• Dampfende Kessel und Motorsägen Aschenputtel als modernes Märchen

Kultur : Dampfende Kessel und Motorsägen Aschenputtel als modernes Märchen

Astrid Priebs-Tröger

Beinahe wie ein Weihnachtskalender mutet das violette Haus von Aschenputtels Stiefmutter an. Doch hinter den zahlreichen Türen und Klappen warten keine schokoladigen Überraschungen, sondern dampfende Kessel, dröhnende Motorsägen und jede Menge Ärger für das ungeliebte Kind. Und auch sonst ist die spritzige Märchenadaption von Susanne Lütje und Corinna Schildt, die gestern im vollbesetzten Hans Otto Theater zur Premiere gelangte, kein rührend-verzuckertes Weihnachtsstück, sondern ein modernes Märchen, das eher in einer Reihe mit den flotten Pippi-Langstrumpf-Geschichten steht.

Aschenputtel (Nicoline Schubert) hat auch in der Inszenierung von Matthias Brenner einen schweren Rucksack zu tragen. Aber sie kann dem demütigendem Alltag mit Stiefschwester Isolde (Charlotte Sieglin) und deren Mutter (Cornelia Heyse) immer wieder entfliehen. Denn sie hat Träume, jede Menge Power und ganz viel Fantasie. In dieser Hinsicht steht sie dem Prinzen (David Kramer) in nichts nach. Zwar lebt dieser in einem vergoldeten Schlaraffenland. Aber auch er ist unglücklich mit seiner Situation.

Eines Tages kehrt er dem königlichen Hof einfach den Rücken und landet auf seiner Flucht ziemlich bald in Aschenputtels Trauerweide. Die beiden werden Freunde und hier könnte die Geschichte auch fast schon zu Ende sein. Aber die fast zweistündige Inszenierung, die sowohl durch ein Klasse Bühnenbild und tolle Kostüme (Ausstattung: Katja Schröder) aber vor allem durch die Spielfreude der fünf Schauspieler besticht, hält noch weitere Überraschungen parat.

Nicoline Schubert ist die mädchenhaft-trotzige Rolle der ungeliebten Stieftochter wie auf den Leib geschrieben. Sie zeigt in Stärke und Schwäche gleichermaßen Format. Genauso überzeugend, wenn auch weniger sympathisch, agiert Charlotte Sieglin als hexenhaft-gruftige Isolde und Cornelia Heyse ist als egoistisch-entnervte Stiefmutter nicht immer nur zu Aschenputtel ekelhaft. Fehlen noch die beiden Herren, die in insgesamt drei Rollen agieren. Frank Buchwald, der als königlicher Haushofmeister das personifizierte Buckeln ist, wird durch die Eskapaden des Prinzen ganz schön durchgeschüttelt und zunehmend lockerer. David Kramer, der seinen Spieltrieb gekonnt auslebt, nimmt man sowohl den alten König als den jungen Wilden ab.

Die Inszenierung legt viel Wert auf kleine Details, spielt kräftig mit Situationskomik und beweist auch eine glückliche Hand bei der Überzeichnung der Figuren. Sie lebt gleichermaßen vom Wortwitz der intelligenten Vorlage und überzeugt auch in den immer wieder gesungenen Partien (Musik: Ludger Nowak). Und: sie bezieht die jungen Zuschauer direkt mit ein und bietet dabei auch für Erwachsene Spaß und viel Nachdenkliches. Schade ist nur, dass bei allem Gegen-den-Strich-Bürsten der tradierten Vorlage und der wohltuenden Vielschichtigkeit der Figuren am Ende doch etwas Wesentliches (in der Bearbeitung) fehlt. Aschenputtel hat, auch als sie längst keines mehr ist, immer noch keinen eigenen Namen. Das tat der Begeisterung für sie in der Potsdamer Inszenierung jedoch keinen Abbruch. Astrid Priebs-Tröger

Nächste Vorstellung heute, 10 Uhr, und Sonntag, 15 Uhr