• DDR-Heimkinder: „Erst dachte ich noch, das wird lustig“

DDR-Heimkinder : „Erst dachte ich noch, das wird lustig“

In einem Film von Uta Rüchel erzählen Zeitzeugen von ihren Erlebnissen in DDR-Kinderheimen – und wie sie bis heute leiden

Zehn, zwölf Stunden harte Arbeit, rund 90 Pfennig Stundenlohn. Für die DDR waren sie ein Wirtschaftsfaktor – für die Kinder und Jugendlichen oft der Ort, an dem sie gebrochen wurden: Die Spezialheime der Jugendhilfe und die Jugendwerkhöfe wurden oft dort angesiedelt, wo Arbeitskräfte fehlten. „Schutzlos ausgeliefert“ heißt die Dokumentation der Filmemacherin Uta Rüchel, sechs Frauen und Männer lässt sie darin von ihren Erlebnissen erzählen. Sie alle sagen, sie fühlen sich bis heute stigmatisiert – fast so, als wären sie es, die schuldig sind. Am Donnerstagabend wurde der Film in der Villa Schöningen gezeigt. In ein Kino wird er wohl nicht kommen, die Zeitzeugen haben ihn lediglich für Bildungszwecke freigegeben, sagt Silvana Hillinger, Brandenburgs Beauftragte zur Aufarbeitung der Diktatur, die den Abend moderierte.

Einer der Zeitzeugen ist Torsten Jahnke, ein schmaler Mann mit schüchternem Lächeln. „Ich war kein Schulverweigerer“, erzählt er bei der Veranstaltung, er habe eben nur nicht immer hingehen wollen. „Der Lehrer war mir zu blöd, vom Charakter her.“ Torsten Jahnke war einer, der sich seine eigenen Gedanken machte. Für seinen Vater, Marineoffizier und Parteimitglied, war das nicht akzeptabel, für ihn musste auch zu Hause alles 150-prozentig funktionieren. Erst verdrosch er ihn, als er merkte, dass das seinen Sohn nicht zum besseren Staatsbürger machte, steckte er Torsten Jahnke in ein Heim in Wehrpfuhl. „Ich dachte erst noch, das wird lustig dort.“ Schnell musste er feststellen, dass alles, was draußen galt, dort außer Kraft gesetzt war.

Die Methoden der Erzieher durchschaute er schnell: „Als einer mal was gestohlen hatte, verlangten die von uns, ihm reihum mit einem Kochlöffel auf die Fingerknöchel zu schlagen.“ Als Torsten Jahnke sich weigerte, drohten sie, ihm würde das Gleiche passieren. „Die hatten da richtig Spaß dran.“ Er war der Einzige, der nicht mitmachte, der andere Junge habe danach zwei Wochen lang seine Hände nicht benutzen können.

Wer nicht spurte, dem drohte irgendwann der geschlossenen Jugendwerkhof in Torgau. „Wer von dort zurückkam, war gebrochen“, sagt Jahnke. Nicht nur wegen der Zwangsarbeit. Einer, der von dort zurückkam, ist Alexander Müller. Er leidet bis heute unter schweren psychischen Problemen. „Es gibt Hoch- und Tiefphasen, ich kann nicht einschätzen, wann es mich trifft.“ Das mache es fast unmöglich für ihn, zu arbeiten oder eine Beziehung zu führen. Er erinnert sich im Film an das grausame Sportprogramm: „350 Kniebeugen, dann 50 Runden um den Platz – das musstest du schaffen, auch wenn du innerlich tot warst.“

Claudia Engelhard bekam im Heim Tabletten gegen ihren niedrigen Blutdruck, die aber Halluzinationen auslösten: „Irgendwann sah ich Snoopy, dann kamen Flashbacks, dann der erste Selbstmordversuch.“ Später, bei ihrem Sohn, wollte sie alles besser machen: Bis heute misstraue sie Autoritäten, für ihren Sohn wollte sie lieber der beste Kumpel sein, erzählt die hübsche Frau mit dem dunklen Pony. „Ich konnte aber lange nicht verstehen, dass auch kleine Probleme ein Drama für ein Kind sein können“, sagt sie und weint.

Alle Protagonisten eint eines: Sie waren keine schwer erziehbaren Jugendlichen, sie waren nur nicht unbedingt angepasst. Manche kamen aus schwierigen Verhältnissen, wurden zu Hause missbraucht, andere hatten intakte Familien. Torsten Jahnkes Vater war in der Partei, es gab aber auch Fälle, in denen Kinder aus politischen Gründen ins Heim gesteckt wurden. Eine Petition gegen die Ausweisung Wolf Biermanns zu unterschreiben war Grund genug. Doch egal mit welchemHintergrund – im Heim waren sie abgeschottet, Elternbesuche streng reglementiert. Torsten Jahnke hat seine Eltern während seiner Zeit im Heim von 1971-74 nicht einmal gesehen. Mit einer Entschuldigung der damals Verantwortlichen rechnet er nicht - „das wäre schön, ist aber utopisch“. Den Betroffenen fehlt eine Lobby, sagt Hilliger, „leider haben sie oft Probleme, sich zu organisieren“. Das habe bestimmt auch mit den Erziehungsmethoden in den Heimen zu tun. Die Jugendlichen sollten dort nicht solidarisch miteinander sein. alm

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