Kultur : Charlie tanzt

Chaplin-Kurzfilme begeistern im Nikolaisaal

Babette Kaiserkern

Heftige Lachwogen am Freitagabend im Nikolaisaal: gezeigt werden Kurzfilme, die Charlie Chaplin für die Produktionsfirma „Mutual“ drehte und die als Höhepunkt der Slapstick-Tradition gelten. Mit der amüsanten Musik von Carl Davis, die vom Filmorchester Babelsberg unter der Leitung von Helmut Imig spritzig gespielt wird, verdoppelt sich der Spaß des Abends.

Schon die Vertragsunterzeichnung im Jahr 1916 wurde zum Ereignis: Charlie Chaplin erhielt 10000 Dollar Wochengage, 150 000 Dollar Handgeld pro Film und die Garantie völliger künstlerischer Freiheit zugesagt. Unter diesen Bedingungen konnten die zwölf Filme viel sorgfältiger geplant und gestaltet werden als zuvor. Charlie Chaplin entwickelte sich immer mehr zu einem Perfektionisten. Nach eigener Aussage waren es seine glücklichsten Jahre in Hollywood.

Sorglose Heiterkeit spiegelte sich auch in den vier gezeigten Filmen des Abends. Charlie Chaplin tanzt weit mehr als sonst. Er tanzt auf Rollschuhen und im Ballsaal, im Büro und auf der Straße, mit einer Leiter, auf einem am Boden liegenden Seil, allein, zu zweit und mit mehreren. Selten zeigen seine Auftritte mehr gelöste Bewegung und Lebendigkeit als hier. Lust an purem Unsinn bestimmt die Szenerie. Charlie serviert ein gebratenes Huhn, das auf dem Teller des Gastes ein paar Eier fallen lässt, unter einer pompösen Bratenhaube springt eine lebendige Katze hervor. Als vollendeter Rollschuhläufer bezaubert er in „The Rink“ die junge Edna, zum offenen Finale lässt er sich von einem Automobil einfach fortziehen – rückwärts auf Rollschuhen stehend. Als Schneidergeselle in „The Count“ nimmt er an einer korpulenten Dame Maß – natürlich entgegen den Regeln. Er tut sich schwer, misst Nase, Ohren, Hals und Fingerlänge, ganz prekär wird es bei besonderen Stellen, wie der Taille. Derweil brennt das Bügeleisen ein Loch in die zugeschnittenen Stoffteile. Als falscher Graf gerät er auf einer Party in eine schnelle Folge urkomischer Situationen. Charlie tanzt Walzer grotesk, Swingfox und Charleston, zieht am Kronleuchter, schwingt in der Hollywoodschaukel, kreiert ein absurdes Capriccio filmischer Bewegungen.

Wie viel Musik da drin steckt, wird in der wunderbaren Musik von Carl Davis erst Recht deutlich. Mit dem rechten Gespür für Chaplins Humor tänzeln und schwingen die Töne, knallen die Hölzer und die Luftballons, schmachten kurzzeitig die Geigen. Viele musikalische Zitate von der blauen Donau bis zum Tanz der Schleierfische aus dem Karneval der Tiere bereichern das opulente Klangspektakel. Im „The Floorwalker“ (Der Hausdetektiv) gibt eine Rolltreppe, auch ein geschwindes technisches Wunderwerk wie der Film, allerlei Anlass für filmgerechte Situationskomik. Charlie gießt Blumenhüte, kitzelt fremde Füße beim Schuhe verkaufen, findet gestohlenes Geld, wird selber gejagt. Ein besonderes Meisterstück gelingt mit dem Film „The Pawnshop“ (Das Pfandhaus). Dieser Film besitzt weniger äußere Turbulenzen, aber mehr Pantomime, szenische Erzählung und Großaufnahmen. Die Musik antwortet darauf mit längeren, solistischen Passagen von Klarinette, Englisch Horn, Saxophon und Geige. Bis ins Absurde wird der Humor gesteigert. Unendlich akribisch und beflissen untersucht Charlie Chaplin den Wecker eines Kunden, zerlegt ihn bis zur letzten Schraube. Dann gibt er ihn als unbrauchbar zurück. Der konsternierte Besitzer verlässt den Laden und wird prompt von einem Fußgänger nach der Uhrzeit gefragt – vergeblich. Babette Kaiserkern

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