Kultur : Der Kubus auf dem Neumarkt

Syntopischer Salon eröffnet: Zum Auftakt ist eine interdisziplinäre Lichtinstallation zu sehen

Gerold Paul
Gläsernes Labor am Neuen Markt. Drei Monate finden hier wechselnde Ausstellungen statt. Die Lichtinstallation „Rays“ macht den Auftakt und ist Tag und Nacht zu sehen.
Gläsernes Labor am Neuen Markt. Drei Monate finden hier wechselnde Ausstellungen statt. Die Lichtinstallation „Rays“ macht den...Foto: Andreas Klaer

Alles hängt von den Definitionen ab. Dabei geht es allerdings weniger um die Frage, wie sich etwa Kunst und Wissenschaft bestimmen ließen, sondern wer das tut. Erst so können Hierarchien entstehen, Abhängigkeiten und deren unabsehbare Folgen. Ganz in diesem Sinn wurde am Mittwoch im „intellektuellen Zentrum Potsdams“ Am Neuen Markt ein in mehrfacher Weise interdisziplinäres Projekt vorgestellt, der geheimnisvolle „Syntopische Salon“.

Dabei handelt es sich schlicht und wenig ergreifend um einen grob gezimmerten, lichten Kubus von acht Quadratmetern Grundfläche, der nicht nur von allen Seiten eingesehen werden kann, sondern auch tags und nachts, bei Wind und Wetter. Irgendwo da lieg auch der Dreh, denn das kryptische Kunstwort Syntopie will nach Auffassung eines Ernst Pöppels – so steht es jedenfalls im Pavillon geschrieben – Dinge oder Phänomene zusammenführen und sichtbar machen, die weder zusammengehören noch zusammenpassen.

Das dreimonatige Projekt hat viele Väter und mancherlei Paten: Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften mit der Parole „Wissen ist Kunst – Kunst ist Wissen“, Institute und Einrichtungen am Platz, Potsdams Universität, die Filmhochschule, auch die Kulturämter von Stadt und Land leihen dem fast unsichtbaren Opus gerne Ohr und Segen. Macher im interdisziplinären Team sind Roland Essl, Ildiko Meny und Michaela Rotsch. Im Kubus drin sieht man eine merkwürdige Installation als sichtbares Zeichen, dass dieses Projekt ernstmachen will mit dem Bund von Wissenschaft und Kunst zugunsten neuer Erkenntnis. Drei „Objektträger“, leicht versetzt und nacheinander montiert, versinnbildlichen gleichsam unter „Laborbedingungen“ und vor aller Augen, wie das von Newton definierte Licht die darauf abgebildeten Motive beleuchtet, verändert, bedeckt oder „verschattet“ – ein Wort nur aus der unmöglichen Begriffssprache des Experiments „Rays“, alias „Licht“. Bedrohlich wie ein Schwarzes Loch ganz vorn ein „Bildschnipsel“ aus dem Science Fiction-Film „Gattaca“, dem Licht ein Graus ist, denn da kommt nichts durch. Das Mittelstück ist ein winziges Segment aus einem mittelalterlichen Glasfenster von St. Nikolaus in Bad Wilsnack. Der „Corpus Vitrearum Medii Aevi. Glasmalereiforschung“ gleich in der Nachbarschaft hat es zu einem „Erhaltungsschema“ verarbeitet. Das Bild einer „retinalen Ganglionzelle (Fotorezeptor)“ samt „menschlicher virtueller Cortex (Sehrinde)“ kommt als Drittes ganz hinten. Nun fehlt noch einer: der Mensch als forschender Betrachter. Je nach Tag und Wetterlage kann er ab sofort im Vorübergehen weilen, um zu sehen, was das Licht gerade mit den drei Objekten aus den Reichen Kunst, Forschung und Medizin macht, und was sie da wohl untereinander treiben. Da soll es lichte Ränder geben, dunkle Schatten, weiße Flecke und gänzlich Undurchdrungenes. Nachts wird das Objekt auf verschiedene Weise durch LCE-Lämpchen beleuchtet, was neue Bilder und Assoziationen gibt. Und wenn erst der Mond auf den Neuen Markt scheint!

Doch im Ernst, auch wenn das Ding nach nichts aussieht und eher Medium als Kunstwerk ist, so ist doch weniger die Frage, wer eigentlich Ernst Pöppel war (Wikipedia verrät es: ein Gehirnforscher). Eher denkt man an Marcel Duchamp, einem der ersten Licht-Künstler vor Man Ray, der gleichfalls grüßen lässt. Das ganze Gerede zur Eröffnung um „Vernetzung, Erhaltungsschema, neue Freiräume, urbane Schnittstelle, Rollenbilder“ kann man sich schenken.

Der „Syntopische Salon“ auf dem Neumarkt bleibt Potsdam bis zum September erhalten. Ins rechte Licht gesetzt werden unter anderem noch eine Kartoffelinstallation, Filmsplitter der HFF, Buddhas Name und ein Beitrag aus der „Systembiologie“. Gar nichts zu sehen ist völlig unmöglich, nicht mal bei Nacht. Also hingesetzt und zugeschaut, wie die Träume wachsen! Mancher macht ja noch heute aus jeder Kunst ’ne Wissenschaft.

„Rays“, eine interdisziplinäre urbane Lichtinstallation von Michaela Rotsch und Ildiko Meny, bis 4. Juli Tag und Nacht auf dem Neuen Markt zu beobachten