Kultur : Das Perfide der Obsoleszenz

Ökofilmtour mit Diskussion und „Kaufen für die Müllhalde“ eröffnet

Astrid Priebs-Tröger

Es war ein eindrucksvolles apokalyptisches Bild, das Christoph Hein zeichnete: Dann werden die Meere zusammenfließen, sagte er, und als einziges Weltmeer die Erde bedecken. Auf dessen Oberfläche würde das schwimmen, wofür die Menschheit sich jetzt aufopfert. Doch für diese unzähligen Geldscheine würde man dann nicht mal mehr eine Schale Reis kriegen. Der 1944 geborene Autor legte am Mittwochabend in seiner Rede während der Eröffnung der diesjährigen Ökofilmtour im Filmmuseum schonungslos den Finger in die Wunde und benannte die Versäumnisse seiner Generation, die die Welt in den gegenwärtigen Zustand versetzt haben.

Mit biblischen Vergleichen beschrieb er die unermessliche Habgier, die sich über die gesamte Welt verbreitet habe und forderte die nachfolgenden Generationen auf, nicht in diese Fußstapfen zu treten. Doch seine aufrüttelnden Worte hinterließen neben einem kurzen Erschrecken eine merkwürdige Ratlosigkeit, denen der Dokumentarfilm „Kaufen für die Müllhalde“ von Cosima Dannoritzer zum Glück etwas entgegenzusetzen hatte. Dieser knüpfte genau da an, womit jeder von uns im Alltag mindestens einmal Erfahrungen gemacht hat, wie unsere gigantische Ressourcenverschwendung funktioniert.

Die Filmemacherin legt unter anderem an Computerdruckern die geplante Obsoleszenz, die absichtsvolle Beschränkung der Lebensdauer von Konsumgütern, als geheimen Motor der modernen Konsumgesellschaft offen. Diese werden beispielsweise so produziert, dass sie mittels eines extra eingebauten Chips nach Erreichen einer vorher festgelegten Anzahl von Druckseiten den Dienst quittieren und dann im Normalfall durch ein neues Gerät ersetzt werden, da eine Reparatur mit ungleich höheren Kosten zu Buche schlägt.

In ihrer Dokumentation beschäftigt sich Cosima Dannoritzer ausführlich mit diesem Phänomen, das seit den 1920er Jahren die Wegwerfmentalität der modernen Industriegesellschaften lenkt. Dabei beschränkt sich die Filmemacherin nicht auf die einfache Aufklärung, sondern sie zeigt auch Ansätze, wie der geplanten Obsoleszenz Einhalt zu gebieten ist. Am Beispiel des Computerdruckers wird gezeigt, dass andere Menschen bereits Softwarelösungen kostenlos im Internet zur Verfügung stellen, mit denen man selbst die Lebensdauer des Druckers wesentlich verlängern kann.

Mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigte sich auch die anschließende Diskussion, zu der neben dem Schriftsteller Hein und der Filmemacherin Cosima Dannoritzer auch die ehemalige Umweltministerin von Niedersachsen, Monika Griefahn, und der Moorökologe Michael Succow geladen waren. Bei diesem hochkarätig besetzten Podium reichte allerdings die zur Verfügung stehende Zeit bei Weitem nicht aus, um solche Themen wie „Cradle to Cradle“, was so viel wie von der Wiege zur Wiege heißt und eine Form zyklischer Ressourcennutzung analog dem Nährstoffzyklus der Natur bedeutet, ausführlicher zu erörtern. Als sich dann noch der Initiator der Website „Murks, nein danke!“, Stefan Schridde, nachdrücklich in die Diskussion einbrachte, beschlich einen endgültig das Gefühl, dass auch hier weniger (Themen und Personen) entschieden mehr gewesen wären. Auch das Publikum im voll besetzten Filmmuseum hätte gern weiterdiskutiert. Es ist zu wünschen, dass die Ökofilmtour, die bis April durch das gesamte Land Brandenburg tourt, genügend Zeit für diese Diskussionen bietet. Astrid Priebs-Tröger

Informationen zum Programm unter www.oekofilmtour.de

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