• Buch über Potsdams Kino-Geschichte: 111 Jahre lebende Photographien

Buch über Potsdams Kino-Geschichte : 111 Jahre lebende Photographien

Mit ihrem neuen Buch taucht die Potsdamerin Jeanette Toussaint in die Kino-Historie der Stadt ein.

Eine Ausstellung im Potsdamer Filmmuseum zeigt Exponate aus 111 Jahren Potsdamer Kinogeschichte.
Eine Ausstellung im Potsdamer Filmmuseum zeigt Exponate aus 111 Jahren Potsdamer Kinogeschichte.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Potsdam und das Militär. Dies gehörte über Jahrhunderte hinweg gewissermaßen zusammen. Einquartierungen von Soldaten in den Bürgerhäusern und später dann die vielen Kasernenbauten prägten lange Zeit die einstige Garnisonstadt. Ein interessantes Detail aus dieser Geschichte des Militärs in der Havelstadt hat die Potsdamer Ethnologin Jeanette Toussaint für ihr neues Buch über die Kinolandschaft dieser Stadt recherchiert: Im Mai 1916, also mitten im Ersten Weltkrieg, entstand im Bornstedter Feld das erste deutsche Lazarett-Kino. Es verfügte über 250 Plätze und wurde mit Hilfe mehrerer Filmfirmen errichtet.

In ihrem neuen Werk „Komm mit ins Kino!“ durchwandert Toussaint die Historie der Potsdamer Lichtspielhäuser – freilich in erster Linie eine Geschichte der zivilen Kinonutzung. Vor 111 Jahren hielten die ersten „lebenden Photographien“, wie man die Kinofilme zunächst nannte, in Potsdam Einzug. Die erste nachweisbare öffentliche Filmvorführung auf dem Gebiet des heutigen Potsdams fand am 30. November 1901 im Deutschen Wirtshaus in der Potsdamer Straße 9 in Neuendorf statt, das später nach Babelsberg eingemeindet wurde. Das Deutsche Wirtshaus, also jener historische Ort mit der ersten Filmvorführung, befand sich zwischen der jetzigen Nuthestraße und der Glasmeisterstraße, ungefähr dort, wo heute eine Tankstelle steht.

Jeanette Toussaint forschte auch schon zur Geschichte des Babelsberger Thalia-Kinos.
Jeanette Toussaint forschte auch schon zur Geschichte des Babelsberger Thalia-Kinos.Foto: M. Thomas

Filmtitel spielten erstmal keine Rolle

Bei den frühen Filmvorführungen stand zunächst die noch junge Technik im Vordergrund. Hiermit hatte man in Anzeigen geworben. Filmtitel spielten hingegen noch keine Rolle. „Die Filme sind kurz, stumm, für die ganze Familie gedreht und werden meist von Musik begleitet“, schreibt Toussaint. Das Kinopublikum bekommt Alltagsszenen zu sehen, kurze Gags und Aufnahmen aktueller Ereignisse. Darunter sind auch viele Militärparaden, wie Toussaint herausfand.

Das erste ständige Kino in Potsdam wird 1909 in der Brandenburger Straße 19 eröffnet. Im selben Jahr gehen auch in Nowawes, das ab 1938 zu Babelsberg gehört, die ersten zwei Kinos an den Start. In der Auguststraße 50 (heute Tuchmacherstraße) lässt der Bäcker Johann Goiny seinen Laden „zu einer Gastwirtschaft mit Kinematographen-Theater“ umbauen, schreibt Toussaint. Im selben Jahr öffnet auch das Biophon-Theater – ebenfalls ein Kino – in der heutigen Rudolf-Breitscheid-Straße 27. Das neue Medium erhält Zuspruch vom Publikum, so dass in den folgenden Jahren immer weitere Kinos eröffnet werden. 

