• Debatte über Entschädigung für Adelsfamilie: Historiker wirft Hohenzollern erneut Unterstützung des Nationalsozialismus vor

Debatte über Entschädigung für Adelsfamilie : Historiker wirft Hohenzollern erneut Unterstützung des Nationalsozialismus vor

Haben die Hohenzollern der NS-Diktatur den Weg bereitet? Ja, meint der Adelsforscher Stephan Malinowski – und stellte seine Erkenntnisse in einem neuen Buch vor.

Der Geschichtswissenschaftler Stephan Malinowski gilt als Kenner der Geschichte der Hohenzollern in Deutschland nach dem ersten Weltkrieg.
Der Geschichtswissenschaftler Stephan Malinowski gilt als Kenner der Geschichte der Hohenzollern in Deutschland nach dem ersten...Foto: dpa

Der Historiker Stephan Malinowski sieht auch weiterhin eine klare Verantwortung der Hohenzollern-Familie, dass die Nationalsozialisten in Deutschland die braune Diktatur etablieren konnten. „Drei Generationen in dieser Familie haben mit den politisch relevanten Handlungsträgern versucht, die Republik zu zerstören und den Nationalsozialismus zu unterstützen, und zwar von Anfang bis Ende“, sagte Malinowski am Dienstag in Berlin während der Vorstellung seines neuen Bandes „Die Hohenzollern und die Nazis“.

Das sei das Ergebnis seiner Forschungen als Historiker, sagte Malinowski. Zu welchem Ergebnis Juristen oder Richter kämen, überlasse er einem möglichen Prozess. 

Zwischen dem Bund und den Ländern Berlin und Brandenburg einerseits sowie den Hohenzollern andererseits war seit 2014 über Forderungen der Hohenzollern nach Kunstschätzen aus Schlossmuseen der Hauptstadtregion und Entschädigungen für nach 1945 enteignete Immobilien verhandelt worden. Die Gespräche liegen auf Eis, nachdem der „Spiegel“ und diese Zeitung 2019 das Ausmaß der Forderungen enthüllten. Das Land hat eine Entschädigung auf Basis des Einigungsvertrages abgelehnt. Dagegen klagen die Hohenzollern. Es geht um 1,2 Millionen Euro. Laut Gesetz bekommt keinen Ausgleich, wer dem NS-System „erheblichen Vorschub geleistet hat“. 

Im neuen Buch untermauert Malinowski die freiwillige Kollaboration der Hohenzollern mit den Nazis, vermeidet aber nach eigenen Worten den „juristischen“ Vorschub-Begriff. Er hatte in einem Gutachten für das Land Brandenburg 2014 die Vorschub-Rolle des Kronprinzen für die NS-Diktatur bejaht. „Meine Antwort als Historiker ist eindeutig und bestätigt meine Eindrücke von 2014“, sagte Malinowski. Von Seiten der Hohenzollern wird unter anderem darauf verwiesen, der frühere Kronprinz habe nach 1918 keinerlei politische Ämter inne gehabt und sei kein Mitglied der NSDAP gewesen.

Hohenzollern hegten aus Sicht von Malinowski Ressentiments gegen Juden

Zur Einschätzung der historischen Rolle von Preußens gibt es mehrere Gutachten beider Seiten, die zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen. Der frühere Hohenzollern-Gutachter Christopher Clark, der den Kronprinz entlastet hatte, hat seine Einschätzung mittlerweile revidiert. Georg Friedrich von Preußen, das Oberhaupt der Familie, hatte die Rolle seiner Vorfahren im Zusammenhang mit der NS-Diktatur als „Tiefpunkt“ der Familiengeschichte bezeichnet.  Malinowski umriss die Haltung des früheren Herrscherhauses während der Weimarer Republik so: „In der Wahrnehmung der Hohenzollern und des preußischen Adels ist Deutschland besetzt von Republikanern, Sozialisten und – ganz wichtig – von Juden.“

Georg Friedrich Prinz von Preußen ist Oberhaupt der Hohenzollern-Familie und fordert vom Land Brandenburg eine Millionenentschädigung.
Georg Friedrich Prinz von Preußen ist Oberhaupt der Hohenzollern-Familie und fordert vom Land Brandenburg eine...Foto: dpa

Es habe eine Aufladung mit negativen Gefühlen gegeben „gegen die Republik, gegen die Sozialisten, gegen die Frauenbewegung, gegen das moderne Theater, gegen die moderne Literatur, gegen das Kino, gegen Amerika“. Die Klammer darum sei „die Figur des Juden“ gewesen.  

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Die Bundesregierung sah zuletzt keine Ebene für neue Verhandlungen mit den Nachfahren der letzten deutschen Monarchie im Streit um mögliche Rückgaben und Entschädigungen an die Hohenzollern. Weitere Verhandlungen sind danach erst sinnvoll, wenn Brandenburg und Berlin deren Fortsetzung befürworten. Beide Länder sind dagegen. Brandenburgs Wissenschaftsministerin Manja Schüle (SPD) hat die Linie bekräftigt, dass die Hohenzollern erst das juristische Vorgehen gegen Wissenschaftler und Medien einstellen müssten, ehe es Verhandlungen  geben könnte. 

Zwischen Hohenzollern und mehreren Historikern, Medienhäusern und anderen Organisationen gibt es zahlreiche juristische Auseinandersetzungen. Georg Friedrich von Preußen hat über 80 Verfahren angestrengt. Bereits betroffen davon war auch Malinowski. (mit dpa) 

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