• Choreografin Heidi Weiss im Porträt : Nicht so viel denken

Choreografin Heidi Weiss im Porträt : Nicht so viel denken

Tanz für jede und jeden: Die US-amerikanische Tänzerin und Choreografin Heidi Weiss setzt die Tradition von „Group Motion“ in Deutschland fort. Diese Woche ist sie in der fabrik Potsdam zu Gast.

Astrid Priebs-Tröger
Die gebürtige US-Amerikanerin Heidi Weiss ist seit den frühen 1990er Jahr mit Potsdams Tanzszene vertraut. 
Die gebürtige US-Amerikanerin Heidi Weiss ist seit den frühen 1990er Jahr mit Potsdams Tanzszene vertraut. Foto: fabrik Potsdam

Mit so viel Zuspruch hatte niemand gerechnet: Über 600 tanzbegeisterte Potsdamer hatten sich Anfang dieses Jahres bei dem Tanz-Projekt „Le Grand Continental“ beworben. 150 schafften es schließlich, bei der Openair-Aufführung, die den Prolog der 28. Potsdamer Tanztage bildete, im Lustgarten dabei zu sein. Mit dabei war auch die Tänzerin und Choreografin Heidi Weiss. Zusammen mit dem kanadischen Choreografen Sylvain Emard, und vor allem auch während seiner Abwesenheit, leitete sie die Proben für das Tanzstück.

Im Rahmen der Workshopwoche „Tanzintensive“, die seit Montag an der fabrik stattfindet, ist Heidi Weiss nun wieder in Potsdam. Sie bietet zwei Kurse an, sowie am Samstag auch einen extra Group-Motion-Workshop, den sie gemeinsam mit der Choreografin Jennifer Mann unterrichtet. In dem zweistündigen Training, das offen für alle Tanzbegeisterten und -level ist, wollen sie, wie es schon lange Prinzip von „Group Motion“ ist, Tanz für jeden und jede zugänglich machen.

Ein Kind mit Bewegungsdrang, ein Tanz-Studium in Philadelphia

Die quirlige, impulsive US-Amerikanerin, die seit zweiundzwanzig Jahren in Deutschland lebt, sprüht nur so vor Energie. Weiss wurde 1970 in New Jersey geboren und ihr unerschöpflicher Bewegungsdrang veranlasste ihre Mutter, nach einer geeigneten Tanzausbildung für die damals Fünfjährige zu suchen. Das sei auch später nicht leicht gewesen in den USA, wo es nur in New York eine nennenswerte moderne Tanzszene gab, so Heidi Weiss.

Zum Studium ging Weiss schließlich nach Philadelphia und ihr Kontakt zur dort ansässigen Multimedia-Tanzcompany „Group Motion“, mit der sie bis heute verbunden ist, brachte sie schließlich auch nach Deutschland. „Group Motion“ wurde 1962 von den Choreografen Brigitta Herrmann, Hellmut Gottschild und Katharine Sehnert in Berlin als Kammertanzkompanie aus der legendären Mary Wigman School of Dance gegründet. Der künstlerische Leiter Manfred Fischbeck zog 1968 nach Philadelphia und inspiriert seitdem nicht nur Tänzer, sondern auch Schauspieler, Musiker und Performer in der ganzen Welt. Heidi Weiss gehörte während ihres Studiums in Philadelphia drei Jahre zur Company und tourte mit ihr auch durch Deutschland.

Schon 1993 choreografierte Heidi Weiss auf Einladung von Anja Kozik in Potsdam - damals noch am Fischhaus.
Schon 1993 choreografierte Heidi Weiss auf Einladung von Anja Kozik in Potsdam - damals noch am Fischhaus.Foto: fabrik Potsdam

