• Der Kitt einer Gesellschaft: „Engagiert Euch!“: Ein bunter Abend am HOT

Der Kitt einer Gesellschaft : „Engagiert Euch!“: Ein bunter Abend am HOT

Astrid Priebs-Tröger

Menschen beim Sterben begleiten, Kindern aus sozial benachteiligten Familien ein tägliches Frühstück ermöglichen, Obdachlose mit Kleidung versorgen oder Jugendliche bei Pubertätsproblemen telefonisch beraten – das Spektrum der Möglichkeiten, sich ehrenamtlich zu engagieren, ist so vielfältig wie das Leben selbst.

Die meisten Menschen, die ehrenamtlich tätig sind oder werden wollen, tun dies, weil sie einen Missstand in ihrer unmittelbaren Umgebung erleben und diesen beheben wollen. Dies sagte jedenfalls Ulrike Buttenberg von der Freiwilligenagentur des Potsdamer Sekiz bei dem am Dienstag im Reithallen-Forum stattfindenden Abend „Engagiert Euch!“.

Doch bevor die fünf sehr unterschiedlichen ehrenamtlich Engagierten von den Schauspielern Rita Feldmeier und Moritz von Treuenfels interviewt wurden, traten 25 Sängerinnen und Sänger des Potsdamer Generationenchors mit einer bunten Mischung aus jazzigem „African Call“ und flottem „Lolly Pop“ sowie internationalen und deutschen weihnachtlichen Songs auf. Sie sangen an diesem Abend mit viel Herzblut ein Benefizkonzert für den Aufbau einer Bläserklasse an einer Potsdamer Gesamtschule am Schlaatz.

Ehrenamt und Herzblut wurden in dieser ambitionierten Veranstaltung oft in einem Atemzug genannt, ja beinahe synonym verwendet. Und aus den Erzählungen der Jugendseelsorgerin Anna, des Ehepaares Renate und Bernd Maaß, des Sterbebegleiters Peter Jasinski oder von Franziska Löffler von der „Spirelli-Bande“ wurde klar, dass Geben und Nehmen im Ehrenamt ungemein wichtig sind und dies auch der Kitt ist, der unsere Gesellschaft zusammenhält.

„Ohne Ehrenamt“, sagte die hauptamtliche Awo-Mitarbeiterin Franziska Löffler, „würde unser Sozialsystem (so) nicht mehr funktionieren.“ Sind Haupt- und Ehrenamt in Konkurrenz oder stiehlt sich der Staat aus seiner sozialen Verantwortung? Eine Frau aus dem Generationenchor brachte es auf den Punkt: Ehrenamt muss man sich – heutzutage und in Zukunft – leisten können! Sie stellte in diesem Zusammenhang die Frage in den Raum, ob ehrenamtliches Engagement nicht wenigstens auf die Rentenpunkte angerechnet werden sollte? Dies fand zwar allgemein Anklang, wollte und konnte aber in der vollgepackten Veranstaltung nicht beantwortet werden, die sich nach den Einzelvorstellungen von fünf Engagierten auch noch in einer Schlussrunde mit zwei weiteren Talk-Teilnehmern zusammenfand, was eigentlich keinen Raum dafür ließ, diese auch noch ausreichend zu Wort kommen zu lassen.

Die insgesamt informative Veranstaltung fand im Rahmen der Reihe „Stadt der Zukunft“ statt. Doch wie beschrieben wurde hauptsächlich über den Ist-Zustand, kaum über die Zukunft von Ehrenamt nachgedacht. Beispielsweise über den Ansatz der feministischen Sozialwissenschaftlerin Frigga Haug Zeit, Wohlstand und Arbeit neu zu definieren. Haug entwickelt ihrem Buch „Die Vier-in-einem-Perspektive“ eine Utopie der „Gerechtigkeit für alle“, bei der Erwerbs-, Familien- und Gemeinwesenarbeit sowie individuelle Bildung und Entwicklung für jeden möglich sein sollen und auf gleicher Ebene gesehen und verteilt werden. Bei solchen Prämissen wäre Ehrenamt etwas, was weder vom Geldbeutel des Einzelnen abhängig wäre noch vom Staat – nach dem Subsidiaritätsprinzip – ermöglicht werden müsste. Schöne Aussichten eigentlich für eine „Stadt der Zukunft“. Astrid Priebs-Tröger