• Corona-Projekt am Potsdam Museum: Geschichte wird von allen geschrieben

Corona-Projekt am Potsdam Museum : Geschichte wird von allen geschrieben

Wie wird man einst die Pandemie erinnern? Das fragt das Projekt "Mein Potsdam in Corona-Zeiten" am Potsdam Museum - und fordert Potsdamer:innen auf, eigene Alltagserinnerungen beizutragen.

Angela Wichmanns Gemälde "Der Kuss", ein Fotobeitrag für "Mein Potsdam in Corona-Zeiten" am Potsdam Museum.
Angela Wichmanns Gemälde "Der Kuss", ein Fotobeitrag für "Mein Potsdam in Corona-Zeiten" am Potsdam Museum.Foto: Angela Wichmann

Potsdam - Normalerweise arbeitet Judith Granzow die Vergangenheit auf. Aber da nichts normal war in den letzten Jahren, hat sich auch das geändert. Seit Frühjahr 2020 beschäftigt sich die Museologin am Potsdam Museum auch mit dem Hier und dem Jetzt. Gemeinsam mit den Kolleginnen, die die Sammlung betreuen, fragte sie sich bald nach Beginn der Pandemie: Wie wird man einst auf das, was jetzt geschieht, zurückblicken? Wie lassen sich die grundlegenden Veränderungen, die Potsdam seit März 2020 ereilten, greifbar machen - und so vielleicht auch besser begreifen?

Masken, Abstände, leergekaufte Regale, Verbote

Schon bald entstand die Idee eines Aufrufs. Gefragt werden sollten die Experten des Alltags, der plötzlich von Masken, Abständen, leergekauften Regalen, Verboten und Reglementierungen beherrscht war - die Potsdamer:innen selbst. „Wie hat sich Ihr Alltag verändert? Welche Erinnerungsbilder sind Ihnen wichtig?“, hieß es in dem Aufruf, der im Mai 2020 erstmals in den sozialen Medien und Mitteilungen an die Presse verteilt wurde. „Teilen Sie mit uns einen kleinen Teil Ihres Alltags, Ihrer Gegenwart oder Kunst. Geschichte wird von allen geschrieben.“

Dass die Pandemie und ihre Folgen eine Zäsur darstellen, die sich auch in den Geschichtsbüchern wiederfinden wird, liegt für Granzow auf der Hand. Wenn man sie nach Parallelen in der jüngeren Vergangenheit fragt, nennt die Museologin die politische Wende 1989 oder den Abzug der Sowjetarmee aus Potsdam Anfang der 1990er-Jahre. 

Der Fotograf Eberhard Thonfeld hat dem Potsdam Museum rund 120 Motive rund um die Pandemie zur Verfügung gestellt.
Der Fotograf Eberhard Thonfeld hat dem Potsdam Museum rund 120 Motive rund um die Pandemie zur Verfügung gestellt.Foto: Eberhard Thonfeld

Eine Zeitenwende?

Damals waren die Menschen bis in das Museum hinein ähnlich bemüht, Erinnerungsstücke an den Wandel, den sie durchlebten, festzuhalten. Auch die Corona-Pandemie habe etwas von einer Zeitenwende, sagt Judith Granzow - wobei sie betont: Wie diese einzuordnen ist, wird sich erst zeigen. Mit Abstand. Bis dieser Abstand gegeben ist, ruft das Potsdam Museum weiterhin dazu auf, Bilder, Objekte, Tonträger zu sammeln und dem Museum zukommen zu lassen.

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Bislang sind das ausschließlich Fotos, sagt Granzow, „leider“. Und auch die Dimension der Beteiligung zeigt Granzow zufolge: „Man war und ist schon sehr mit sich beschäftigt.“ Etwa 20 Beiträger:innen sind bis jetzt dem Aufruf gefolgt. Teilweise nur mit einem Bild, wie die Künstlerin Angela Wichmann, die ein Foto des 2020 entstandenen Gemäldes „Der Kuss“ zeigt: zwei Frauen in innigem Kuss - die Gesichter von einer medizinischen Maske bedeckt. 

"Mein Potsdam in Corona-Zeiten", Foto von Susanne Fienhold-Sheen aus dem März 2020.
"Mein Potsdam in Corona-Zeiten", Foto von Susanne Fienhold-Sheen aus dem März 2020.Foto: Susanne Fienhold-Sheen

Leere Straßen, scheue Menschen: unsere Zukunft?

Die Künstlerin beschreibt dazu in einem Text, wie das Bild entstand: „Ein Spaziergang durch die Potsdamer Innenstadt brannte sich in mein Gedächtnis: Kaum Menschen an den sonst so quirligen Plätzen, Personen, den man begegnete wichen teils auf die andere Straßenseite aus. Ist das die Ankunft unserer Zukunft?“

Einer, der rund 120 Fotos beisteuerte, ist der Fotograf Eberhard Thonfeld. Seit den 1970ern lebt er in Potsdam, dokumentierte etwa das ruinöse Holländische Viertel. In dem Konvolut, das er dem Museum zur Verfügung stellt, kann man sehen, wie er den Wandel seit 2020 sah: Bänke mit Sitzverbot, Obstwein „übern Zaun“, Markierungen, Absperrungen, Warteschlangen - und: Masken, Masken, Masken. Ein Motiv von Susanne Fienhold-Sheen nimmt das humoristisch auf: Es zeigt ein Kuchenstück, einen Amerikaner, mit Mundnasenschutz. Aus Zuckerguss.

Mehr Informationen finden Sie unter www.potsdam-museum.de/artikel/mein-potsdam-corona-zeiten


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