Kultur : Der große Unterschied

Eine erotische Lesung von drei jungen Autorinnen in der Urania

Daniel Flügel

Es wird an keiner Stelle langweilig, peinlich oder gar primitiv. Die drei jungen Autorinnen, die am Freitagabend in der Urania unter dem Motto „Leselust“ ihre erotischen Texte präsentieren, bedienen sich darin oft einer bildhaften und anspielungsreichen, immer wieder aber auch direkten, nie jedoch zu detailgenauen oder ausmalenden Sprache. In ihren ganz unterschiedlichen Texten geht es Dana Kamin, Esther Eichenauer und Kerstin Raatz nicht darum, den Geschlechtsakt in den Vordergrund zu stellen, ihn zu isolieren, um ihn mit der Akribie einer Bedienungsanleitung wie eine sportliche Übung oder eine Zirkusnummer zu beschreiben. Bei ihnen sind die Handlungsrahmen fast immer realistisch, die Charaktere echt, wird das Spielerische der Erotik betont und dabei die Phantasie der Gäste nicht erstickt.

Dass sich unter denselben nur zwei Männer befinden, mag überraschen, liegt jedoch sicher nicht an den Geschichten, die durchweg von weiblichen Hauptfiguren handeln oder erzählt werden. Bei dieser erweiterten Neuauflage einer im letzten Herbst stattgefundenen Lesung gleichen Themas legen die Autorinnen an diesem Abend in ihren neuen Prosastücken meist den Fokus auf die Seelen- und Gefühlswelten ihrer Protagonistinnen, die sie in erotische Abenteuer geraten lassen.

Die Berliner Autorin Esther Eichenauer benutzt in ihren Texten häufig erotische Beschreibungen, um die Einsamkeit ihrer Figuren darzustellen. Sei es durch das Erlebnis, welches Zellophanfolie auf der Haut bereitet, oder das Belauschen eines in der Nachbarwohnung kopulierenden Paares; zusammen mit diesen Geheimnissen wird auch die Sinnlichkeit am eigenen Körper entdeckt. Kunstfertig und raffiniert angelegt sind die Szenarien, die Kerstin Raatz in ihren Texten entwirft.

Während in „Die Verführung“ etwa der Geruch frischen Brotes variationsreiche Berührungsfantasien evoziert, die männliche Nacktheit mit Blicken beschrieben und eine Zweisamkeitsszene als reizvoller Spielablauf erzählt wird, präsentiert die Potsdamerin mit einem „Special“ aus ihrem noch unveröffentlichten Briefroman ein ungewöhnliches, phantastisch gefärbtes und bisweilen etwas schwieriges Erotikstück. Ein besonderer Kunstgriff ist Dana Kamin in ihrem Text „Neuland“ gelungen, den sie lebhaft szenisch vorzutragen versteht. Mit erzählerischer Leichtigkeit wird hier die schrittweise, quasi von den Augen bis zu den Füßen reichende Annäherung zweier Unbekannter in einem Zugabteil beschrieben, gleich einem unauffällig sich abspielenden Stück, das dann sehr überraschend und auch noch lustig endet. Dana Kamin sagt, dass ihr gerade der Einbau von heiter komischen Elementen in einen erotischen Text besonders schwer gefallen sei. Umso bemerkenswerter, wie sehr sie mit diesen untypischen Mitteln überzeugt und besticht.

Erotische Literatur hat eine lange Tradition: von Boccaccio über Marquis de Sade bis Nabokov. Dass die Arbeiten der drei Autorinnen eher daran anknüpfen und nichts mit den auf Ekel gebürsteten „Feuchtgebieten“ von Charlotte Roche oder der sprachlichen Armseligkeit von E.L. James’ Romantikporno „Shades of Grey“ zu tun haben, bewiesen die vorgetragenen Texte. Hier stand stets Ästhetik, Sinnlichkeit und Leidenschaft im Zentrum. Daniel Flügel