Kultur : Das Heitere im Blick

Der Regisseur Roland Oehme wird heute 70 / „Achteinhalb“ DEFA-Filme gehen auf sein Konto

Der Regisseur Roland Oehme wird heute 70 / „Achteinhalb“ DEFA-Filme gehen auf sein Konto Von Heidi Jäger Er schaut auf die DEFA-Zeit mit einem kritischen Blick, aber keinesfalls im Zorn zurück. „Ich gehöre nicht zu den Opfern, auch wenn ich mit meinen Geschichten mitunter auf Widerstand gestoßen bin und sie teils erst verspätet verwirklichen konnte. Aber ich musste nicht zerbrechen.“ Regisseur Roland Oehme mischt seiner bisherigen Lebensbilanz immer wieder die Worte „mit großem Spaß" bei. Ja, mit großem Spaß habe er mit seinem Hausautor Rudi Strahl zusammen gearbeitet, mit großem Spaß nicht nur fürs Kino, sondern auch für Theater und Fernsehen inszeniert. Und auch nach der Wende fiel er nicht in ein tiefdunkles Loch, sondern brachte mit großem Spaß die Störtebeker-Festspiele in Ralswiek wieder auf die einzigartige Naturbühne Rügens. Einem Mann, der sich mit Haut und Haaren der oft verpönten Unterhaltungsschiene verschrieben hat, ist dieser „Spaßfaktor" wohl von Natur aus auf den Leib geschrieben. Wenn er heute Abend in einer riesigen Geburtstagsrunde bei „Pacha Mama“, der Gaststätte seiner Tochter, auf das 70. Lebensjahr anstößt, wird er nicht nur filmische Erfolge auf seiner Habenseite verbuchen. Roland Oehme ist auch bekennender Familienmensch. Stolz erzählt er von seinen vier Kindern, die alle wunderbare Berufe und intakte Familien hätten. „Es ist schön, in diesem Alter zu erleben, wie alle zusammenhalten, und dass sich in diesen unsicheren Zeiten sowohl Kinder als auch Enkelkinder behaupten und zurecht finden – und zudem noch Spaß an der Arbeit haben. Das ist heute nicht mit Gold aufzuwiegen.“ Der neunfache Großvater schwärmt auch von seinem eigenen „wunderbaren Beruf“, für den er an der Babelsberger Filmhochschule den „sehr theoretischen" Grundstein gelegt bekam, bis ihm sein Mentor Ralf Kirsten zur praktischen Feuertaufe verhalf. Für die große historische Komödie „Mir nach Canaillen“ wurde er im dritten Studienjahr Regieassistent, „als Notnagel für eine erkrankte Kollegin. Für mich war das ein enormer Leistungsdruck, weil ich das Handwerk noch nicht beherrschte. Aber ich muss es wohl ganz ordentlich gemacht haben.“ Jedenfalls weckte diese erste Arbeit in ihm das bleibende Vergnügen an dem Genre Komödie. Als er dann als frisch gebackener Absolvent einen Filmstoff ablehnte, „weil er einfach schlecht war", wurde er zum Generaldirektor Albert Wilkening zitiert: „Assistenten lehnen in diesem Studio keinen Film ab. Sie fahren nach Grimmen zu Hanns Anselm Perten und assistieren bei seinem Film über Ölbohrungen in der DDR.“ Zwei Assistenten hatte Perten zu dem Zeitpunkt schon verschlissen. „Er brüllte auch mich an, dass die Bohrtürme nur so wackelten. Er war ein Tyrann ohnegleichen, aber ich hielt mit Argumenten dagegen.“ Jedenfalls sei Perten dann der erste gewesen, der ihm eine Theaterinszenierung anbot: „Das Asylrecht“ im Jahre 1966 in Rostock. Neben diversen Theater- und auch Fernsehproduktionen, darunter die beliebten „Schauspielereien“, kann Oehme auf seinem DEFA-Konto „achteinhalb“Filme verbuchen. „Der Halbe – ,Mit mir nicht Madam!“ – ist eine gemeinsame Arbeit mit meinem Co-Debütanten und engen Freund Lothar Warneke.“ Einen überragenden Zuschauererfolg landete der gebürtige Erzgebirgler schließlich 1973 mit „Der Mann, der nach der Oma kam“, in dem Winfried Glatzeder einen Soziologiestudenten gab, der in einer viel beschäftigten Familie die Ersatzoma spielte. Auch „Ein irrer Duft von frischem Heu“ unterhielt die Zuschauer prächtig. „Einen richtigen Flop habe ich nicht gelandet, aber es gab Filme, die mir nicht so gelangen, wie ,Meine Frau Inge und meine Frau Schmidt“, in dem ich versuchte, die sozialistische Scheinmoral in Frage zu stellen.