Kino in früherem Gasthaus

Allerdings schließen auch schnell Kinos in Potsdam immer wieder. Die meisten der neuen Lichtspielhäuser sind gar nicht so neu. Nur ihre Nutzung ist es. Denn die Kinos werden in Potsdam zum weit überwiegenden Teil in bestehende Häuser eingebaut. Das führt zu Kompromissen bei der praktischen Gestaltung. So ist etwa das Lichtspielhaus Waisenstraße 13 (in der heutigen Dortustraße gelegen), das von 1912 bis 1925 bestand, eingerichtet in einer früheren Wirtsstube, hinten nur 3,40 Meter breit. Vorne im „Saal“ ist es mit einer Breite von 5,50 Meter auch nicht gerade geräumig. Vom Filmprojektor aus werden die Bilder an eine schräge Wand geworfen. Also nicht gerade ideal.

Politischer Wille in Potsdam ist es in diesen frühen Jahren, dass die Kinos das homogene Stadtbild nicht beeinträchtigen. „Sie sehen kaum, dass das der Eingang für ein Kino ist“, sagt der Filmhistoriker Philipp Stiasny und zeigt dabei auf ein Foto des vielen Potsdamern noch heute bekannten Kinos Melodie in der Friedrich-Ebert-Straße. Stiasny hat gemeinsam mit Esther Riese, Masterstudentin an der Potsdamer Filmuniversität, eine Ausstellung über 111 Jahre Kino in Potsdam kuratiert, die am gestrigen Freitag eröffnet werden sollte, aber nun vorerst wegen der Corona-Krise nicht gezeigt werden kann. Denn auch das Filmmuseum ist erst einmal geschlossen.

Das Buch der Potsdamerin Jeanette Toussaint gewährt spannende Einblicke.
Das Buch der Potsdamerin Jeanette Toussaint gewährt spannende Einblicke.Foto: promo

Ein etwas auffälligeres Entree hat hingegen das Babelsberger Thalia-Kino. Doch das war nicht immer so. Als es 1918 eröffnet wurde, diente ein schmaler Hausflur als Eingang. Erst der Umbau von 1959 bis 1961 verschafft dem Kino seinen repräsentativen Eingang. „Das einzige Kino, das komplett durchspielt“, sagt Stiasny über das mittlerweile 102 Jahre alte Haus. Alle anderen Kinos aus der frühen Lichtspielzeit gibt es heute nicht mehr. Mit dem „Charlott“ nahe dem Bahnhof Charlottenhof, in dem 1998 zuletzt ein Film lief, und dem „Melodie“, das 2004 seine Pforten schloss, sind die letzten historischen Spielstätten nördlich der Havel verschwunden.

Filme sollten im Krieg den Wehrwillen stärken

„Der einzige richtige Neubau für ein Kino“ sei in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Bergtheater in der Leipziger Straße gewesen, sagt Stiasny. Zur Eröffnung im Jahre 1940 wird der Streifen „Ein Leben lang“ gezeigt. Einer der Hauptdarsteller ist Joachim Gottschalk, dessen Leben auf tragische Weise ein Jahr später endet. Als seine jüdische Frau und sein Sohn 1941 deportiert werden sollen, nimmt sich die Familie das Leben. Im Jahre 1939 hatte Kinobetreiber Fritz Staar, der in Potsdam mehrere Kinos besaß, an Oberbürgermeister Hans Friedrichs geschrieben und ihn um Unterstützung für seinen Kinobau gebeten. Zur Begründung führt er unter anderem an: Filmvorführungen, insbesondere die Wochenschauberichte dienten der „Stärkung des Wehrwillens“. 1945 wird das Kino kriegsbedingt zerstört.

Mehr als 20 Jahre später, am 12. Januar 1968, weiht das Defa-Studio ein neues Mischatelier ein. „Am Wochenende steht es der Bevölkerung als öffentliches Kino zur Verfügung“, berichtet Toussaint über diesen Kinoneubau in der damaligen Zeit. Als „Defa 70“ erlangt dieses Kino in Potsdam große Bekanntheit. 1981 schließlich eröffnet das Filmmuseum mit dem integrierten Kino. Der jüngste Neubau in Potsdam ist nun auch schon über 20 Jahre alt: Das 1999 in den Bahnhofspassagen eröffnete UCI.

Jeanette Toussaint: „Komm mit ins Kino! Die Geschichte der Potsdamer Lichtspieltheater“, 96 Seiten, 5 Euro, erhältlich beim Verein CineGraph Babelsberg und beim Filmmuseum per Mail [email protected]

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