• Carsten Wist über die Leipziger Buchmesse: „Angenehm viel Potenzial für Konflikte“

Carsten Wist über die Leipziger Buchmesse : „Angenehm viel Potenzial für Konflikte“

Buchhändler Carsten Wist erklärt im Interview mit PNN, an welchen Büchern wir nach der Leipziger Buchmesse nicht mehr vorbeikommt. Und was das einzige ist, was ihm in Leipzig fehlte.

Foto: Ronny Budweth

Herr Wist, an welchen auf der Messe vorgestellten Büchern kommen wir demnächst in Ihrem Laden nicht vorbei?

Isabel Fargo Cole „Die grüne Grenze“ – Sie hat leider den Preis der Leipziger Buchmesse nicht erhalten. Ein einfühlsam sprachmächtiger Roman über die grüne innerdeutsche Grenze im Harz. Serhij Zhadan „Internat“: Kafkas „Schloss“ ukrainisch reloaded – eine Wucht! Stefan aus dem Siepen „Aufzeichnungen eines Käfersammlers“ - Der Untertitel ist Programm: Unzeitgemäße Erzählungen. Und dann natürlich: Anthony McCarten „Jack“, der verrückte Jack-Kerouac-Roman.

Was waren die größten literarischen Enttäuschungen?

Das hielt sich in diesem Frühjahr eigentlich in Grenzen. Klar hatte ich mir von dem neuen Schlink mehr versprochen und die neue Maron fand ich nicht so überzeugend, doch gleich von einer großen Enttäuschung zu sprechen, wäre etwas übertrieben.

Was hat Ihnen auf der Messe 2018 gefehlt?

So eine Buchmesse ist eigentlich von allem enorm viel: viele Menschen, viele Verlage, Bücher, Autoren, viele Eindrücke. Das einzige, was man zu wenig hat, ist da Zeit und Muße.

Welche literarischen Entdeckungen empfehlen Sie aus dem Gastland Rumänien?

Ion Luca Caragiale „Humbug und Variationen“ – Neuübersetzung eines Rumänischen Klassikers im Guggolz Verlag; mit sarkastischem Witz und Sprachlust. Außerdem Mircea Cartarescus „Orbitor“-Trilogie („Die Wissenden“ / „Der Körper“ / „Die Flügel“). Das ist exzessive Weltliteratur aus Rumänien.

Im Vorfeld ist im Zusammenhang der Präsenz rechter Verlage viel über die Politisierung der Buchmesse diskutiert worden. War 2018 der politischste Jahrgang, den Sie bislang erlebt haben?

Auf jeder Buchmesse wird angeregt diskutiert, das ist ja gerade eine der Funktionen einer solchen Messe: das Gespräch über Literatur und Themen. Mal sind es Verlagswechsel bestimmter Autoren, mal ein bestimmtes Buch, mal größere Tendenzen, mal die Inhaftierung von Uli Hoeneß. In diesem Jahr sprach man eben kontrovers über Tellkamp und Grünbein. Also: Sich mit Literatur zu beschäftigen hatte in diesem Jahr – genauso wie in allen anderen – angenehm viel Konfliktpotenzial.

Wie bewerten Sie die Performance der Brandenburger Autoren auf der Buchmesse?

Sagen wir es so: Mit dem einen oder anderen Brandenburger Autoren haben sich unsere Wege gekreuzt, beispielsweise Stefan aus dem Siepen. Da tauscht man sich kurz über dieses Phänomen Buchmesse aus, welche Termine und Lesungen noch anstehen, vielleicht trinkt man einen Schluck gemeinsam und fächelt sich Mut zu.

Fragen von Lena Schneider

Carsten Wist, 1957 in Pritzwalk geboren, arbeitet seit 1991 als Buchhändler. Anfangs gemeinsam mit Siegfried Ressel, der nach Frankreich zog. 2003 öffnete „Wist – Der Literaturladen“.

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