• CD der Kammerakademie Potsdam: In sattem Goldton

CD der Kammerakademie Potsdam : In sattem Goldton

Würdiger Abschluss des Mendelssohn-Zyklus der Kammerakademie Potsdam auf CD.

Babette Kaiserkern

Mit der soeben erschienenen CD der 2. Symphonie „Lobgesang“ beendet die Kammerakademie Potsdam ihren Zyklus aller Symphonien von Felix Mendelssohn Bartholdy. Der Neuerscheinung liegt ein Live-Mitschnitt aus dem Nikolaisaal Potsdam zur Saisoneröffnung am 1. September vergangenen Jahres zugrunde. Zum Orchester unter der Leitung von Antonello Manacorda gesellten sich der NDR-Chor sowie die Gesangssolisten Maria Bengtsson, Johanna Winkel und Pavol Breslik.

Während Mendelssohns andere Symphonien rein instrumental angelegt sind, erscheint die zweite in einer Mischform, weshalb sie vom Komponisten die Bezeichnung Symphonie-Kantate erhielt. Erst Jahrzehnte nach dem Tod des Komponisten wurde sie als Symphonie Nr. 2 veröffentlicht, was vermutlich nicht den Vorstellungen Mendelssohns entsprochen hätte. In der Tat erscheint sie im neuen Werkverzeichnis bereits unter den Vokalwerken. Dass der Glanz des symphonischen Etiketts noch nicht verblichen ist, zeigt die Veröffentlichung der Kammerakademie eben unter dem alten Namen 2. Symphonie. Mit Beethovens Neunter existierte ein mögliches Vorbild, das bereits die ersten Kritiker nach der Leipziger Uraufführung am 25. Juni 1840 mit der Mendelssohn’schen Symphonie assoziierten. Doch die beiden Werke sind so unterschiedlich wie zwei verschiedene Planeten. Hier Beethovens innovatives, metaphysisches Bekenntniswerk – dort Mendelssohns Auftragswerk zur 400-Jahr-Feier der Buchdruckerkunst, das der Literaturwissenschaftler Hans Mayer als Deutsches Tedeum bezeichnete. Wie üblich bei dieser urchristlichen Gattung steht auch bei Mendelssohn Gotteslob und Dank im Zentrum. Dafür wählte der Komponist persönlich biblische Texte aus, überwiegend aus den Psalmen des Alten Testaments.

Eine prägnante Posaunenfanfare eröffnet, durchzieht und beschließt das Werk, das aus zwei unterschiedlichen Teilen besteht. Auf eine dreiteilige Symphonie folgt ein gesanglicher Teil, in dem Mendelssohn die Oratorientradition noch einmal auf eigene Art aufleben lässt, die er selbst mit der legendären Berliner Aufführung von J. S. Bachs Matthäuspassion neu begonnen hatte. Nicht zuletzt setzt er mit dem Lobgesang auch dem bewunderten Thomaskantor ein eindrucksvolles Denkmal. Für den Dirigenten eröffnen sich eine Fülle von Gestaltungsmöglichkeiten. Antonello Manacorda und die Kammerakademie Potsdam stürmen durch den ersten Satz mit heftigen Ausbrüchen, gefallen mit beschaulichem Wellenschaukeln im Allegretto und entfalten das innige Adagio religioso mit zart aufblühenden Farben in den Holzbläsern. Kräftige Posaunen rufen zum ersten Gesang auf – der NDR-Chor zeigt hier und in den folgenden Stücken Facettenreichtum, Klangstärke und Textverständlichkeit, wenn auch manchmal etwas zu pastös aufgetragen. In der kontrastreichen, dynamisch nuancierten Folge der Gesangsstücke setzen die Solisten schöne Glanzlichter. Maria Bengtsson, Sopran, besticht mit silbrig leuchtender, vibratoreicher Stimme. Johanna Winkel, Sopran, setzt anmutige Akzente in sattem Goldton. Wie gut sie sich ergänzen, zeigt sich nicht nur im lieblichen Andante „Ich harrete des Herrn“. Mit formidabler Klangfülle, subtiler Phrasierung und hervorragender Diktion überzeugt der lyrische Tenor Pavol Breslik ganz besonders im ausdrucksstarken Solo „Stricke des Todes“. Beim Dankchoral fühlt man sich zunächst an Johann Sebastian Bach erinnert, wenn da nicht die filigranen Girlanden der Holzbläser wären. Im Kontrast dazu endet das Werk mit einem freudigen Triumphgesang zum Erweckungsklang der markanten Posaunen. Mit dieser bezwingenden Einspielung findet der Mendelssohn-Zyklus der Kammerakademie Potsdam einen würdigen Abschluss. 

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Kammerakademie Potsdam/Antonello Manacorda: Sinfonie Nr. 2 „Lobgesang“ von Felix Mendelssohn-Bartholdy, Sony Classical, 19, 99 Euro