Kultur : Der eingebettete Schmerz

Loretta Walz möchte ihre lebensgeschichtlichen Interviews mit Frauen aus Ravensbrück auf einer Datenbank erfassen und jungen Leuten zugänglich machen

„Ich kam aus dem Lager seelisch gestärkt und betete, dass ich keine Rachegefühle habe. Doch ich empfinde gegenüber den Deutschen nur Mitleid.“ Diese Worte einer polnischen Überlebenden aus dem Konzentrationslager Ravensbrück überraschen. Denn diese Frau erlebte mit, wie man junge Mädchen an ihrer Seite zwangssterilisierte, wie andere, die schwanger ins Lager kamen, ertragen mussten, dass ihre Babys an der ausgemergelten Brust verhungerten. Und wie am Ende der Lagerzeit die Selektion für die Gaskammer begann.

Doch die Frauen aus Ravensbrück, die die Filmproduzentin, Autorin und Regisseurin Loretta Walz seit über 30 Jahren interviewt, erzählen nicht nur über das Unbegreifliche. Ihre schmerzlichen Erlebnisse aus dem Lager sind eingebettet in ihre ganzheitlichen Lebensgeschichten: über ihre Kindheit und die erste Liebe, wie sie in den Widerstand kamen, und wie sie heute denken und fühlen. „Es sind stolze, schöne Frauen, politisch engagiert und hellwach. Ganz anders als ich es von meiner Oma kenne, die vor allem über ihre Enkel und Krankheiten erzählt.“

Loretta Walz hat 200 Überlebende aus ganz Europa interviewt. Ihr daraus entstandener Film „Die Frauen von Ravensbrück“ erhielt 2006 den Grimme-Preis und sie selbst wurde mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Doch für die engagierte 53-Jährige ist das Thema noch lange nicht ausgeschöpft. Sie möchte, dass die aufgezeichneten Erinnerungen in eine Datenbank gespeist werden, so dass auch die nächste Generation darauf zurückgreifen kann – wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt.

Für ihr Pilotprojekt, in dem zunächst sechs Lebensgeschichten deutschsprachiger Interviewpartnerinnen für die medienpädagogische Arbeit an den Schulen aufbereitet werden sollen, erhielt sie Rückenwind von der Stiftung „Großes Waisenhaus zu Potsdam“ sowie vom Ministerium für Bildung, Jugend und Sport, die mit 18 500 Euro das Vorhaben unterstützen. Und über weitere 6 500 Euro von der Stiftung Tolerantes Brandenburg wird im Mai entschieden. Sollte auch diese Finanzierung klappen, könnte das Pilotprojekt im November abgeschlossen sein.

„Um jedoch alle 200 Interviews, die jeweils drei bis vier Stunden dauern, zu sichten und zu bearbeiten, würde man zwei bis drei Jahre brauchen.“ Auch dazu wäre Loretta Walz mit ihrem inzwischen gegründeten Verein Waidak Media e.V. bereit. „Man kann diese Lebensgeschichten nicht einfach so veröffentlichen, jede muss genau geprüft werden, um die Persönlichkeitsrechte der Frauen nicht zu verletzen. Zudem sind viele Erinnerungen subjektiv und würden einer faktischen Überprüfung vielleicht nicht immer standhalten. Also muss man die Gespräche begleiten, vielleicht auch kommentieren.“ Für Loretta Walz geht es nicht um Betroffenheitsgeschichten, aber sie möchte die Tragik vermitteln, was für ein Verbrechen es gewesen sei, „so wunderbare Menschen zu verletzen“.

