Kultur : Das Unbekannte wagen

Von „Das achte Leben“ bis „Cabaret“: Das Hans Otto Theater wartet mit 20 Premieren auf.

Erkennungsmarke rote Zacken. Sie werden in der Werbung zum Spielpartner des Ensembles. Auch für die Intendantin Bettina Jahnke und Chefdramaturgin Bettina Jantzen (l.).
Erkennungsmarke rote Zacken. Sie werden in der Werbung zum Spielpartner des Ensembles. Auch für die Intendantin Bettina Jahnke und...Foto: Andreas Klaer

Allmählich kann man die Gesichter der neuen Schauspieler auseinander halten, freut sich, wenn man ihnen nicht nur auf der Bühne, sondern auch mal im Café oder im Bioladen begegnet.

So wie die Zuschauer erst einmal Tuchfühlung aufnehmen, musste sich auch das aus Alt und Neu zusammengesetzte Ensemble unter Bettina Jahnke finden und in der Stadt ankommen. Das sei rasant schnell gegangen. „Wir sind offen vom Publikum empfangen worden und das geben wir zurück“, sagte die Intendantin gestern vor der Presse, um den Spielplan 2019/20 vorzustellen. Mit 20 Premieren wartet er auf. „Ein Stück Offenheit für alle“ ist nach dem Auftakt-Motto „Haltung“ nun die nächste große Überschrift. Allerdings hätte man sich gestern vom Leitungsteam auch mehr Offenheit in punkto Zahlen gewünscht. Natürlich möchte man wissen, wie die Besucher nach dem Weggang von Intendant Tobias Wellemeyer auf die neue Ausrichtung im Haus am Tiefen See reagieren. Doch diese Bilanz gibt es erst mit Abschluss der Saison: also nach dem Open-Air „The Queen’s Men“ auf der Seebühne, mit der Bettina Jahnke am 1. Juni die Spielzeit sommerfrisch ausklingen lassen möchte. Sicherlich ein zugkräftiger Schlussakkord. Auch über die Auslastung der Vorstellungen war gestern nichts zu hören, obwohl man im Online-Spielplan durchaus oft lesen kann: „Ausverkauft“. Warum also so zurückhaltend? Die ansonsten sehr offenherzige Intendantin hätte die Geschäftsführerin Petra Kicherer durchaus zu mehr Transparenz anhalten können.

Die neue Spielzeit geht zum Auftakt mit einer Romanadaption ins Rennen: mit „Das achte Leben“ der georgischen Autorin Nini Haratischwili. Ein vielgelesenes Buch, mit dem auch das Festival „Lit:potsdam“ am Dienstag eröffnet wird. Das Theater konnte für die Bearbeitung und Regie die bilderstarke Regisseurin Konstanze Lauterbach gewinnen, die nun den Bogen über sechs Generationen vom Zarenreich bis ins Europa nach dem Mauerfall spannt. „Es geht darum, zu zeigen, wie politische Verhältnisse ins Private eindringen, gerade wenn es um Umbrüche geht“, so Bettina Jahnke. Auch das Musical „Cabaret“, das vom aufstrebenden Hass gegen Andersdenkende erzählt, passt wieder beängstigend gut in die Zeit. Vor Jahren spielte Rita Feldmeier die Sally Bowles, jetzt wird es ein Gast aus Berlin sein: Maria Bansen. In Szene setzt diesen Tanz auf dem Vulkan der musicalerfahrene Regisseur Bernd Mottl.

Rita Feldmeier gibt in „Harald und Maude“ nunmehr ihre Abschiedsrolle. Vor gut 20 Jahren wurde die liebenswerte Rebellin Maude von der 2011 verstorbenen Gertraud Kreißig am HOT gespielt.

Bislang vor allem als Schauspielerin in den Filmen von Andreas Dresen bekannt, führt Steffi Kühnert nun Regie: Nach Schwerin jetzt auch in Potsdam. Sie nimmt sich Tennessee Williams Stück „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ vor, der von Big Daddy erzählt, der sich aus einfachen Verhältnissen zum Millionär hochgearbeitet hat. Alle wissen, dass er an Krebs sterben wird, aber alle spielen ihm die heile Welt vor.

Ansonsten wartet das Theater mit Ionescos absurder Geschichte „Die Nashörner“ auf, wo die Dickhäuter nach und nach die Stadt vereinnahmen, und schließlich mit Ibsens eher selten gespieltem Politik- und Beziehungsthriller „Die Stützen der Gesellschaft“. Hier führt nach langer Zeit Sascha Hawemann wieder am HOT Regie, das erste Mal auf großer Bühne.

Das Thema Mauerfall und deutsche Einheit wird in „Wir sind auch nur ein Volk“ aufgegriffen. Nach Drehbüchern von Jurek Becker leuchtet Regisseur Maik Priebe in eine typische Ossifamilie hinein, die sich als Überlebenskünstler ausweist. „Eine komische, warmherzige und auch harte Geschichte“, so Jahnke über diese Ausgrabung zum Thema Fremdheit zwischen Ost und West. Der gerade im Kino erfolgreich gelaufene Film „Der Vorname“, der um den Namen Adolf kreist, kommt ebenfalls ins HOT und nimmt das Thema politische Korrektheit ins Visier. Das Junge Theater wartet mit fünf Premieren, darunter zwei deutsche Erstaufführungen, auf: Ums Fressen und Gefressen werden geht es in „Gans, du hast mein Herz gestohlen“ und in „Mozarts Schwester“ um Menschen, die nicht wahrgenommen werden. Als diesjähriges Weihnachtsmärchen ist "Der Froschkönig" frei nach den Gebrüdern Grimm zu sehen. Er hat am 29. November Premiere.

Die Bürgerbühne präsentiert sich im Mai 2020 mit ihrer ersten Premiere „Das offene Mehr“ und spürt nach, was eine offene Gesellschaft bedeuten kann. Es ist das einzige Stück, das in Potsdam direkt hineingreift. In der jetzt auslaufenden Spielzeit sollte das mit dem Stück „Bartleby“ passieren, was es nicht einlöste. „Das Regieteam hatte sich anders entschieden und ich habe ihm die künstlerische Freiheit gelassen“, so Jahnke.

Es sei ein sehr hoher Aufwand, in die Stadt zu gehen. „Wir brauchen weiter Zeit dafür. 20 Premieren mit 25 Schauspielern herauszubringen: Das ist unser Hauptgeschäft. Ein enormes Pensum für alle“, so Bettina Jantzen, die Chefdramaturgin.

Zu den viel diskutierten Stücken der vergangenen Spielzeit gehörte „Occident Express“ über die Flucht einer Frau aus dem Irak. „Ich habe erst Bauchschmerzen gehabt, es auf die große Bühne zu bringen. Aber es hat sich eingelöst. Wir hatten sehr berührende und auch extreme Diskussionen dazu“, so Jahnke. Als erfolgreich habe sich auch „Gehen oder der zweite April“ erwiesen, selbst wenn es sich nicht unbedingt in den Zahlen niedergeschlage. „Aber das Thema Sterbehilfe ging nahe und viele sprachen mich darauf an“, betont Jahnke. Extrem polarisiert habe der Sibylle-Berg-Abend „Viel gut essen“. „Es wurde vom Publikum vor allem gefragt, ob man einen Wutbürger so ungefiltert auf der Bühne zeigen kann.“ Jahnke möchte sich auch künftig auf „gefährliche Begegnungen“ einlassen, das Unbekannte wagen. In dieser Ambivalenz zwischen Offenheit und Verhärtung hätten sie ihre Spielzeitthemen gefunden.