Kultur : „Break Classics“

Kammerakademie „tanzt“ mit Jugendlichen

Astrid Priebs-Tröger

Der Kontrast hätte kaum größer sein können. Seriös in schwarz gekleidete Musiker auf der Hinterbühne, Hip-Hopper in lässigen Streetwear-Klamotten im Vordergrund. Die einen sehr locker zwischen Graffitti-besprühten Kastenteilen, die anderen an ihrem angestammten Orchesterplatz mit Noten und einem Dirigenten vor der Nase. Jetzt fehlte nur noch, dass sich klassische E-Musik und Rhythmen schwarzer Subkultur zu einer kakofonischen Tonspur vermischen. Doch weit gefehlt. Der von Jörg Iwer kongenial arrangierte Klangteppich des Tanzprojektes „Break Classics“ der Kammerakademie Potsdam, der am Sonntagabend im Nikolaisaal ausgebreitet wurde, bestand überwiegend in Ausschnitten von Sinfonien von Carl Philipp Emanuel und Johann Sebastian Bach, Wolfgang Amadeus Mozart, Jean Phillippe Rameau und Luigi Boccherini.

Barock meets Hip-Hop: „Kampf der Kulturen“ oder fruchtbares Miteinander? – das war auch hier schnell die Frage. Denn die jugendlichen Hip-Hopper in „Break Classics“ – Franzi Haemmerling, Christian Karth, Maik Müller und Hawk, alias Ralf Habicht – treffen eher zufällig auf die Musiker und zwei Balletttänzerinnen (Anastasiya Yakymenko und Caroline Lux). Doch deren affektiertes Getue reizt die Underdogs sofort zur Provokation und am Ende ist der Probenraum der Tänzer mit Tags beschmiert und ziemlich verwüstet. Die Strafe folgt auf den Fuß. Die Störenfriede müssen Sozialarbeit verrichten. Und dass ausgerechnet an dem Ort, an dem sie vorher ihre Wut ausließen.

Das Libretto für „Break Classics“ stammt, wie die Inszenierung und deren Choreografie, von Marita Erxleben. Und sie ist, wie schon in „Cross the Line“, auch diesmal an der Überschreitung von Grenzen interessiert. Und so verwundert es nicht, dass Hip-Hopper ihre Spins, Freezes und Powermoves, sprich Drehungen auf Schultern und Köpfen und das Verharren in eindrucksvollen Einarm-Positionen, jetzt zu barocken Klängen vorführen. Denn Offenheit und Neugierde zeichnet nicht nur die Potsdamer Choreografin, sondern auch die zur Strafarbeit verurteilten Jugendlichen aus.

Und die Gegenseite? Bei den Kammerakademie-Musikern gibt es drei, die sich bald hinter dem (transparenten) Vorhang hervorwagen. Schlagzeuger Friedemann Werzlau gilt schon lange als experimentierfreudig und so ist es kein Wunder, dass er in der Orchester-Probenpause mit den Breakern eine fulminante Plastikflaschen-Performance hinlegt und auch mit manch weiterer Percussion den barocken Klangteppich verfremdet.

Die junge Konzertmeisterin Yuki Kasai hingegen erregt, als sie hingebungsvoll auf ihrer Violine spielt, das Interesse des Hip-Hoppers Christian Karth. Voller Bewunderung und Respekt nähern sie sich einander. Und diese beiden Zutaten sind auch das Erfolgsrezept für die lautstark gefeierte Premiere im vollbesetzten Nikolaisaal. Denn nicht nur Profimusiker und -tänzer arbeiteten beeindruckend zusammen, sondern mehr als 160 Schüler aus Potsdamer Grundschulen und Gymnasien sowie Kinder und Jugendliche aus Jugendhilfeeinrichtungen und der Justizvollzugsanstalt Wriezen waren insgesamt an „Break Classics“ beteiligt. Zwar reichte die zehnwöchige Probenzeit nicht aus, um aus ihnen „echte“ Hip-Hopper zu machen, aber die Spannung und Begeisterung, die ihnen ihr Tun in die Gesichter zauberte, waren für alle im Saal deutlich zu spüren.

Und ein Gewinn. Denn vom respektvollen Miteinander profitieren nicht nur die jugendlichen Teilnehmer dieses von Kulturland Brandenburg und der Waisenhaus-Stiftung geförderten Bildungsprogramms. Auch der Horizont von Profimusikern und -tänzern erweitert sich und Spontaneität und Improvisationsfreude nehmen sicht- und hörbar zu. Wann hat sich schon mal eine Konzertmeisterin auf Händen tragen oder eine Balletttänzerin im Breakdance unterweisen lassen?

Ganz am Ende hatte dieser jedoch klar die Nase vorn. Mit stürmischem Beifall bedachten die Zuhörer die akrobatischen Headspins von Hawk und eine kleine Balletttänzerin erbettelte auf dem Heimweg lautstark von ihren Eltern, dass sie von jetzt an Hip-Hop tanzen darf.Astrid Priebs-Tröger

Erneut heute 10 Uhr im Nikolaisaal.

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