nehmen. Aber nicht die oberflächliche Attacke und das Lächerlichmachen sind sein besonderes Anliegen, sondern das Weiterdenken. „Ich wollte immer kritisch sein, das hat etwas mit Geist zu tun“, sagt Kretzschmar. Immer wieder rücken im Gespräch mit ihm auch seine veröffentlichten Bücher in den Mittelpunkt. „Paradies der Begegnungen“ sowie „Treff der Originale“ – letzteres erschienen im Verlag für Berlin-Brandenburg – sind Liebeserklärungen an Kleinmachnow und an die meisten seiner Einwohner.

„Ich war jahrzehntelang Zeichner. Zugegeben, ein recht nachdenklicher, geschichtsbewusster und immer wieder schreiblustiger Zeichner. Je weniger Worte ich beim Zeichnen brauchte, desto stärker drängte mein Sprachgefühl zum Formulieren von Texten“, sagt Kretzschmar. In den Texten und Zeichnungen seiner Bücher wird die wunderbare Beobachtungsgabe und das Reflektieren über Menschen erlebbar: liebevoll und doch zupackend, kritisch-ernst und doch heiter-erfrischend.

Abschließend zeigt Harald Kretzschmar seine prall gefüllten Skizzenbücher von Reisen ins In- und Ausland, vor allem in die mediterrane Welt Europas. Auch dort hat er mit knappen Strichen die Landschaften, Städte und Menschen gezeichnet. Ab Ende Mai kann man sich an einer Ausstellung seiner Reisezeichnungen erfreuen. Klaus Büstrin

Ausstellung mit Zeichnungen von Harald Kretzschmar und Skulpturen von Rainer Kessel ab dem 29. Mai im Landarbeiterhaus Kleinmachnow, Zehlendorfer Damm 200. Am 5. Juni um 15 Uhr liest Harald Kretzschmar aus seinen Kleinmachnow-Büchern im Wilhelm-Fraenger-Haus Potsdam, Tschaikowskyweg 4. Andreas Frye und Timofey Sattarow musizieren.