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Victor Quijada überzeugt mit der kongenialen Verschmelzung von Hip-Hop und Ballett – und „Les Thermes“ lädt zum Philosophie-Bad mit Stoikern

Astrid Priebs-Tröger
Dynamik und Energie. Die kanadische Rubberdance Group ließ in ihrem Jubiläumsstück „Vic’s Mix“ bei den Tanztagen im Hans Otto Theater auch Geschlechterrollen tanzen.
Dynamik und Energie. Die kanadische Rubberdance Group ließ in ihrem Jubiläumsstück „Vic’s Mix“ bei den Tanztagen im Hans Otto...Foto: Bill Hebert

Die Potsdamer Tanztage sind in diesem Jahr für manch eine Überraschung und vor allem für ungewöhnliche Kontraste gut. Und die tänzerischen Schwergewichte im Kanada-Fokus haben großen Anteil daran. Der Tänzer und Choreograf mit mexikanischen Wurzeln, Victor Quijada, zeigte am Mittwochabend auf der Bühne des Hans Otto Theaters einen Querschnitt aus den vergangenen 15 Schaffensjahren, in denen er seine Rubberband-Methode erfand und perfektionierte.

Quijada selbst ist seit seiner Teenagerzeit dem Hip-Hop verbunden. Und versucht mit seiner klassischen Tanzausbildung, wie er nach dem ersten Teil der Aufführung sagte, diese zwei Teile seines Selbst miteinander zu verschmelzen. Dass ihm dies gelingt, war kraftvoll und fließend, athletisch und anmutig zugleich nun zum ersten Mal in Deutschland, in Potsdam zu erleben. Denn seine sieben Tänzer, drei Frauen und vier Männer beherrschen „Rubberband“ perfekt.

Dessen grundlegende Prinzipien sind die Gewichtsverteilung um das Zentrum der Schwerkraft, eine große Beweglichkeit, die an den Händen, Ellbogen und Schultern stattfindet, sowie die Verwendung des Körpers als mehrdimensionales „Schneid-Instrument“ – Letzteres ist ein Begriff aus dem Hip-Hop. Diese äußerst elastische Technik begünstigt Bewegungen des Körpers aus der Vertikalen, wie im klassischen Ballett, in die Horizontale wie im Hip-Hop – und ermöglicht es, wie eine Brücke zwischen den zwei nahezu gegensätzlichen Bewegungsstilen zu wechseln. Und beide profitieren davon.

Es ist eine Augenweide, wenn die Rubberband-Frauen und Männer zu Beginn des zweiten Teils im Duett zu Prokofievs „Romeo und Julia“ tanzen und dabei aus den „Straßeneinzelkämpfern“, die ihre überbordende Kraft in Battles messen, Paare werden, die sich gegenseitig zwar nichts schenken, aber ungeheuer kraftvoll und elegant zugleich „zusammenfließen“. Zumindest, was ihre (Tanz-)Energie betrifft.

Doch Quijada interpretiert nicht nur Ballettmusik von Prokofiev und Strawinskys „Feuervogel“ auf seine Weise, sondern gibt auch der Violinen-„Partita“ von Johann Sebastian Bach oder „Le Badinage“ des französischen Gamben-Virtuosen Marin Marais einen zeitgemäß-nachfühlbaren Ausdruck. Die raue, authentische Kraft der Straße verschmilzt mit den affektvollen Höhen des Spätbarocks zu einem intensiven Gemisch, das die Gefühlstiefen und die Dramatik der Musik erst wirklich fühl- und tänzerisch kongenial sichtbar macht. Beispielsweise auch dadurch, dass hier nicht (mehr) Frauen- und Männerrollen getanzt werden, sondern sich weibliche und männliche Menschen anziehen und abstoßen, mit ihrer jeweils eigenen starken Dynamik und Energie. Oder dass Frauen so gut wie gar nicht mehr in die Höhe gehoben werden, sondern dass sich gleichstarke Partner über den Rücken überrollen.

Man hätte noch stundenlang den Duetten, Trios und den großartigen Gruppenszenen zuschauen können, die immer wieder auch zur Musik des kanadischen DJs Turntable, Scratchers und klassischen Musikers Jasper Gahunia abrollten, der mit der Rubberbanddance Group eng zusammengearbeitet hat. Auch er wurde durch seine Wurzeln in der klassischen Musik und im Hip-Hop dazu gebracht, einen eigenen Stil zu kreieren.

Mit einer konträren Gefühlsmischung aus Geborgenheit und Erholung, aber auch von Ausgeliefertsein und Verunsicherung entstiegen vor der Aufführung im Hans Otto Theater mehrere Frauen einem Pool mit 23 000 schwarzen Soft-Bällen im Kunstraum. Die Installation „Les Thermes“ der französischen Truppe France Distraction ist der stoischen Philosophie gewidmet. Im etwa sechs Kubikmeter großen, gerade oberschenkeltiefen Bad tummelten sich Kinder und Erwachsene gleichermaßen. Auf den Bällen sind Sentenzen u. a. von Marc Aurelius eingraviert, die mit der modernen Wellness- und Selbstoptimierungsbewegung scheinbar Hand in Hand gehen.

Viel spannender war jedoch, die Menschen beim „Baden“ zu beobachten und die wie von Surrealisten gemalten Bilder einzufangen. Zum Beispiel jenes, als sich eine Frau, von der man nur noch die Arme im schwarzen Bälle-Meer sah, in dieser Pose mit ihrem Handy selbst verewigte. Bis zum Ende der Tanztage am Sonntag kann man mit den Stoikern im Kunstraum noch täglich baden gehen. Astrid Priebs-Tröger

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