Kultur : Das ganze Drama

Wie aus keinem Theaterabend doch noch einer wurde. Und was für einer! „Der konische Spiegel“ im Campingrestaurant „Anna Amalia“

Ein trügerischer Moment des Glücks. Rose (Ana Mena) erhält einen Brief ihres Verlobten mit einem Heiratsantrag. Doch der ist inzwischen schon im Krieg gefallen.
Ein trügerischer Moment des Glücks. Rose (Ana Mena) erhält einen Brief ihres Verlobten mit einem Heiratsantrag. Doch der ist...Foto: Fenix Teatro

Für einen kurzen Moment sah man sich tatsächlich kunstverprellt wieder von dannen ziehen. Die 20-minütige Verspätung ließ sich ja noch verschmerzen: Schließlich gab es genug zu sehen an diesem besonderen Theaterort direkt an der munter bespielten Rutsche und Schaukel des Campingplatzes in der Pirschheide. Unter rustikalem Holzdach mit offenen Seiten fühlte man sich auf den aufgeklappten Holzbänken selbst ein bisschen wie ein Camper. Als das Glas mit eisgekühltem Riesling aus der erstmals zum Theater einladenden Gaststätte „Anna Amalia“ fast geleert war, kam schließlich doch noch Leben auf das flache schmucklose Bühnenpodest. Ja, aber was verkündet da die attraktive spanische Schauspielerin mit dem herrlichen Akzent? Es werde keinen Theaterabend geben. Krach im Ensemble.

Ja, so etwas gibt es. Das weiß man auch von anderen Theatern. Doch da heißt es dann meistens: Aus technischen Gründen spielen wir heute ein anderes Stück. Hier nun also eine gänzliche Absage? Aber nein. Es ist nur die Spielidee, mit der das Stück „Der konische Spiegel“ jongliert und das der deutschtürkische Regisseur Poyraz Türkay mit Pfiff auf die abgelegene Sommerbühne bringt – und zudem 20 Karten abreißt und den Ton steuert. Hier gibt es Theater im Theater. Vergnüglich, augenzwinkernd und doch immer wieder auch mit innehaltenden Momenten.

In dem Ein-Personen-Stück von José Carlos Carmona, das der Autor eigens für Ana Mena geschrieben hat, schlüpft die Schauspielerin in sechs verschiedene Frauenfiguren, in immer neuer innerer und äußerer Gewandung. Mal stakst sie in Hackenschuhen und Trenchcoat als Mutter über die Bühne, dann gibt sie mit Turnschuhen und Schürze die Putzfrau. Alle diese Figuren erzählen auf ihre Weise eine Geschichte, die ins raue Mississippi-Tal des 19. Jahrhunderts führt. Dort lebt eine Mutter allein mit ihren vier Töchtern. Die kleinere, die von Geburt an blind ist, wünscht sich an ihrem 18. Geburtstag, allein nach Europa zu reisen. Eine andere Schwester erhält einen langersehnten Brief von ihrem im Krieg kämpfenden Verlobten, der postalisch um ihre Hand anhält. Doch kurz danach erfährt sie, dass er gefallen ist. So der äußere, durchaus dramatische Handlungsstrang. Der wird nun in verschiedenen Facetten, ganz und gar nicht traurig, immer wieder durchgespielt – aus Sicht der jeweiligen Schauspielerin. Das hört sich kompliziert an – ist es aber nicht. Ana Mena gestaltet ein ganzes Ensemble eigensinniger Schauspielerinnen, die die Wahrheit auf die Spielweise ihrer Figuren für sich allein pachten wollen und sich dabei zutiefst zerstreiten. Zumal der Regisseur nicht die Stärke hat, in diesem Zickenkrieg einzugreifen.

Und wie nebenbei in diesem Kampf der Eitelkeiten wird eben doch eine Geschichte erzählt: aus verschiedenen Blickwinkeln. So kann man die Mutter natürlich sehr verschieden interpretieren: Sie ist traurig, weil sie Angst um ihre behinderte Tochter hat. Aber man kann die Rolle auch so anlegen, dass die Mutter nicht wegen ihrer Tochter leidet, weil der etwas zustoßen könnte, sondern weil sie um ihr eigenes vergeudetes Leben trauert. Statt ihre Träume zu leben, versauerte sie in diesem Tal. „Die Resignation ist der Tod im Leben. Und die Welt ist voll mit lebenden Toten“, heißt es mehrmals in dem Stück, das collagenhaft geschickt um das Thema Angst, Risiko und Glück kreist.

Das passiert zumeist in atemlos wilder Leidenschaft, aber auch in verhaltener Melancholie. Diese Inszenierung, die bis zum Schluss behauptet, nicht stattzufinden – ein irritierter Zuschauer fragte sogar, wo es das Eintrittsgeld zurück gibt – besticht durch die raffinierte Spielführung und die wandlungsfähige Ana Mena. Selbst die Kinder unterbrechen ihr Schaukeln und schauen mit offenem Mund zu. Es ist wie bei Tschechow. Es scheint, als würde nichts passieren. Aber es passiert das ganze Drama.

Erneut zu sehen im Anna Amalia Restaurant mit Seeterrasse, An der Pirschheide 41 am 23. Juli, 13., 20., 27. August, 3. September, jeweils 20.30 Uhr. Karten für 12/erm. 8 Euro unter Tel.: (0331)967 93 616 oder an der Abendkasse