Kultur : Das Wir hat Bestand

Paula Schneider schreibt berührend über Demenz

Damit der Demenzerkrankung ein Schnippchen geschlagen werden kann, machen Werbeblätter unentwegt Vorschläge. Das Lesen könne da beispielsweise helfen, auch ausgiebige Spaziergänge und sportliche Aktivitäten. Ida und Ole benötigen kein Anfeuern von außen in Sachen geistiger Beschäftigung. Das Lehrerehepaar war ein Leben lang nicht von Langeweile betroffen, auch im Alter nicht. Sie lesen Bücher, diskutieren, können mit Gedichten auf Ereignisse reagieren, besonders aus Goethes Lyrik-Reservoir, geben Nachhilfeunterricht, wandern mit Freunden und freuen sich auf Familien-Begegnungen. Auch am reichhaltigen kulturellen Geschehen ihres Wohnortes Weimar nehmen sie regen Anteil. Doch Ida erhält die schreckliche Diagnose Demenz und bekommt zusätzlich einen Schlaganfall. Eines Tages entdecken ihre Familie und Freunde bei ihr dann nicht mehr den echten, den so lebendigen und neugierigen „Ida-Geist im Gesicht“, vermissen sie die „Lady-schöne Haltung“. Sie wird ein Pflegefall.

Während der vom Brandenburgischen Literaturbüro organisierten Literaturnacht „Brandenburg liest“ in der Villa Quandt las 2017 auch die im Fläming ansässige Schriftstellerin Paula Schneider aus ihrem Buch „Bleib bei mir, denn es will Abend werden“ mit dem Untertitel „Die Geschichte einer langen Liebe“. Das Demenzthema sowie der poetische Titel machten neugierig. Die Demenzerkrankung hat in der Literatur längst Eingang gefunden. Durch die persönliche Betroffenheit der jeweiligen Autoren wird das Geschriebene oftmals authentisch. Arno Geiger, Tilman Jens, Lisa Genova, Michael Jürgs, Maria Seisenbacher oder Martin Suter haben in belletristischen, in lyrischen und populärwissenschaftlichen Büchern Bewegendes, Berührendes und Trostreiches geschrieben.

Paula Schneider hat sich in ihrem Buch, das auf eine Gattungsbezeichnung verzichtet, ebenfalls Motiven aus ihrer näheren Umgebung zugewandt. Die große Liebe und das gemeinsame jahrzehntelange Erleben guter und problematischer Tage der Großeltern hat die Enkelin berührend aufgeschrieben, ohne ins Sentimentale zu gehen. Namen und Ereignisse sind nicht deckungsgleich mit den tatsächlichen Personen und Geschehnissen. Die Autorin hat sich damit dem Zwang entzogen, alles genau aufzuschreiben. Zwar wirkt die gewählte Struktur – persönliche Tagebuchaufzeichnungen der Ida und erzählende Geschehnisse aus dem Blickfeld der Schriftstellerin – zunächst etwas verwirrend. Doch wenn man die Form durchschaut hat, wird die Lektüre zu einem lohnenden Leseerlebnis. Paula Schneider ist keine Besserwisserin und Missionarin für Demenz-Hilfen. Taktvoll begleitet sie Ida durch die Welt, die so schwer zu begreifen ist. Zum Ende hin franst das Buch dann allerdings ein wenig aus – als habe die Schriftstellerin den Verlauf der Krankheit in der Struktur des Buches nachbilden wollen.

Der Titel des Buches bezieht sich auf die Geschichte von den Emmaus-Jüngern im Lukasevangelium und der dazugehörigen Bachkantate: Bleib bei uns, denn es will Abend werden. Doch Paula Schneider führt ihre Personen vom Wir zum Ich: Bleib bei mir, halte mich fest. Der Tag will vergehen, die Dämmerung ist da. Halte mich fest. Doch während des Lesens ist das Wort aus dem Hohelied der Liebe im Neuen Testament nicht fern: Die Liebe höret nimmer auf. Darum wird das Wir Bestand haben. Klaus Büstrin

— Paula Schneider: Bleib bei mir, denn es will Abend werden. Die Geschichte einer langen Liebe.

Rowohlt Verlag 2016, 232 Seiten, 14,99 Euro