Ihre erste Begegnung mit einer Ravensbrückerin hatte die gebürtige Stuttgarterin 1979, als sie an dem Film „Alles Vergessen schreit im Traum um Hilfe“ mitarbeitete. Sie freundete sich mit der Filmheldin Maria Zeh an und fuhr mit zu dem jährlichen Treffen der Lagergemeinschaft Ravensbrück. „Die alten Damen waren hocherfreut über meine Neugierde, dass sich junge Leute für ihre Erlebnisse interessieren.“

Sie fuhr auch ein Jahr später wieder mit. „Dieses Treffen sollte die Kameradinnen animieren, ihre Erinnerungen aufzuschreiben, um Zeugenschaft abzulegen für eventuelle Entschädigungen anderer Frauen. Einige sagten jedoch: ,Ich kann das nicht“. Sie fühlten sich überfordert, den Schmerz der Erinnerung allein mit sich auszumachen. Da machte es Klick bei mir“, so die Filmfrau. Loretta Walz assistierte ihnen und schließlich begann sie per Video aufzuzeichnen, warum beispielsweise die 17-jährige Friseurin oder die Gymnasiastin in den Widerstand gingen. „Manchmal war es einfach die Liebe, die sie in die Politik trieb.“ Oder der gesunde Menschenverstand, wie Inger aus Norwegen, im Video erzählt: „Wir wollten nicht in dieser Naziwelt leben, also musste man irgendetwas dagegen tun. Ich konnte doch nicht warten, dass der Nachbar etwas unternimmt. Ich musste selbst etwas machen. So einfach ist das.“

Als Loretta Walz den Auftrag bekam, einen Film über eine französische Widerstandskämpferin, die 1942 erschossen wurde, zu drehen, lernte sie neue Frauen aus Ravensbrück kennen, diesmal aus dem Ausland. Nun dehnte sie ihre Interviews aus, fuhr nach Österreich, Norwegen, Belgien ... Nach 1989 auch nach Osteuropa. „Ich stellte fest, dass das Erlebnis der deutschen Frauen noch anders war als bei den Ausländerinnen. Weil diese nicht verstanden, was ihnen befohlen wurde, bekamen sie noch mehr Schläge. Zudem wussten die deutschen Frauen, die aus dem Land der Täter kamen, eher, was auf sie zukommen könnte. Wenn man aber verschleppt wird in eine fremde, bedrohliche Welt, ist das noch eine ganz andere Verletzung.“

Je tiefer Loretta Walz eintauchte, um so intensiver wurde das Thema für sie. „Ich begriff ein Stück weit, was Ravensbrück bedeutet.“ Heute interviewt sie Frauen und Männer, die als Kinder Ravensbrück erlebten. „Wie viele es waren, ist unbekannt. Sie kamen mit ihren Müttern, die oft nicht überlebten. Und so wissen sie mitunter gar nichts über diese Zeit: warum sie ins Lager mussten, und nicht, wer ihnen beim Überleben half. Für sie fühlt sich Ravensbrück an wie der reine Horror. Aber sie können es nicht konkret machen. Sie setzen sich Bilder zusammen, die ihre Identität ausmachen könnten.“

Obwohl oder gerade weil sich die an der Universität der Künste Berlin unterrichtende Filmfrau nun schon Jahrzehnte mit dem aufwühlenden Thema Konzentrationslager beschäftigt, hat es für sie nicht mehr die Bedrohlichkeit. „Ich spreche mit Frauen, die leben, stark sind und ein hohes Alter erreicht haben. Und auch bei mir setzte durch die Begegnung mit ihnen der Mut zum Altwerden ein. Gleichgültigkeit hat immer weniger Platz.“

Sie möchte diesen Frauen ein Denkmal setzen, auch wenn ihr 14-jähriger Sohn öfter zu ihr sagt: „Du immer mit deinen Lagergeschichten.“ Sie fühlt sich in der Verantwortung, die Erfahrungen von Ravensbrück weiter zu tragen. Und sie erlebt bei Projekten an den Schulen, dass Jugendliche, wenn sie selbst das Thema der Auseinandersetzung bestimmen, auch die Gameboys in der Tasche lassen. „Am ehesten erreicht man sie mit Geschichten, die für sie nachvollziehbar sind. Mit Heldenepen würde man sie leicht erdrücken.“