Kultur : Der Mann, der Klänge sehen kann

Zu Besuch bei dem Komponisten Martin Daske, dem „Drahtzieher“ des „Unerhörten Brandenburg“

Astrid Priebs-Tröger

In seinem Tonarchiv hat er mehr als dreißigtausend Klänge versammelt: Rauschen, Brummen, Dröhnen, Donnern, Zirpen, Gellen, Krächzen, Zischen, Prasseln, Knattern ... Laute und Geräusche, die Menschen, Tiere und Dinge von sich geben, die von natürlichen oder künstlichen Vorgängen herrühren. Völlig skurril findet Martin Daske zum Beispiel Schwimmpoller in Schleusen. Viel Zeit brauchte er, um Schneegänse in Kanada aufzunehmen und besonders stolz ist er auf ein Pfählungsgeräusch, das auf einer Dracula-CD Verwendung fand. Daske kann stunden- ja tagelang an einem Klang basteln.1995 komponierte er das Stück „tribouret“, in dem ein alter Klavierhocker mit einer elektrischen Wasserpumpe zusammentrifft. Der Hocker machte „ein unglaublich melodiöses Geräusch, es war ein Singen, Quietschen und Rumpeln“, erzählt er begeistert, und, zusammen mit der elektrischen Wasserpumpe lauscht das Sitzmöbel dann im Stück den Klängen einer weit entfernt übenden, belgischen Dorfkapelle.

Der Komponist, 1962 in Berlin geboren, ist nicht nur ein enthusiastischer Tönesammler, sondern er engagiert sich auch als Verbreiter von zeitgenössischer Musik. Seit 1989 organisiert er im Berliner BKA-Theater gemeinsam mit Rainer Rubbert die einzige wöchentliche Konzertreihe für Neue Musik in Deutschland. Diese „Unerhörte Musik“ hat im Herbst vergangenen Jahres am Brandenburger Theater eine kleine Schwester bekommen: „Unerhörtes Brandenburg“. Einmal monatlich, Sonntagnachmittags, spielen dort hervorragende Solisten und Ensembles vor allem kammermusikalische Werke von zeitgenössischen Komponisten, so auch aus dieser Region: von dem Brandenburger Helmut Zapf, dem Potsdamer Gisberth Näther, von Stefan Bartling aus Werder oder von Daske selbst, der in Ferch lebt.

Schwerpunkt der neuen Reihe, die der Theaterintendant Christian Kneisel an seinem Haus etablieren will, sind Werke jüngeren Datums. Ohne ästhetische Einschränkung soll sie die ganze Bandbreite heutigen Komponierens widerspiegeln, soll der Zuhörer erfahren, dass Neue Musik spannend und vielfältig, schön und sinnlich ist. Und dass sie von Tönen und Klängen lebt, die man bisher vielleicht viel zu wenig erhört hat.

Daske beschloss bereits als Sechzehnjähriger, Tonschöpfer zu werden. Er studierte von 1980 bis 1988 u.a. in den USA bei Christian Wolff, dem Sohn des berühmten Verlegers Kurt Wolff, sowie bei Boguslav Schaeffer in Krakau und Salzburg Komposition. Er arbeitet seitdem als Autor, Regisseur, Produzent, Komponist und Sounddesigner, betreibt seit 1993 sein eigenes Tonstudio, das sich zehn Jahre an Bord eines 40 Meter langen alten Binnenschiffes befand. 2001 ist er in Ferch „vor Anker gegangen“ und im „tribord-studio“ werden vor allem kammermusikalische Werke, Chansons oder seine liebsten Kinder, Hörbücher, produziert. Da reicht das Spektrum von „Klingenden Bilderbüchern“ für den WDR, einem Kinderhörspiel über Geräusche in der Dunkelheit bis hin zur einstündigen Komposition „no barking at any time“ von 2005. In diesem, für Deutschlandradio Kultur komponierten Hörstück tauchen alle Tiere aus seinen fünfminütigen Geräuschkompositionen, die er ein Jahr vorher für den Sender monatlich erfunden hatte, wieder auf. Diesmal als vielstimmiger Klangkörper, zum Teil elektronisch verfremdet und zu einer faszinierenden Musik verwoben. Die einzelnen Passagen tragen Namen wie „Zitterrochen, seinen letzten Willen zerreißend“ oder „Hyäne, wolfszerreißend weinend“.

Viele der Geräusche fand Daske im Internet, z. B. die von mehr als 150 Fischen, die, wie man landläufig meint, eigentlich stumm sind, bei ihm jedoch bisher nicht gehörte Töne von sich geben. Doch dieser Musiker hört und findet nicht nur überall Töne: er sieht auch welche. So sind für ihn „Hochspannungsleitungen, aus dem fahrenden Zug gesehen, hochmusikalisch“ oder es macht ihm großen Spaß, „aus einem Apfelbaum mit Früchten eine Partitur herauszulesen.“ Wie man sich das vorzustellen hat, wird deutlicher an einer seiner Zink-Draht-Plastiken aus den 80er Jahren. Seine „folianten“ sind Partituren in Form von dreidimensionalen Notationen. Um die drehbar gelagerte Plastik sitzen z. B. vier Streicher herum. Jeder spielt, was er sieht. Der Grundcode: Linien dauern, Punkte sind kurz, links ist früher als rechts, oben ist hoch, unten ist tief. Dann wird „umgeblättert“. „Auch bei dem Apfelbaum verändert sich alles, wenn ich einen Schritt nach links mache“, meint Daske lächelnd. Für den Laien ist das sehr ungewohnt, aber auf jeden Fall eine Überlegung mit überraschendem Ausgang. Einige der filigranen Gebilde stehen bis heute in seinem Wohnzimmer. Nach dem Besuch bei ihm weiß man: Zeitgenössische Musik ist ungewöhnlich vielfältig, ihre Macher sehr experimentierfreudig und das Hörerlebnis oft mehrdimensional. Daskes Arbeiten errangen international Preise, 1990 und 1999 erhielt er den Berliner Kompositionspreis. Und dass er nicht nur für sich allein im stillen Kämmerlein experimentiert, zeigt nicht zuletzt sein Engagement als Audio-Projektbetreuer an der Potsdamer Voltaire Gesamtschule. Außerdem steht er selbst, gemeinsam mit dem Lübecker Stimmvirtuosen Rainer Rudloff, auf der Bühne und verleiht Lesungen mit fantastischen Stoffen einen außergewöhnlichen Klang. Er ist eben ein „Klangschürfer“, genau so wie sich das Duo selber nennt.

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