Kultur : Brahms-Marathon in Potsdam

Antonello Manacorda und die Kammerakademie Potsdam führen alle vier Brahmssymphonien auf.

Konstantin Sakkas
Eigensinnig. Wegen seines Minimalismus galt Brahms lange Zeit als reaktionärer „Klassizist“.
Eigensinnig. Wegen seines Minimalismus galt Brahms lange Zeit als reaktionärer „Klassizist“.Foto: Promo/KAP

Potsdam - Johannes Brahms, der große Überflüssige – so könnte man meinen, blickt man auf die großen Linien der Musikgeschichte. Geboren 1833 in Hamburg: da waren Beethoven und Schubert gerade fünf Jahre unter der Erde, die Stars der Musikszene hießen Chopin, Liszt, Paganini – und Brahms’ spätere mütterliche Geliebte Clara Wieck verehelichte Schumann. Gestorben 1897 in Wien: da hatte der große Wagner bereits das Zeitliche gesegnet, Richard Strauss bereits seinen Zarathustra aufgeführt und Mahler arbeitete gar schon an seiner dritten Symphonie, mit der er die Orchestermusik quasi neu erfand. Was soll, was kann uns Johannes Brahms also noch sagen?

Alexander Hollensteiner, Geschäftsführer der Kammerakademie Potsdam, sieht in Brahms einen Chronisten historischer Übergänge, nicht unähnlich Theodor Fontane. Beide, Brahms und Fontane, sind sehr norddeutsch, sehr Bismarckisch, sehr bildungsbürgerlich. Insofern passt der gebürtige Hanseat gut zu Potsdam, das – wie viele deutsche Mittelstädte – auf eine bildungsbürgerliche und hausmusikalische Tradition zurückblickt, die, kaum gebrochen durch die SED-Diktatur, vom späten 18. Jahrhundert bis heute verläuft. Beide, Brahms und Potsdam, seien, so Hollensteiner, „gestrig und modern zugleich“.

Aus der Not eine Tugend machen

Und es passt eigentlich auch, dass Antonello Manacorda Brahms – natürlich – nicht mit voller symphonischer Besetzung aufführt, sondern „nur“ mit dem zur Verfügung stehenden kammermusikalischen Ensemble von zweiunddreißig Musikern. Dabei macht Manacorda nicht nur aus der Not eine Tugend, denn natürlich hat ein Kammerorchester nicht die gleiche Personalstärke wie eine Philharmonie. Vielmehr dürfte die abgespeckte Besetzung ganz gut zu dem Säulenheiligen des deutschen Bildungsbürgertums der Reichsgründungszeit passen – denn in einer Zeit ohne Tonträger und Grammophon (beides wurde erst um Brahms’ Tod herum erfunden) war es Usus, nicht nur Solo- und Kammermusik, sondern auch Symphonien und Opern in den eigenen vier Wänden am Klavier oder als Streichquartett zu spielen.

Die Kammerakademie will dabei kein Hort der historischen Aufführungspraxis sein. Auch das ist erfreulich, ging der Purismus der Harnoncourt, Gardiner und Co. in den letzten Jahrzehnten doch allzu oft zu Lasten des Hörgenusses. Manacorda geht einen Mittelweg: er verbindet moderne Streichinstrumente mit historischen Blechbläsern. Das mag wirtschaftlichen Zwängen geschuldet sein, da es schwierig sein dürfte, die Streicher, in klassischen Ensembles stets in der Überzahl, alle mit historischen Instrumenten auszurüsten, ergibt aber auch akustisch Sinn, da modernes Blech die Streicher in ihrer kammermusikalischen Notbesetzung sonst womöglich übertönen würde.

Das aber soll nicht sein, schon deshalb nicht, weil Brahms – obgleich gerade seine Orchesterwerke in Deutschland den Übergang von biedermeierlicher Reduziertheit zum ausladenden Pomp der Gründerzeit markieren – sich bei Vorbildern bediente, die mit weitaus geringeren Mitteln auskommen mussten: nicht nur Beethoven, sondern auch Schumann, Schubert und der durch Mendelssohn wiederentdeckte Bach sowie der lange als Einfluss unterschätzte Georg Friedrich Händel.

