• Cinema privé : Leben, Sterben, Sterbehilfe

Cinema privé : Leben, Sterben, Sterbehilfe

Rita Feldmeier stellte im Filmmuseum ihren Lieblingsfilm vor: Michael Hanekes Tragödie "Liebe". Und sie erzählte von ihren neuen Rollen am Hans Otto Theater.

Seit 1976 am Hans Otto Theater: Rita Feldmeier
Seit 1976 am Hans Otto Theater: Rita FeldmeierFoto: promo

Sie spielt eine Klofrau genauso überzeugend wie eine Königin. Rita Feldmeier weiß, sich in ihre Figuren hineinzuleben. Sie steht für Verlässlichkeit und Überraschung. Obwohl sich die 64-Jährige in ihrer Unkündbarkeit am Hans Otto Theater gemütlich einrichten könnte, ringt sie bis heute um jede Rolle, setzt auch kleinen Nebenrollen Glanzlichter auf. 

Ganz privat

Am Dienstagabend sitzt die Schauspielerin nun strahlend und aufgeregt auf der Bühne des Filmmuseums, um in der Reihe „Cinema privé“ ihren Lieblingsfilm zu präsentieren: „Liebe“ von Michael Haneke. Die meisten Zuschauer im recht gut gefüllten Saal kennen den Film bereits, wie sie auf Nachfrage von Moderator Knut Elstermann kundtun. Rita Feldmeier erzählt in ihrer sehr lebendigen, natürlichen Art, warum sie sich für diese herzerwärmende und tieftraurige Tragödie entschieden hat, die sie irgendwann spätabends im Fernsehen sah. „Ich sagte noch zu meinem Mann: Das werden wir heute nicht schaffen.“ Aber sie blieben bis zum Ende hellwach. Es war vor allem die Spielweise von Jean-Louis Trintignant, Emanuelle Riva und Isabelle Huppert, die sie begeisterte: in diesem Kammerspiel um Leben, Sterben und Sterbehilfe. So einzigartig zurückgenommen, ein „Fast-Nichtspiel“. „In diesen Gesichtern geht so viel vor, und trotzdem bewahren sie noch ein Geheimnis. Und wenn es traurig wird, kommen keine Geigen.“ 

Dieser Film rückt auch ihre eigene Familiengeschichte dicht an sie heran. Er führt sie zurück in ihre Heimat Rostock, wo sie mit vier Geschwistern aufwuchs. Die Eltern sind beide Pharmazeuten. Doch die Mutter gibt ihre Karriere auf, kümmert sich um die Familie. „Heute sind beide 94 Jahre alt. Mutter ist an Altersdemenz erkrankt und mein Vater gibt ihr alles zurück. Das ist so rührend anzusehen. Er steht nachts auf, bringt sie zur Toilette, wäscht die Wäsche, macht Frühstück. Sie geben sich Küsschen und meine Mutter strahlt ihn mit ihren ein bisschen entrückten Augen an.“ Rita Feldmeier beobachtet öfter alte Paare, die ruppig miteinander umgehen, knochig werden, auch im Zusammenleben. Am liebsten würde sie ihnen zurufen: Seid doch ein bisschen netter zueinander. Und dann bewegt sie zunehmend die Frage: Wie souverän ist man noch im Alter?

Und wieder ein Neustart

Sie selbst ist gerade an der Grenze zum Rentendasein, hatte sich schon entschieden, aufzuhören. Deshalb wirkte sie auch in der Findungskommission für die neue Intendantin mit. Doch dann erfuhr sie, dass Altersrente nach 45 Berufsjahren keine Regelrente ist und sie kaum etwas dazu verdienen dürfte. Nun bleibt sie weitere zwei Jahre am HOT und empfindet beim jetzigen Neustart genauso ein Prickeln wie bei vorherigen Wechseln. „Ich muss nicht im Land herumreisen, um Neue zu erleben. Die Intendanten kommen immer zu mir. Ich bin auch nicht rauszukriegen“, sagt sie selbstironisch. 
In der kommenden Spielzeit sind ihr zwei Rollen bereits gewiss. In der Eröffnungsinszenierung „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ am 22. September spielt sie die Nadeshda und zeigt die Sehnsucht einer Frau, die zurück nach Hause will: nach Russland, um dort zu sterben. „Keine große Figur, nur dreieinhalb Seiten. Aber ich habe sie sofort geliebt.“ In „Occident Express“ spielt sie ab 19. Oktober eine alte Frau aus der Wüste Iraks, die nach einem Massaker mit ihrer Enkeltochter flüchtet. „34 Schreibmaschinenseiten, das ist schon einer Herausforderung, wenn man über 60 ist. Doch hier habe ich den Atem des Abends in der Hand. Das hatte ich lange nicht.“


In der Reihe „Schauspielfenster“ stellt Rita Feldmeier am Samstag, 12. September, um 11 Uhr in der „Dogs Company“, Lindenstraße 50, den „Occident Express“ vor