Kultur : Der neue Jazz aus der Provinz

Standard, Free, Modern und Experimentell: Dritte Jazzoffensive in der Schiffbauergasse

Oliver Dietrich
Experimente mit Percussion. Der Musiker Joss Turnbull spielt in der fabrik.
Experimente mit Percussion. Der Musiker Joss Turnbull spielt in der fabrik.Foto: promo

Er ist wieder da – der Jazz. Zumindest propagierte das die „Zeit“ in einem Titelthema ihres Magazins im Sommer. „Und er kommt aus der deutschen Provinz“, schrieb der Autor. Der neue deutsche Jazz kommt also auch aus Potsdam. Die dritte Jazzoffensive in der Schiffbauergasse ist der beste Beweis.

Große Erwartungen hatte man damals, im Oktober vor zwei Jahren, nicht gehabt. Die erste Jazzoffensive hatte gerade die Planung hinter sich und sollte starten, als von den Machern in der Schiffbauergasse eher verhaltene Töne erklangen: Man wolle erst mal schauen, was passiert. Am Ende wäre man ganz froh, wenn es in der Bilanz zu einer Null reicht.

Das steht vielleicht etwas stellvertretend für das Stiefkind-Image, das der Jazz in Potsdam bislang hatte. Völlig zu Unrecht: Was sich in Potsdam in den vergangenen Jahren an Jazz-Veranstaltungen bewährt hat und was für eine Instanz der Jazz selbst geworden ist – das war wohl nicht abzusehen. Begonnen hatte es damals mit den zaghaften Versuchen von Max Punstein und seiner Veranstaltungsreihe „JazzTime in Babelsberg“ sowie dem „Jazzlab“ in der fabrik um Nicolas Schulze und Oliver Fröhlich.

Und auch die Jazzoffensive läuft stabil: Immerhin zum dritten Mal findet die Veranstaltung nun statt. Am morgigen Samstag ist es wieder so weit und alle Häuser der Schiffbauergasse vereinen sich für ein Musikgenre, das immer mehr junges Publikum anzieht. Es geht natürlich um Bandbreite, schließlich ist Jazz nicht gerade mit ein paar kurzen Sätzen abgetan. Und es geht um Spaß: Von Standards bis zu Free und Modern Jazz soll alles aufgefahren werden.

Das startet zunächst ganz sanft: mit der Jazzband Easy does it von der Städtischen Musikschule Johann Sebastian Bach, bevor um 19 Uhr das erste Konzert im fluxus-Museum startet. Dort spielen Confessin’ the Blues: Thomas Rottenbücher, Matthias Opitz und Dirk „Blues“ Rolle haben sich komplett dem Blues verschrieben, handgemachter Musik ganz im Stil von Muddy Waters und Co. Bereits eine halbe Stunde später startet auf dem Theaterschiff bereits die nächste Band: Das Marco Böttger Swingtett spielt Gipsy-Swing, unterstützt vom Ex-Keimzeit-Saxofonisten Ralf Benschu.

Weitaus experimenteller wird es im Waschhaus mit dem Synergy Duo: Susan und Martin Weinert sind alte Hasen im Geschäft, seit mehr als 30 Jahren touren die beiden durch die Welt, sie an der Akustikgitarre, er am Bass. Was reduziert klingt, wird mit großer Hingabe elektronisch aufgepeppt. So entsteht eine flirrende Musiklandschaft, die sich jeder Schublade verweigert. Joss Turnbull, der in der fabrik auf der iranischen Kelchtrommel Tonbak spielt, zählt zu den spannendsten Perkussionisten dieser Zeit. Wer ihn im Februar 2015 im Nikolaisaal als Teil seines Projektes LebiDerya erlebt hat, wird das bestätigen können. Perkussion mal ungewöhnlich: Berühmt ist Turnbull für seinen Einsatz von Livesamplings und öfter auch Gummibällen. Im Anschluss an sein Solo-Konzert ist er mit der Familie zu sehen: Als Die Turnbulls gibt es Experimentaljazz auf mehreren Ebenen. Begleitet wird er von seinem Vater Mike Turnbull als zweiter Perkussionist sowie Schwester Josefine Turnbull am Mikrofon. Wer es weniger experimentell, aber dennoch emotional mag, kommt an der Musik der Leipziger Künstlerin Janda kaum vorbei: Irgendwo zwischen Pop und Jazz verliert sich die Band in einem Konglomerat aus Irrwegen und Neuanfängen – und zwar im T-Werk. Von dort ist es auch nicht weit in die Reithalle: Dort gibt es selbstverständlich theatertaugliche Musik. Zu Gast ist das Cordula Hamacher Quartett: Die Jazz-Saxofonistin ist verantwortlich für die Soundtracks mehrerer Theater. Deutlich wilder wird es dann wieder im Waschhaus: Das Projekt Wilde Ehe von Ursula Haese und Ulrich Miller erfindet den Klangkosmos neu – Jodel, Punk, Free-Jazz, Neue Musik, mal nacheinander, mal gleichzeitig. Abkühlung gibt es dann die ganze Nacht in der Jazzlounge: Auf dem Theaterschiff lässt ein DJ die Nacht ausklingen. Und die darf gern noch lang werden. Oliver Dietrich

Jazzoffensive #3 am Samstag, 14. Oktober, ab 18.30 Uhr in der Schiffbauergasse. Das Tagesticket für alle Konzerte kostet 12 Euro, unter 18 Jahre ist der Eintritt frei

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