Der Minimalist Brahms

„Absolute Musik“ wollte Brahms schaffen und orientierte sich bewusst an barocken und klassischen Vorbildern. Die Werke vieler seiner Zeitgenossen hingegen sind ohne den technischen Fortschritt des 19. Jahrhunderts nicht denkbar: eine Lisztetüde oder eine Wagneroper lassen sich mit dem Instrumentarium des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts schlicht nicht vernünftig zum Klingen bringen. Der Minimalist Brahms wollte damit nichts zu tun haben und wusste die musikalischen Traditionalisten der schreibenden Zunft rund um den Kritikerpapst Eduard Hanslick (1825-1904) an seiner Seite.

Seinen Minimalismus bezahlte er damit, lange Zeit als reaktionärer „Klassizist“ zu gelten. Gingen die großen Impulse in der Politik seit Mitte des 19. Jahrhunderts von Berlin aus, so spielte sich das Revolutionäre in der Kunst im Süden ab. München und Wien waren die Hochburgen musikalischer, künstlerischer und literarischer Innovation, von Wagners Caemlot in Bayreuth über den Jugendstil, der in München-Schwabing erblühte, bis hin zur kakanischen Literatur der Hofmannsthal, Schnitzler und Co., der noch über 1945 hinaus stilbildend wirkte. Norddeutschland wurde erst ab der Wende zum 20. Jahrhundert wieder interessant: Berlin als rotes Sündenbabel, das die wilden Zwanziger vorwegnahm, die Künstlerkolonie in Worpswede, das Bronzene Zeitalter im Weimar Henry van de Veldes. Da war der Hanseat Brahms schon tot. Erst in den Dreißigerjahren entdeckte der Zwölftontechniker Arnold Schönberg in den verzweigten Melodien des späten Brahms einen heimlichen Avantgardisten.

Bereits vor zwei Jahren geplant

Die Besucher des diesjährigen Festivals kommen auch in den Genuss eigentlicher Kammermusik. Zwischen den beiden symphonischen Tagen hören sie nämlich Ungarische Tänze und Lieder, bearbeitet für Mandoline und Klavier, aufgeführt von Avi Avital, begleitet von Ohad Ben-Ari. Man kann der Kammerakademie nicht genug danken, dass sie die Stücke gerade in diesem Arrangement ins Programm aufgenommen hat, gilt doch gerade dem deutschen Publikum jedes Zupfinstrument immer noch als nicht ganz standesgemäß, als Element der profanen U-Musik, das die erhabene E-Musik entheilige – was, wie diese Unterscheidung an sich, natürlich Unsinn ist.

Kammerakademie und Nikolaisaal haben ihre Brahms-Kollaboration bereits vor zwei Jahren geplant, über fünfzehn Veranstaltungen stehen auf dem Programm. Das ist ordentlich – und auch ein Fanal für die freien Orchester, die außerhalb des üppigen „Tarifvertrags für die Musiker in Kulturorchestern“ ihr Dasein fristen. Mehrere Dutzend gibt es von ihnen in Deutschland, etwa 20 sind im „Verband der kleinen Orchester“ organisiert, darunter die Kammerakademie als Gründungsmitglied. Das Signal, das sie aussenden, heißt: auch wir Kleinen können große Musik machen – und sind damit oft näher am Publikum als die schweren großstädtischen Schlachtschiffe. Eine Botschaft, die Brahms vermutlich gefallen hätte.


Festivaltermine

Donnerstag, 28. März

9.15 Uhr - [email protected]: Empfohlen für Klassenstufe 4-6 und Erwachsene

20 Uhr - FreeBrahms: Steh- und Wandelkonzert frei nach der 3. Sinfonie von Brahms mit dem STEGREIF.orchester

Freitag, 29. März

20 Uhr - Alle Viere I: Die 1. und 2. Sinfonie von Brahms mit der Kammerakademie Potsdam (KAP), Leitung: Antonello Manacorda

Samstag, 30. März

16 Uhr, Foyer - Brug hört Brahms: Listening Session mit Musikredakteur Manuel Brug

20 Uhr - Brahms-Nacht: Liebe in Variationen – ein Abend rund um Brahms, Clara Wieck/Schumann und Robert Schumann

Sonntag, 31. März

10 Uhr - Brahms zum Frühstück: Mit Avi Avital, Mandoline und Ohad Ben-Ari, Klavier

16 Uhr - Alle Viere II: Die 3. und 4. Sinfonie von Brahms mit der KAP unter der Leitung von Antonello Manacorda

» Karten unter Tel. (0331)28 888 28