• Commedia Nacht der Musikfestspiele Potsdam: Fliegender Wechsel

Commedia Nacht der Musikfestspiele Potsdam : Fliegender Wechsel

Die Commedia Nacht der Potsdamer Musikfestspiele rund um das Neue Palais überzeugte mit kraft- und humorvollen Konzerten. Allerdings waren die Auftritte etwas zu dicht getaktet.

Die Zuhörer des Telemannkonzertes kamen zu spät zum Auftritt des Kleinkünstlerduos Pigor und Eichhorn auf dem Ehrenhof. 
Die Zuhörer des Telemannkonzertes kamen zu spät zum Auftritt des Kleinkünstlerduos Pigor und Eichhorn auf dem Ehrenhof. Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Am Ende ist der Erzähler an einen Stuhl gefesselt. Fest umschnürt mit Klebeband um Arme und vor allem um Mund. Der etwas martialische Übergriff auf Thomas Höft, der am Samstagabend im Rahmen der Commedia Nacht rund um das Neue Palais als Erzähler durch Orazio Vecchis Madrigalkomödie „L’Amfiparnaso“ führte, gehört natürlich zur Inszenierung. Genauso wie sein völlig überzogenes Auftreten in einer Hose mit viel zu hoch sitzendem Bund und seine viel zu langen Einführungsreden in die einzelnen Akte.

Die aus dem Jahr 1595 stammende Geschichte eines Vaters, der seine Tochter gut verheiraten möchte, wurde am Samstag von den fünf Sängern der Profeti della Quinta, den Musikern der Neuen Hofkapelle Graz sowie den Komödianten Adrian Schvarzstein und Jurate Širvyte-Rukštele im Marmorsaal des Neuen Palais auf die Bühne gebracht. Die einzelnen Akte werden im Chorgesang dargeboten, Thomas Höft erklärt vorher den jeweiligen Handlungsverlauf. Als er sich im letzten Drittel der Inszenierung in einem ausufernden Monolog über die Stadt Modena verliert, wird er schließlich von den Musikern und dem Komödianten Schvarzstein stillgelegt.

Der Spielort wird aufs Korn genommen

Fast kommt ein wenig Mitleid auf, schließlich sind Höfts Texte voll von drollig bis alberner Komik, die den Pathos einer klassischen Erzählerrolle herrlich ins Lächerliche ziehen. Überhaupt spielt die Inszenierung rund um die Geschichte eines Vaters, der seine Tochter gut verheiraten möchte, immer wieder mit den Sujets der ach so ernsthaften klassischen Musik. Angefangen beim Vorführungsort: Zum ersten Mal seit Jahren fand mit „L’Amfiparnaso“ wieder ein Konzert der Musikfestspiele im Marmorsaal des Neuen Palais statt, in dem die Besucher mehrmals ermahnt wurden, auf dem ausgelegten Teppich zu bleiben. Darauf Bezug nehmend, haben die beiden Komödianten Plastiküberzieher über ihren Schuhen, die Jurate Širvyte-Rukštele während einer Tanzeinlage irgendwann heimlich abstreift und sogleich von ihrem Kollegen ermahnt wird.

Witze wie diese ziehen sich durch die Aufführung, die das Publikum immer wieder herzhaft zum Lachen bringt. Bei allen Albernheiten rückt die musikalische Qualität nicht in den Hintergrund. Die Musiker der Neuen Hofkapelle Graz spielen auf den Punkt und mit einer erfrischenden Leichtigkeit. Besonders wohltuend: Sophie Vanden Eynde an der Laute sowie Michael Hell an Flöte und Cembalo. Das männliche Sängerensemble der Profeti della Quinta überzeugt mit starkem stimmlichen Ausdruck sowie einer mimischen Hingabe, welche die Komik der Geschichte noch einmal untermauert.

Wie bei Molière: Das Theater Mobil vor dem Neuen Palais.
Wie bei Molière: Das Theater Mobil vor dem Neuen Palais.Foto: Andreas Klaer

Telemann der Superlative

Nach einer knappen Stunde heißt es schließlich Abschied nehmen, das Eilen zur nächsten Aufführung beginnt. Zum Verarbeiten des eben Gesehenen ist kaum Zeit, denn schon fängt im Treppenhaus des Hauses 9 der Universität Potsdam das Telemann-Konzert der Akademie für Alte Musik Berlin an. Und was für ein Konzert: Zunächst ist die „Bourlesque de Quixotte-Ouvertüre“ zu hören, bei der die Musiker sich mit ganzer Leidenschaft in ihre Instrumente legen. Besondere Freude macht Flötistin Friederike Vollert mit ihrer stürmischen Hingabe. Es folgt Telemanns „Cantate oder Trauer-Music eines kunsterfahrenen Canarienvogels“, die Sopranistin Anna Willerding mit aller verlangten Leidenschaft und Komik darbietet. Manchmal verschluckt sie zwar einige Silben, überzeugt aber ansonsten mit ausdrucksstarker Stimme und Mimik.

Der einzige Wermutstropfen: Erneut bleibt keine Zeit, die etwa 45 Minuten lange Aufführung nachwirken zu lassen. Zu dicht sind die einzelnen Konzerte der Commedia Nacht getaktet. Besuchern, die alle sehen möchten, bleibt kaum Zeit für gemütliches Flanieren bei einem Glas Wein zwischendurch. Und so kommen die Zuhörer des Telemannkonzertes geschlossen zu spät zum Auftritt des Kleinkünstlerduos Pigor und Eichhorn, die auf dem Ehrenhof moderne Chansons über Klimawandel und falschen Nationalstolz zum Besten geben.

Ein entspannter Ausklang

Vom klassischen Telemann hin zu den sehr aktuellen Liedern von Benedikt Eichhorn und Thomas Pigor ist es ein gewaltiger Sprung, der aber bereits nach einigen Takten vollzogen ist. Zu einnehmend ist der Charme des Duos, zu nachdenklich die Texte. Besonders der Song „Die Überbetonung der nationalen Zugehörigkeit“ bleibt noch lange danach im Gedächtnis.

Das ist nun auch möglich, denn nach diesem Konzert beginnt der entspannte Ausklang der Commedia Nacht: Vor dem Neuen Palais spielt das Theater Mobil eine „Comédie à la Molière“, gleich daneben findet eine beeindruckende Slacklineshow statt. Akrobatin Linn Brodén balanciert und turnt auf einem schlaff hängenden Seil, während Miloš Milojevic und Gabriel Froihofer sie mit Klarinette und Perkussionen begleiten. Es entspinnt sich eine atemberaubende Performance, die mit der vorangehenden Eile versöhnt.

Das am Ende der Commedia Nacht vorgesehene Feuerwerk ist wegen der anhaltenden Waldbrandgefahr abgesagt, als Ersatz wird eine Feuershow mit musikalischer Untermalung geboten, welche die Besucher schließlich in die mondbeschienene Nacht entlässt.