Kultur : Den Menschen unter die Haut sehen

Am Donnerstag eröffnete das Filmmuseum eine Werkschau der Regisseurin Helke Misselwitz

Foto: Andreas Klaer

Margarete und Hermann sind seit 60 Jahren ein Paar, das soll gefeiert werden. Die Familie ist gekommen, Kinder und Kindeskinder. Margarete strahlt über das ganze Gesicht, das Lachen eines jungen Mädchens. Hermann lächelt still, als er sich erinnert, wie das Haar von Margarete war, als sie sich kennenlernten: dunkelblond und glatt, zum Knoten gebunden. Eine glückliche Liebe, glaubt man.

Die diamantene Hochzeit des greisen Paares aus der Uckermark ist eine der Kernszenen in „Winter adé“ (1988), dem wohl bekanntesten Werk der Regisseurin Helke Misselwitz, die 1978 bis 1982 an der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam-Babelsberg (HFF) studierte und von 1997 bis 2014 hier Professorin für Regie war. Anlässlich des 70. Geburtstages der Regisseurin widmet das Filmmuseum ihr nun eine Werkschau, in der bis zum 27. August zahlreiche Filme gezeigt werden. Gerahmt von einigen Kurzfilmen machte „Winter adé“ am Donnerstag in Anwesenheit der Regisseurin den Auftakt der Retrospektive.

Auf einer Reise zwischen Planitz bei Zwickau und Sassnitz hoch im Norden der DDR fängt Misselwitz, damals 40-jährig, in „Winter adé“ die Geschichten von unterschiedlichen Frauen ein. Was erwarten sie vom Leben, was erwartet das Leben von ihnen? Das sind die Fragen, die immer wieder gestellt werden. Auch die Geschichte von Margarete wird hier erzählt – und das Hochzeitsfest ist nur ein Teil davon. In einer weiteren Szene trifft Misselwitz sie allein bei sich zu Hause, Margarete trägt jetzt Schürze und sieht plötzlich viel älter aus, ernster, fast geduckt. „Ich hätte einen anderen heiraten sollen“, sagt sie. „Der Hermann hat mich betrogen.“ In wenigen Worten tut sich ein Abgrund auf, wird die Einsamkeit um diese Greisin deutlich. Stürzt ein Leben, das glücklich schien, in sich zusammen.

Helke Misselwitz scheint in ihren Filmen den Menschen, meistens Frauen, unter die Haut direkt in die Seele zu schauen – und schafft doch Porträts, die zeigen, wie schön diese vom Leben gezeichneten Frauen sind. Die Kamera von Thomas Plenert, der auch mit Regisseuren wie Jürgen Böttcher und Volker Koepp zusammenarbeitete, nähert sich ihnen behutsam, schweift teilweise auch ab und greift sich ein Detail aus der Umgebung heraus. So ist man noch näher an den Stimmen der Frauen, rückt weg von der Oberfläche, auf die man sie sonst leicht reduzieren würde.

„Winter adé“ ist ein ehrliches, kritisches Porträt der späten DDR, das nichts beschönt, aber auch nichts vordergründig verdammt. Der beim Internationalen Dokumentarfilmfestival in Leipzig 1988 mit der Silbernen Taube ausgezeichnete Film musste viele Hürden nehmen und wäre wohl nie im DDR-Fernsehen gezeigt worden, erzählte Helke Misselwitz im Filmmuseum – wenn nicht die Wende dazwischengekommen wäre. Geschiedene Frauen, unglückliche, einsame, rebellische Frauen – all das passte nicht ins offizielle Selbstbild der DDR. So ist der Film ein Stück Zeitgeschichte – seine Protagonistinnen aber sind einem so nah, als lägen nicht 30 Jahre dazwischen.

Anders ist es mit dem zauberhaften dokumentarischen Kurzfilm „Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann“ (1989), welcher der Chefin eines privaten Kohlehandels folgt – inzwischen ein untergegangenes Geschäftsfeld. Die Chefin, eine couragierte Geschäftsfrau, waschechte Berlinerin, führt ihren Laden wie eine Grande Dame ihren Salon, lebensweise und humorvoll. Auch dieser Film das Porträt eines Ortes (Ostberlin) – aus seinen Kohlekellern heraus gewissermaßen.

Helke Misselwitz als feinfühlige Dokumentaristin war zum Auftakt der Werkschau zu entdecken – wer ihre Spielfilme (wieder) entdecken will, hat dazu heute Abend Gelegenheit. Im Filmmuseum gezeigt werden um 18 Uhr ihr Langspielfilmdebut „Herzsprung“ (1992) und um 20 Uhr ihr zweiter Spielfilm „Engelchen“ (1996), letzterer in Anwesenheit der Fotografin Helga Paris und der Regisseurin. Lena Schneider

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