Kultur : Das Muster der Gardinen im Kopf

Der Autor André Kubiczek setzt dem Potsdam der 1980er-Jahre ein literarisches Denkmal. Nun hat er es mit „Skizze eines Sommers“ auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Ein Spaziergang durch seine Heimatstadt

Andrea Lütkewitz
Betonblume. Kubiczek mag die Neustädter Havelbucht und die „Seerose“.
Betonblume. Kubiczek mag die Neustädter Havelbucht und die „Seerose“.Foto: A. Klaer

An der Neustädter Havelbucht, am Fuße der Plattenbauten mit Blick auf die „Seerose“, sitzt André Kubiczek gern. Zwar habe sich vieles seit seinem Weggang aus Potsdam im Jahre 1985 verändert, und nicht alles gefalle ihm besser als damals – etwa der neue Anstrich der Häuser. Aber der Blick aufs Wasser und in die vorbeiziehenden Wolken sei einfach schön, sagt er. Seit sein aktueller Roman „Skizze eines Sommers“ für die Longlist des Deutschen Buchpreis nominiert wurde, ist der Autor, der in Potsdam aufgewachsen ist, aber inzwischen in Berlin lebt, immer öfter zu Besuch in der Landeshauptstadt. Zum Sonntagsausflug, zur Erholung.

Dabei hält er sich auch an Orten auf, die in seinem Buch eine Rolle spielen – so wie am ehemaligen Café „Seerose“ etwa, in dem der Ich-Erzähler, der 16-jährige René, mit seinen Freunden viele gemeinsame Abende verbringt. Eigentlich passiert dabei nichts Außergewöhnliches – alles dreht sich um Freundschaft und die ersten Lieben, um jugendliche Attitüden, Klamotten und Musik. Kubiczek aber erzählt die Geschichte der Jugendlichen, die einen letzten gemeinsamen Sommer miteinander verbringen, bevor sich ihre Wege trennen, aus Sicht des 16-Jährigen so glaubhaft, sensibel und voller Leichtigkeit, dass sie in den Feuilletons immer wieder in die Nähe von Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ gerückt wird.

„Mit einer Nominierung habe ich aber nicht gerechnet“, sagt Kubiczek. Umso freudiger sei er davon überrascht gewesen. Potsdam habe beim Schreiben gar nicht im Vordergrund gestanden, obwohl es überwiegend der Schauplatz der Geschichte ist, sagt der Autor. So wohnt René im Wohngebiet Am Stern, geht dort zweimal in der Woche in die zur Disko umfunktionierte Mehrzweckgaststätte „Orion“, kauft sich einen Pullover im Exquisit im Staudenhof, trifft sich mit Freunden im Café Heider oder spaziert nachts mit der Freundin durch Sanssouci. Kubiczek lässt damit ein Potsdam aufleben, an das sich viele recht gern erinnern dürften, ganz ohne Ostalgie.

Im Fokus stand für ihn aber etwas anderes: „Eigentlich ging es mir um die Menschen, um die Jugend, nicht so sehr um den Ort“, erklärt er. „Ich habe mit dem Buch noch mal dieses Alter der Jugend nacherleben wollen und auch für andere natürlich erlebbar machen wollen, und jetzt, da es geschrieben ist, ist die Sehnsucht danach verschwunden“, sagt er. Nur ein- oder zweimal sei er zu Recherchezwecken also in Potsdam gewesen, als er noch an der Geschichte schrieb. Doch für die Erinnerung an die Stadt in 1985 – kurz bevor er auf ein Internat geschickt wurde, dann zum Militär und schließlich zum Studium in andere Städte ging – habe es eigentlich gereicht, sich an Bildbänden und einem alten Stadtplan zu orientieren. Es sei ja erstaunlich, was alles noch da sei im Kopf, und wenn man erst einmal anfange, sich erinnern zu wollen, dann fielen einem auch die kleinsten Kleinigkeiten wieder ein, sogar Muster von Gardinenvorhängen. Ein literarisches Denkmal – das ist es zweifelsohne – hat er dem Potsdam der 1980er-Jahre also eher unbeabsichtigt gesetzt. Kubiczek dürfte einen Nerv getroffen haben bei denen, die die Veränderung der Stadt beschäftigt. Denn kaum sonst in Deutschland wird die Bedeutung von Plätzen und Gebäuden so emotional diskutiert wie hier, gibt es Diskussionen über das Zusammengehen von DDR-Architektur und Preußen-Erbe, Streitigkeiten darüber, was bleiben darf und was nicht. Aber wie sieht er selbst die aktuellen Debatten um die Stadtentwicklung Potsdams? „Nun ja …“, sagt er, und zuckt mit den Schultern. Er selbst verfolge die Diskussion erst seit gut einem Jahr, und aus der Ferne – also Berlin – verliere sie sich schnell neben anderen Meldungen.

Spaziert man mit dem 47-Jährigen durch Potsdam, ist deutlich zu spüren, dass er es mit anderen Augen betrachtet als jemand, der es vielleicht nie verlassen hat oder zugezogen ist. Als ob vor seinem geistigen Auge Bilder aus der Vergangenheit aufblitzen, so beschreibt er, was sich an seiner ehemaligen Schule, der damaligen Russischschule in der Schopenhauerstraße, alles verändert hat. Die Mensa etwa ist nicht mehr da. Ob sich das komisch anfühle? Nein, sagt er knapp. Und stimmt, die Sehnsucht ist ja schließlich weg. Die Verbundenheit mit Potsdam ist spürbar, aber auch eine gewisse Distanz, die wohl nur natürlich ist, wenn man schon so lange woanders lebt. Doch ist denn die Stadt noch Heimat? „Schon, ja“, antwortet Kubiczek sofort. „Aber im Moment komme ich auch als Tourist hierher.“ Noch einmal nach Potsdam zu ziehen, auch an den Stern, das kann er sich gut vorstellen, denn Berlin sei ihm inzwischen zu laut, dreckig und unruhig. Doch um ein Zuhause zu sein, ist die Stadt ihm schlicht zu teuer. „Die Mieten sind zu hoch“, sagt er mit sichtlichem Bedauern. So bleibt es vorerst wohl nur bei den Ausflügen an die Havelbucht. Andrea Lütkewitz

Am 20. September wird bekannt gegeben, welche Autoren es mit ihren Romanen auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft haben. André Kubiczek liest am 5. Oktober um 19 Uhr in der Kleist-Schule aus „Skizze eines Sommers“

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