• Chor-Sinfonie in Potsdam: Wasser, nichts als Wasser

Chor-Sinfonie in Potsdam : Wasser, nichts als Wasser

Bravostürme im Nikolaisaal in Potsdam: Philip Glass‘ sinfonisches Minimal-Music-Porträt „Itaipu“

Peter Buske

Potsdam - Im Torbogen zum Nikolaisaal weht zunächst ein frischer Wind, dann knattern Böen ein wenig verheißungsvolles Staccato. An den Seitenwänden knistert es und plätschert Wasser. Es rauscht, tröpfelt, gluckst und gluckert. Sollte der Durchgang etwa reparaturbedürftig sein? Weit gefehlt. Das alles ist von Kinderhand als Klangspalier höchst kunstvoll erzeugt. Schüler der Klasse 7a der Leonardo-da- Vinci-Gesamtschule haben zuvor unter der Anleitung von Jens Schmidt an zwei Projekttagen die entsprechenden Sounds entwickelt. Dabei haben sie sich von den Sätzen „Der See“, „Der Damm“ und „Zum Meer“ aus Philip Glass‘ sinfonischem Porträt „Itaipu – Der singende Stein“ inspirieren lassen. Vorm Toreingang gießen sie geräuschvoll Wasser in Plastikeimer, schütteln nicht weniger intensiv halbgefüllte Wasserflaschen, lassen per Strohhalm die Luft in ihnen perlen, bringen durch Schütteln das Nass in halbgefüllten Luftballons zum Blubbern. Mit einer kreisenden Kugel im Kochtopf oder geknüllten Plastiktüten wird den gerade schlafenden Winden auf die Sprünge geholfen. Wenig später findet sich der von Klang begleitete Besucher im Foyer wieder, wo die zweite Etappe des „Philip Glass Minimal Music Project“ der Musikfestspiele Potsdam Sanssouci und des Nikolaisaals erreicht ist.

Speziell für diesen Abend hat der international renommierte Vokalvirtuose und Stimmakrobat David Moss die Chorperformance „Aqua Qua“ entwickelt und mit fast 80 Sängerinnen des Generationenchors Potsdam und des Chors am Helmholtz-Gymnasium Potsdam zur begeistert aufgenommenen Uraufführung gebracht. Zunächst ertönen von der Empore schrille Rufe und Schreie, dann formiert sich die Truppe im Foyer zu einer geschlossenen Vokalkompagnie der Extraklasse, die den Intentionen des Performers engagiert zu folgen versteht. Vorausgegangen ist dem Auftritt ein eintägiger Intensivworkshop, bei dem die Beteiligten ihre vokalen und körperlichen Ausdrucksmöglichkeiten erkundet haben. Als „Partitur“ dient David Moss eine Sammlung von klappbaren Papptafeln, auf denen Worte wie „Aqua“ und „Qua“ oder ganze Sätze stehen, die kraftvoll und rhythmisch überaus präzise skandiert werden. „Wasser ist eine thermisch außerordentlich stabile Verbindung“, lautet eine der Herausschleuderungen, zu der Moss einen gutturalen, fischsprachblubbrigen Kommentar liefert. Köstlich. Das Gesprochene mündet alsbald in russischähnlichen seelenvollen Gesang, wobei das Wort „Wasser“ stets deutlich hörbar wird. Dessen ständige Repetition und zischelnde Stimmverschränkungen hören sich sehr beeindruckend an. Zum Schluss begeistert der Rhythmus indianischer Gesänge. Der musikalische Bogen hat sich geschlossen. Sie werden aufs Herzlichste in den Großen Saal verabschiedet, wo sie als Teil des erwartungsfrohen Publikums das 50-minütige Glass-Highlight „Itaipu“ erleben.

Der Name seines chorsinfonischen Werkes im Stile der Minimal Music bedeutet in der Sprache der indianischen Ureinwohner aus dem Volk der Guarani „singender Stein“ – eine bildhafte Umschreibung für die Geräusche, wenn Wasser über die Felsen strömt. Die Idee zu dieser Komposition ist Philip Glass 1989 gekommen, als er das damals weltgrößte Wasserkraftwerk nebst dazugehöriger Superstaumauer im Paraná-Strom im Grenzgebiet von Brasilien und Paraguay besucht hat. Als Reverenz an die einst baubedingt umgesiedelten Guarani-Indianer verwendet Glass den Schöpfungsmythos in deren Sprache. Er handelt von einer Sintflut, die durch das Fehlverhalten eines Gottes verursacht wird. In die düsteren, unheilverkündenden Klänge von Blech und Bässen mischen sich scharf artikulierte Flötentöne und gleißende Streicherfigurationen.

Das Deutsche Filmorchester Babelsberg unter Leitung von Robert Reimer zeigt sich dabei von seiner klangprägnanten, stilsicheren und reaktionsschnellen Spielseite. Den scheinbar monoton wirkenden Spielfiguren – auch in den nachfolgenden Sätzen – entlocken die Musiker eine Fülle von dynamischen und artikulatorischen Feinheiten. So kann man die Motive, mit denen die Landschaft und der Damm skizziert werden, mühelos verfolgen. Schlank ist der Musiker Klang, rhythmisch präzise, enorm intensiv. An- und abschwellenden Erregungen bleiben sie nichts schuldig. Und selbst bei der Assistenz der häufigen Fortefortissimo-Orgien der zwar kraftstrotzend, aber dennoch kultiviert tönenden 54-köpfigen Sängerschar vom Chor des Nationalen Musikforums Wroclaw wissen sie mit staunenswerter Intensität zu überzeugen. Spannend bleibt es bis zum letzten Takt der Partitur! Dann tosen Bravostürme durch den Nikolaisaal.

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