Kultur : Da verschwinden nicht nur Häuser

Was die Erschließung neuer Tagebaue Menschen antun kann / Ein Filmabend

Astrid Priebs-TrögerD

Der Zusammenhang zwischen dem Verlust von Kultur und der Erschließung neuer Tagebaue mag nicht sofort einleuchten. Im Filmmuseum wurden zwei Dokumentarfilme gezeigt, die diesen Bezug deutlich werden ließen.

In „Otzenrath 3 Grad kälter“ von Jens Schanze wird die Geschichte des gleichnamigen niederrheinischen Dorfes erzählt, dessen Bewohner innerhalb von fünf Jahren umgesiedelt wurden, weil sie dem Braunkohletagebau „Garzweiler II“ weichen mussten. Der Regisseur zeigt Menschen, die nicht nur ihren angestammten Ort, sondern ganz wesentliche Bestandteile ihrer Alltagskultur verloren haben. Denn es hinterlässt Spuren in den Seelen der Menschen, wenn beispielsweise ein fast 150-jähriges Gotteshaus oder die beliebte Dorfkneipe zerstört werden.

Der Film zeigt auch den „Ersatz“ – ein gesichtsloses und gelecktes Retortendorf – in das mehrere Männer des alten Otzenraths auch nicht mehr einziehen sollten, weil sie vorher, manche noch nicht mal 60 Jahre alt, vielleicht sogar an den Folgen von Wut und Kummer über die Umsiedlung starben. Dass die Kultur des alltäglichen Miteinanders sich einschneidend verändert, wenn andere „soziale“ Einrichtungen wie beispielsweise bäuerliche Hofläden oder eigene Vereinsräume fehlen, ist da fast nebensächlich. Die haarsträubenden Hintergründe für solche Kulturzerstörung, auch in Brandenburg, zeigte die Dokumentation „Wer anderen eine Grube gräbt“ von Holger Lauinger und Daniel Kunle.

Der Film dokumentiert die Folgen des nahezu unbekannten Bundesberggesetzes, das Energiekonzernen wie RWE oder Vattenfall ermöglicht, ohne gerechte Abwägung zwischen verschiedenen Interessen, neue Tagebaue zu erschließen. Denn dieses Gesetz, es stammt noch aus preußischen Zeiten und wurde entscheidend durch die Nazis modifiziert, die den Bergbau auch unter menschlichen Siedlungen ermöglichten, stellt Unternehmerinteressen klar vor Bürgerrechte und die Natur kommt ebenfalls nur am Rande vor. Die heutigen politischen Argumente – Sicherung der Energieversorgung und Schaffung von Arbeitsplätzen – erscheinen in einem anderen Licht, wenn man die Folgen des Raubbaus an Natur und Kultur nicht länger klein redet und bei den Energiekosten endlich berücksichtigt. Wie viel kulturelle Werte verloren gehen, war auch den Worten von Jens Kreisel in der anschließenden Diskussion zu entnehmen, der in dem sorbischen Dorf Schleife lebt, und sich mit einer Bürgerinitiative verzweifelt aber erfolglos gegen dessen Umsiedlung gewehrt hat.

Das noch bis zum 9. Februar stattfindende Volksbegehren will erreichen, dass sich der Brandenburger Landtag mit einem neuen Gesetzentwurf, der die Braunkohlegewinnung auf die bereits genehmigten Tagebaue beschränkt, erneut befasst. Zu einer demokratischen Kultur gehört, sich auch für Dinge zu interessieren und einzubringen, die einen selbst vielleicht (noch) nicht unmittelbar vor der eigenen Haustür betreffen. Wer „Otzenrath 3 Grad kälter“ und „Wer anderen eine Grube gräbt“ gesehen hat, für den ist dieser Einsatz auf einmal ganz selbstverständlich. Astrid Priebs-Tröger

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