Kultur : Das Leid hat seine Zuschauer

Georg Büchners „Woyzeck“ in der Regie von Julia Hölscher am Hans Otto Theater

Ein wahrer Fall aus dem Jahre 1824: Johann Christian Woyzeck war ein Friseur und Perückenmacher aus Leipzig, der seine Geliebte aus Eifersucht erstochen hat. Im Prozess ging es um seine Schuldfähigkeit und um medizinische Gutachten, die letztendlich zu seiner Hinrichtung führten.

Das Drama des Woyzeck, den Georg Büchner in seinem Stück, das nur Fragment blieb, zum Rekruten und Barbier in einer kleinen Garnisonsstadt macht, bietet eine breite Projektionsfläche: Ist Woyzeck ein armer Tropf oder ein Verrückter? Ein Ausgegrenzter und gequältes Opfer? Ein Psychopath oder Archetypus für mörderische Fantasien in jedem von uns? Die Neuinszenierung am Hans Otto Theater des „Woyzeck“, die am Freitagabend in der Reithalle zur Premiere kam, hatte von allem etwas parat.

Julia Hölscher, die erstmals in Potsdam Regie führte, hat auf eine Spielfassung zurückgegriffen, die statt mit über 20 Szenen nur mit einer einzigen auskommt. Darin wird fast alles zusammengefasst, was das Stück ausmacht: Woyzeck, der vom Opfer zum Täter wird, mit dem man mitfühlt, mitleidet, der zum Nachdenken anregt.

Es beginnt im Dunkeln und ganz ruhig. Woyzeck (Simon Brusis) bringt ohne Hektik die schummrigen Glühlampen zum Leuchten, die nicht hell gleißend sind, sondern allen Personen das gleiche gedämpfte Licht geben. Jeder scheint Opfer von fragwürdigen Verhältnissen zu sein, die sich ihrerseits Opfer suchten. Man befindet sich in einer Kneipe oder sonst wo. Das Bühnenbild von Mascha Schubert, das nur leere Tische und eine große Anzahl von Stühlen bereithält, will wohl keinen realen Ort angeben. Aber er ist einer, an dem man ohne Umschweife sich gegenseitig beäugen kann. Meist sind alle Protagonisten auf der Spielfläche versammelt. Wer nichts zu tun hat, ist Zuschauer. Vor allem Woyzeck und seine Geliebte Marie (Nele Jung) sind Objekte der Neugierde.

Der Hauptmann (Michael Schrodt) begegnet seinem Burschen freundlich, doch weiß er nur mit leerem Gefasel hochtönend über die Welt und Ewigkeit, über das Wetter und die Moral zu reden. Viel Arroganz steckt darin. Aber Woyzeck lässt dies über sich ergehen, denn er scheint froh zu sein, wenigstens ein bisschen Geld zu verdienen. Einmal kündigt er aber wohl kurz Widerstand an: Das Anschließen des elektrischen Rasierapparates erzeugt ein gefährlich wirkendes Geräusch. Doch Woyzeck kehrt zu seinen „Knechts“-Diensten zurück. Auch das Menschen verachtende Experiment am lebenden Menschen mit der Erbsendiät des eifrigen und eifernden Doktors (Christoph Hohmann) lässt er um des lieben Geldes willen über sich ergehen. Und der Tambourmajor (Florian Schmidtke), der mit Machogebaren über die Bühne stolziert, hat zu allem Unglück ein Auge auf Marie geworfen und sie auf ihn.

Eine rhythmisch genaue Inszenierung hat Julia Hölscher größtenteils geschaffen, die auch mit der Collage arbeitet. Doch sie fällt aus dieser stimmigen Dynamik heraus. Plötzlich knirscht und klirrt es gewaltig, kommt Plakatives ins Spiel. Die Regisseurin, so scheint es, will mit den Worten Woyzecks das Geschehen endlich ganz deutlich machen: „Jeder Mensch ist ein Abgrund!“ Das nicht enden wollende Besäufnis, in das Woyzeck vom Tambourmajor verstrickt wird und an dem alle, auch Marie, als Zuschauer beteiligt sind, sowie die Demütigung auf allen Vieren wie ein Hund mit herunter gelassener Hose zu kriechen, sollen auf Heutiges verweisen, auf ein unerbittliches Saufgelage mit bösem Ausgang bei der Bundeswehr und die Foltermethoden in einem Gefängnis auf Guantanamo oder im Iran. Doch es sei ja alles nur ein Witz, weiß der Tambourmajor den psychisch und physisch fertigen Woyzeck zu beschwichtigen.

Und Marie, die ihr gemeinsames Kind im Babykorb stets mit sich trägt? Wo bleibt das Drama zwischen zwei Menschen? Der Abstand zu Woyzeck, Marie, dem Kind und deren Beziehungen wird bei Julia Hölscher leider weit weg verhandelt, ist zu wenig fasslich. Marie bleibt ebenfalls nur Zuschauerin an Woyzecks Leiden oder gibt sich lieber mit denen ab, die Macht über ihn haben.

Aber der so Gedemütigte und Verlassene wird, so sagen es seine inneren Stimmen, dieses Leben nicht mehr durchleiden. Auch Marie will er mit in den Tod nehmen. Ein Walzer, bei dem jeder mit jedem tanzt, wird zu einem Totentanz. Ab hier bekommt die Inszenierung wieder ihre atmosphärische Dichte zurück, weil sie ohne Druck arbeitet. Der Schluss mit Musik ist dann ebenfalls ohne Hektik. Erklingt da etwa ein hoffnungsloses Totenlied? Wohl nicht, denn das Jenseits scheint für die Sterbenden nur Musik zu sein. Dass sich Marie dem Tod durch die Hand Woyzecks jedoch ohne Zögern hingibt, wirkt in dieser Inszenierung kaum nachvollziehbar. „Ach, Woyzeck“ weiß Andres (Sabine Scholze) nur noch zu sagen. Der Freund ist in der Aufführung ebenfalls nur Beobachter. Eigentlich hat er keine Funktion, wenn man von dem Zäsur gebenden Umwerfen eines Tisches absieht. Simon Brusis spielt den Woyzeck überzeugend und mit großer Leidenschaft eher weltabgewandt, traumtänzerisch, der nur in höchster Not Expression entwickelt. Aber auch Nele Jung (besonders in der Schlussszene), Michael Schrodt, Christoph Hohmann und Florian Schmidtke sind jeder für sich stark, als Ensemble mehr als überzeugend. Das Publikum in der Reithalle applaudierte nach der Aufführung lang anhaltend. Klaus Büstrin

Nächste Vorstellung am Samstag, 20 März, 19.30 Uhr in der Reithalle A, Schiffbauergasse. Kartenreservierung unter Tel.: (0331) 98118

Mehr lesen? Hier die PNN gratis testen.