Sofort verliebt in Potsdam und die Menschen hier

Der Kurs, den sie in Potsdam anbietet, ist eine angeleitete Tanz- und Bewegungsimprovisation mit Live-Musik und Elementen aus Improvisation, Bewegungsmeditation und Contact-Tanz. Er findet – 1971 von Brigitta Herrmann und Manfred Fischbeck entwickelt – seit über vierzig Jahren weltweit regelmäßig auf Festivals, in Tanzstudios und Schulen statt. Was die Group Motion auszeichnet, ist offenbar auch die besondere Atmosphäre während der Kurse. „Group Motion schuf ein Umfeld, in dem (Avantgarde)-Tanz wachsen und gedeihen kann“, beschrieb das eine Teilnehmerin anlässlich des 50. Jubiläums der Company in einem Artikel. Heidi Weiss und Jennifer Mann setzen diese Tradition seit anderthalb Jahren in Berlin fort, wo Heidi Weiss lebt. Beide bieten dort regelmäßig, begleitet von einem Musikertrio mit live improvisierter akustischer und elektronischer Musik, die Möglichkeit, die Arbeit von Group Motion kennenzulernen.

Mit Potsdam und der hiesigen Modern-Dance-Szene ist Heidi Weiss seit Anfang der 1990er Jahre vertraut. Nach ihrem Studium ging sie zwar zuerst nach Amsterdam, fand dann aber nach der Wiedervereinigung die sich entwickelnde Tanzszene Ostdeutschlands viel spannender und um einiges herausfordernder, als die in der niederländischen Metropole. Sie verliebte sich sofort in Potsdam und den Heiligen See. Und in die Menschen hier, wie sie mit leuchtenden Augen sagt, die damals so „ungeheuer hungrig auf moderne Kunst waren“. „Das war die Partyzeit“, so Weiss weiter. Sie ist froh, diese hier erlebt zu haben – jene „ungeheure Euphorie und Neugier“. Die Choreografin hat ihren jetzigen Mann hier kennengelernt, der damals im Waschhaus arbeitete.

Als Absolventin im Fischhaus, 2018 bei „Le Grand Continental“ dabei

Bereits 1993 bekam sie einen Anruf von Anja Kozik, die sie, die gerade 23-jährige Absolventin einlud, die Choreografie von „Still Point“ zu übernehmen. Getanzt wurde im ehemaligen Fischhaus und neben Kozik waren auch Sven Till, der heutige Leiter der fabrik, und Esther Cowens mit dabei. Seitdem ist der Kontakt zur fabrik Potsdam nie abgerissen. Besonders intensiv gestaltete er sich jetzt bei dem fünfmonatigen „Le Grand Continental“-Projekt, dessen Teilnehmer nach den erfolgreichen Aufführungen mehr von den modernen Tanztechniken erfahren und erlernen wollen. Heidi Weiss, die nicht nur selbst tanzt und choreografiert, liebt auch das Unterrichten und schätzt die Wissbegier ihrer Potsdamer Schülerinnen und Schüler. Allerdings hat sie auch festgestellt, dass in Deutschland im Gegensatz zu den USA zumeist sehr „kopflastig“ getanzt wird. „Nicht so viel denken, sondern mehr spüren“, gibt sie ihren Schülern oft mit auf den Weg.

Und „Group Motion“ mit seinem hundertprozentigen Improvisationsansatz liefert das passende Konzept dafür. Alles sei erlaubt und erwünscht, so Heidi Weiss. Doch diese gemeinsame Reise erfolgt nicht planlos, sondern mit einer für alle klaren Struktur und ebensolchen Aufgaben. Und mit Begeisterung für den Tanz natürlich. Davon gibt es in Potsdam ja bekanntlich genug.

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Die Workshopwoche „Tanzintensive“ findet noch bis Samstag im Studiohaus der fabrik, Schiffbauergasse 4g, statt. In dem Kurs „Tanz und Improvisation“ am Donnerstag und Freitag, 19.30 bis 21.30 Uhr, vermittelt Heidi Weiss die Grundlagen des Modernen Tanzes und verbindet diese mit dem Ansatz von Improvisation. Der Kurs kostet 30, erm. 26 Euro. Gemeinsam mit Jennifer Mann animiert sie am Samstag, 19 bis 21 Uhr, den Workshop „Group Motion“, einen interaktiven Raum für authentischen Ausdruck durch Bewegung und Klang. Der Kurs kostet 20 Euro. Vorerfahrung im Tanz ist nicht notwendig. Anmeldungen unter www.fabrikpotsdam.de