Kultur : Blicke, die einen nicht loslassen

Cornelia Schleimes faszinierende Acrylbilder und Aquarelle im Kunsthaus

Dirk Becker
Vielschichtig und tiefgründig. Die Acrylbilder „Das Parfum“ (2007, l.) und „Mitternachtsschwester“ (2012) von Cornelia Schleime im Kunsthaus.Alle Bilder anzeigen
Foto: Anndreas Klaer
27.09.2013 21:10Vielschichtig und tiefgründig. Die Acrylbilder „Das Parfum“ (2007, l.) und „Mitternachtsschwester“ (2012) von Cornelia Schleime im...

Es sind die Augen, mit denen Cornelia Schleime den Betrachter packt. Augen, in denen sich alles spiegelt. Lust und Angst, Spiel und Abneigung, Trauer und Trotz, Verletzlichkeit und Härte. Die ganze Ambivalenz des Daseins, gebannt mit ein wenig Farbe. Augen von einer Intensität, dass da ein vages Gefühl bleibt, sie würden einen noch immer anschauen. Auch Stunden später, wenn man die Galerie längst verlassen hat.

„Mitternachtsschwester“, nach einem der gezeigten Bilder, ist die Ausstellung mit Arbeiten von Cornelia Schleime im Kunsthaus betitelt. Und es ist diese „Mitternachtsschwester“, die den Besucher mit ihrem Blick schon packt, wenn er die Eingangstür betritt.

Wer das Glück hat, dieses ausgezeichnete, weil so reduziert-konzentrierte Ausstellung allein zu besuchen, sollte sich die Zeit nehmen, sich den Blicken von Cornelia Schleimes Frauen ungestört auszusetzen. Denn es sind, bis auf einen Mann, ausnahmslos Frauen, denen sich die Künstlerin auf ihren großformatigen Acrylbildern im Erdgeschoss des Kunsthauses gewidmet hat. Nur sechs Bilder hängen in dem hallenartigen Raum. Kraftvolle Bilder. Ausdrucksstark, herausfordernd und faszinierend. Gleich rechts ein Akt aus dem Jahr 1999. Auch hier ist es der Blick, der den Besucher zuerst erfasst und förmlich anzieht. Sinnlich-schön ist dieses Porträt einer jungen Frau ganz in klassischer Tradition. Auf fast weißem Grund die helle Farbe der Haut. Ein dezentes Zeigen von Nacktheit, in dem sich Selbstbewusstsein und leichte Unsicherheit, Neugier und Erwartungen mischen. Eine Hommage an das Schöne und die Offenheit, in der sich die hohe Kunst von Cornelia Schleime zeigt, ein einziges Porträt so vielschichtig und tiefgründig zu gestalten, dass den Betrachter ihre Bilder lange nicht loslassen wollen. Auch wenn sie sich wie etwas Dunkles, Drohendes über die eigenen Gedanken legen, bleiben sie ein Genuss, weil sie so ausdrucksstark sind. Ausdrucksstark in der Zerbrechlichkeit, die diese Porträts immer umspielen, wie die „Mitternachtsschwester“ oder „Auf der Hut“.

Wenn auf dem Akt das Licht dominiert, sind es auf diesen Bildern die Schattenseiten. Vor schwarzem Hintergrund zeichnet sich blass die „Mitternachtsschwester“ ab. Mit großen Augen schaut sie hinter den Betrachter. Ihr Blick ist herausfordernd und unsicher zugleich. Ihre Lippen wirken brüchig. Fast scheint es, als wären sie mit der Farbe vernäht. Im Porträt „Auf der Hut“ scheinen die Lippen zu bluten. Der Kopf ist leicht geneigt, als würde die Frau unsicher lauschen. In ihrem Blick mischt sich Skepsis und Furcht mit Trotz.

Cornelia Schleime, die in diesem Jahr 60 Jahre alt geworden ist, wurde in Berlin geboren. Sie hat in Dresden Grafik und Malerei studiert und erhielt 1981, ein Jahr nach ihrem Abschluss, Ausstellungsverbot. Drei Jahre später reist sie nach Westdeutschland aus. Was sie an ihren Kunstwerken in der DDR zurückließ, wurde restlos vernichtet. Cornelia Schleime hat Bespitzelung und Verrat von engsten Freunden erleben müssen. Sie wurde enttäuscht und zutiefst verletzt. Es scheint, dass diese Erfahrungen diese lebenslustvolle Frau nur noch bestärkt haben in ihrer Kunst, die neben der Malerei auch das Fotografieren, das Filmen und Schreiben umfasst. Betrachtet man die großformatigen Acrylbilder, die bis auf den Akt alle zwischen 2007 und 2012 entstanden sind, bleibt der Eindruck, dass Cornelia Schleime in diese Porträts immer auch das eigene Leben, all ihre Erfahrungen einfließen lässt. Sie hat diese Bilder stellenweise mit Schellack überzogen, der die Oberfläche brüchig macht, die Gezeigten verletzlich oder von Verletzungen vernarbt.

Am anspielungsreichsten ist das einzige Bild mit dem Mann, das auf den ersten Blick eine Liebesszene zeigt. Die Frau, fast in unschuldigem Weiß leuchtend, liegt schlafend auf dem Bauch. Der Mann, in dunklen Erdfarben, beugt sich über sie. Mit großer, grober Hand, streicht er ihr Haar aus dem Nacken. Mit „Das Parfum“ hat Cornelia Schleime dieses Bild betitelt. Und schon schaut man anders auf dieses Bild. Zieht Parallelen zu dem gleichnamigen Roman von Patrick Süßkind und fragt sich, ob die Frau wirklich nur schläft und ob der Mann nicht auch ihr Mörder sein könnte.

Die kleinformatigen Aquarelle mit den traumhaften Sequenzen und dem Spiel mit den Fabelwesen wirken danach fast schon blass. Doch nach kurzer Zeit stellt sich auch hier der besondere Reiz ein, der von Cornelia Schleimes Arbeiten ausgeht. Im Obergeschoss dann der Katalog „Lust“. Eine kleine, aber äußerst raffinierte Beigabe zu dieser Ausstellung. Denn hier gibt sich Cornelia Schleime lustvoll-provokant und schonungslos, wenn sie Pornografisches zitiert. Es sind verstörende Szenen, die sie hier wie hinter einem feinen Schleier zeigt. Der Betrachter wird so unfreiwillig zum Voyeur, entdeckt aber auch schnell den feinen Humor der Künstlerin, wenn er manche der Bildtitel liest. Schaut er aber noch genauer hin, sind es auch hier die Augen, die am stärksten wirken.

Die Ausstellung im Kunsthaus Potsdam, Ulanenweg 9, ist noch bis zum 13. Oktober, mittwochs, 11-18 Uhr, donnerstags und freitags, 15-18 Uhr, samstags und sonntags, 12-17 Uhr, geöffnet