• „Chinchilla Arschloch“ im Hans Otto Theater: Da kannste was lernen

„Chinchilla Arschloch“ im Hans Otto Theater : Da kannste was lernen

Theatertreffen mit Verspätung: In Potsdam zeigt Helgard Haug die ausgewählte Inzenierung „Chinchilla Arschloch, waswas“.

Lena Schneider
Herausfordernd. Die Akteure von „Chinchilla Arschloch“.
Herausfordernd. Die Akteure von „Chinchilla Arschloch“.Foto: Berliner Festspiele, Robert Schittko

Pandemische Paradoxien: Das coronabedingte Verschiebekarussell führt dazu, dass sich beim Berliner Theatertreffen die Ausgaben 2020 und 2022 beinahe die Hände reichen. Nur wenige Wochen, bevor am 3. Februar die Auswahl für das Festival im kommenden Mai bekanntgegeben wird, war soeben ein Nachschlag des Vor-vorjahres zu erleben – im Potsdamer Hans Otto Theater.

Dieser Ausfallschritt in die Nachbarstadt ist neu für die Festspiele. Berliner Bühnen waren nach den wochenlangen Schließungen mit dem Produktionsstau am eigenen Haus überbeschäftigt, Potsdam sagte sofort zu. Erinnern wir uns kurz an 2020: Beim Theatertreffen herrschte digitales Notprogramm. Sechs von zehn Produktionen wurden als Mitschnitte gezeigt. Auch „Chinchilla Arschloch, waswas“ von Helgard Haug aus der Gruppe Rimini Protokoll – der jetzt in Potsdam live nachgeholte Nachschlag.

„Jeder Abend ist anders“

Premiere war 2019 im Mousonturm Frankfurt. Das Potenzial für topaktuelle Einwürfe zu Querdenkertum und AfD ist „Chinchilla Arschloch“ sowieso schon eingeschrieben. Jeder Abend ist anders, sagt Barbara Morgenstern, zuständig für Klavier, Keyboard, Beats, Gesang, eingangs. Geplant ist nur ein Gerüst: 28 Szenen. Auf einer Art Barometer, das quer über die Bühne verläuft, lässt sich verfolgen, was davon schon geschafft ist.

Die hier auf der Bühne stehen, sind Helden der Improvisation. „Chinchilla Arschloch“ versammelt Christian Hempel, Benjamin Jürgens und Bijan Kaffenberger, drei Menschen mit Tourette-Syndrom. Das ist jene Erkrankung des Nervensystems, die zur Folge hat, dass die Erkrankten von nur schwer kontrollierbaren motorischen und vokalen Tics erfasst werden.

Das können Zuckungen sein, aber auch Pfeifen, Klacken, Räuspern oder ausgewachsene verbale Entgleisungen. Je weniger sie erwünscht sind, desto kraftvoller brechen sie raus. Tourette ist das Gegenteil von planbar. Tourette ist somit auch das Gegenteil von Theater.

Tourette-Syndrom auf der Bühne

Dafür, dass Helgard Haug es dennoch schafft, diesem Syndrom und den Menschen, die darunter leiden, eine Bühne zu geben, wurde sie völlig zurecht zum Theatertreffen eingeladen. Die Ankündigung ließ noch Gefahr vermuten. „Alles kann passieren, weil sich Tourette kaum kontrollieren lässt“, so die Jury in ihrer Begründung.

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Das Publikum könne getriggert, beschimpft, umarmt oder beschenkt werden. Ein bisschen klang das wie eine Warnung vor wilden Tieren. Und natürlich steht bei einem solchen Projekt die Frage im Raum: Werden Menschen, deren Krankheit darin besteht, dass ihre Körper ihnen unkontrolliert Streiche spielen, auf einer Bühne nicht auch ausgestellt wie Tiere im Zoo?

Gemeinsamkeit schaffen

Dagegen tut Helgard Haug dreierlei. Christian Hempel, Benjamin Jürgens und Bijan Kaffenberger lassen keinen Zweifel daran, dass sie selbst es genau so wollen. Immer wieder wird der Spieß auch umgedreht, geht das Licht im Saal an, streift das Scheinwerferlicht einzelne Zuschauer:innen. Die im Saal gucken, aber die auf der Bühne gucken zurück.

Und: Helgard Haug schafft Gemeinsamkeit – durch Humor. Als Benjamin Jürgens beschreibt, wie er mal mit seiner Frau ins Theater ging und wider Willen einen Monolog „bis zum Ende durchkommentierte“, lacht der ganze Saal. Wenn Christian Hempel schildert, wie seine Nachbarn mit dem Jugendamt drohen, sollte er „unerwünschte Geräusche“ im Garten nicht unterlassen, bleibt einem das Lachen im Hals stecken. Empathie, ohne Kitsch – das ist das Geschenk, das dieser Abend macht. Von Gefahr keine Spur.

Nebenbei legt „Chinchilla Arschloch“ all die Konventionen bloß, durch die Theater überhaupt funktioniert. Und es kriegt das kleine Wunder hin, dass man sich durch die Bekanntschaft mit diesen Expert:innen eines fremden Alltags etwas von ihrer Expertise abschaut. Zunächst Befremdliches wird weniger fremd. Der Mensch in seiner schier unbegreiflichen Vielfalt ein wenig begreiflicher.

Wer sich künftig mal an einem Tourette-bedingten „geile Maus“ in der S-Bahn stören sollte, erinnert sich vielleicht an Bijan Kaffenberger. Der sagt: Man solle im Vergleich an verbale Entgleisungen wie die vom „Müllhaufen der Geschichte“ denken – „und die geschehen mit Absicht.“

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