“ Mit zwei Projekten rief er die Zensur auf den Plan. Sein Film „Einfach Blumen aufs Dach“ sollte ursprünglich „Tschaika" heißen und als eine „Des Kaisers neue Kleider“-Version schon vier Jahre zuvor heraus kommen. „Doch grünes Licht gab es erst, als schon der Volvo Regierungsauto war. So bekam der Streifen den Beititel: ,Eine beinahe historische Komödie“. Die ursprüngliche Wirkung war indes verpufft.“ Ähnlich verhielt es sich mit seinem Film „Farßmann oder zu Fuß in die Sackgasse", der auf zwei Erzählbände von Hermann Kant beruhte. „Diese Geschichten mit ihren leisen untergründigen Anspielungen reizten mich sehr. Aber erst zur Wende, als das Reinreden aufhörte und die DDR in ihren Endzügen lag, kam der Film heraus. Viel zu spät, zumal auch Kant dann schon in die Kritik geraten war.“ So lief Farßmann nur bei ein paar Vorstellungen in Berlin. Ganz gecancelt wurde ein Projekt, das er im Stile der von ihm geliebten italienischen und französischen Komödien anlegen wollte. Es sollte mehrere Autoren zusammenführen. Die konkrete Idee lieferte ihm ein Foto von einer Riesenschneefrau an der Autobahn. „Mich interessierte, wer diese Frau wohl gebaut haben könnte.“ Seine Fantasie ging spazieren und führte ihn zu einem Mann, der für zwei Tage Knasturlaub hatte, um seine Oma zu beerdigen. Auf dem Rastplatz werden ihm nun alle vier Räder seines Autos gestohlen. Wie kann er schnell Abhilfe schaffen und trotzdem ehrlich bleiben? An der Antwort sollten zehn Autoren weiterspinnen. „Fast alle warteten prompt mit einer Geschichte auf. Doch das Ministerium des Inneren schob dem Ganzen einen Riegel vor: Als wir die Genehmigung einholen wollten, einen Rastplatz für die Dreharbeiten sperren zu dürfen, verlangten sie das Manuskript. Und lehnten nach dem Lesen ab. Wir hatten wohl den Mangel zu sehr auf die Schippe genommen. Dieses Nein war meine schmerzlichste Niederlage.“ Das ständige Reinreden und die schlechten Ratschläge sei das Nervigste an der DEFA-Zeit gewesen. „Heute ist es ersetzt durch die Geldgeber, die dir sagen, in welche Richtung der Film zu marschieren hat – wenn man nicht in der Regie-Phalanxe ganz oben steht. Ja, ich war verzweifelt, als der ,Radlose Mann“ in der Versenkung verschwand, aber es hat mich nicht die Existenz gekostet. Ich bekam danach neue Chancen." Als Roland Oehme, wie viele seiner Kollegen, ab 1991 Klinken putzen ging, fühlte er sich gedemütigt. „Ein würdeloser Vorgang, den ich von mir aus abbrach. Es war so ein Gegensatz: Bei allen Kollegen der DEFA gab es ein heftiges und ehrliches Interesse an der Arbeit der Kollegen jenseits der Grenze. Umgekehrt gab es das nicht. So stießen wir natürlich nach der Wende bei den Produzenten auf Missachtung. Sie wussten nichts mit uns anzufangen.“ Seine erste marktwirtschaftliche Erfahrung machte Oehme in Österreich. Gemeinsam mit Rudi Strahl brachte er das Stück „2099 oder die Chance von vorn anzufangen“ in einem Off-Theater auf die Bühne. „Eine sehr schöne Arbeit u.a. mit Otto Mellies, Gunther Schoß und Gerry Wolff. Aber trotz des Erfolgs fuhren wir mit ungedeckten Schecks nach Hause. Das Theater war pleite. Eine Lehre, künftig genauer hinzuschauen.“ Seine Zusammenarbeit mit den Störtebeker-Festspielen war da seriöser. Sie währte immerhin zehn Jahre. Obwohl er sie von sich aus beendete, befiel ihn nach dem Schlussstrich etwas Wehmut: „Ich baute Tische und Schränke, malerte, pflegte die Blumen, halste mir alle nur erdenklichen Arbeiten auf.“ Inzwischen hat er diese Ersatzbeschäftigungen in seinem blühenden Babelsberger Reich für sich als „Beruf“ angenommen. Pläne schmiedet er nach wie vor. So möchte er mit seinem Sohn, einem Kapitän, für ein paar Wochen über die Meere schippern. Es könnte ein schöner Filmstoff werden. Aber Roland Oehme verbietet sich solche Lust. „Denn dann kommen wieder die Qualen, einen Produzenten zu finden.“ Da ist er doch lieber – „mit großem Spaß“ – Vater, Opa sowie Haus- und Ehemann. Und darauf lohnt es sich anzustoßen.