Kultur : Das Ei der Henne Esmeralda

Circus Montelino entdeckt mit 100 Mitwirkenden Christoph Kolumbus

Astrid Priebs-Tröger

Es ist siedend heiß im Buga-Park. Doch kurz vor 15 Uhr steht eine Riesenschlange vor dem gelb-blauen Montelino-Zirkuszelt und wartet geduldig auf Einlass. Viele Besucher kommen direkt vom Baden. Und um das nasse Element geht es auch im diesjährigen Programm des bekannten Potsdamer Kinder- und Jugendzirkus „Die große Überfahrt“. Einer abenteuerlichen Seereise, in dem sich 100 Mitwirkende zwischen 6 und 18 Jahren auf die Spuren des großen Entdeckers begeben haben.

Doch zuerst einmal stürmen sie mit Gepolter und einer Gruppe Clowns im umfangreichen Gepäck das weiße Schiff mit dem roten Wimpel an der Mastspitze. Ein Kapitän mit ebensolcher Nase lässt lautstark ablegen und plötzlich hängen grazile ArtistInnen kopfüber vom Trapez und vollführen ihre Kunststücke und der Zuschauer ist mittendrin im circensischen Spektakel aus rasanten Akrobatiknummern, schwierigen Balanceakten auf Kugeln und Einrädern und clownesken Szenen an Bord.

Doch einer ist draußen: Ein Kerlchen mit Brille, Melone und Regenschirm ist zu spät gekommen und hat das Nachsehen. Mutig rudert er im „Titanic“-Schlauchboot hinter den anderen hinterher. Was haben Seefahrer und Zirkusartisten eigentlich gemeinsam? Sie sind unterwegs. Jeden Tag sehen sie andere Orte, begegnen fremden Menschen. Sie kämpfen mit den Elementen und mit den eigenen Stärken und Schwächen. Im Wasser, zu Lande und in der Luft. Das alles und noch viel mehr ist eingebettet in die wunderbare und im Wortsinne leichtsinnige Schiffsreise der jungen Montelino-Artisten.

Es wird umgesetzt mit viel Witz, enormer Körperbeherrschung und bezaubernder Anmut. Egal, welche Wendung die Reise nimmt, ob Flaute auf See, Feuer oder Meuterei an Bord, alle ziehen an einem Strang, unterstützen sich und stehen füreinander ein. Sie sind eine verschworene Gemeinschaft. Das merkt der Zuschauer bei jeder der zwanzig Nummern, bei der Große und Kleine und auch ein Diabolo-Spieler mit Down-Syndrom prächtig miteinander harmonieren. Doch einer müht sich allein ab: Der „Kollege“ von Herrn Meckel und Dr. Feldtkeller, den beiden Clowns, die die vielen großen und kleinen Zuschauer auch noch hinter den hochgerollten Zeltwänden mit ihren „tiefsinnigen“ Betrachtungen geistreich unterhalten.

Dieser Clown im Schlauchboot wird geplagt von Heimweh und Einsamkeitsgefühlen und will nichts dringlicher, als den Anschluss schaffen. Inszeniert wurde das 75-minütige kraft- und phantasievolle Zirkusspektakel, das sich einfühlsam mit den Innenwelten von großen und kleinen Reisenden auseinandersetzt, von der Theaterpädagogin Gela Eichhorn.

Unterstützt wurde sie dabei von unzähligen Trainern, Technikern und Helfern (Projektleitung: Karin Lorenz) und vielen engagierten Eltern. Und dann ist da noch dieser Traum mit dem weißen Huhn. Hat der irgendwas mit dem sprichwörtlichen Ei des Columbus zu tun? Die bordeigene Käfighenne Esmeralda jedenfalls legt ganz am Schluss ein Ei, das sofort in die Pfanne wanderte.

Frei nach dem Motto „Einer für alle, alle für einen“, das die Montelino-Zirkusfamilie am besten charakterisiert, kriegte dann jeder Mitwirkende seinen Teil vom Omelett und vom stürmischen Applaus des begeistert mitgehenden Publikums ab.

Astrid Priebs-Tröger

Heute und morgen, jeweils 10.30 Uhr im Zirkuszelt im Buga-Park

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