• Blick auf das kriegsversehrte Potsdam : Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Blick auf das kriegsversehrte Potsdam : Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Ein Wandkalender zeigt erstmals 13 außergewöhnliche Ansichten der Landeshauptstadt von dem Theaterfotografen Arwid Lagenpusch, der im Zweiten Weltkrieg nach Potsdam geflüchtet war.

Arwid Lagenpusch hielt den Plögerschen Gasthof auf dem Foto fest, bevor er 1958 abgerissen wurde. 
Arwid Lagenpusch hielt den Plögerschen Gasthof auf dem Foto fest, bevor er 1958 abgerissen wurde. Foto: Arwid Lagenpusch

Potsdam - Am Anfang dieser Geschichte über besondere Blicke steht: ein Blick. Ein Zufall. Christine Jann ist im Jahr 2020 bei dem Fotografen Arwid Lagenpusch in Berlin zu Besuch. Ein Freund ihrer Mutter, sie kennt ihn lange, war aber noch nie bei ihm zu Hause. Die beiden haben in der Küche im Prenzlauer Berg geplaudert, gerade will sie gehen. Da fällt ihr Blick auf ein Foto im Flur. Eine Straße, ein ausgebombtes Haus. Ganz hinten, winzig: ein Turm. „Ist das nicht Potsdam?“, fragt sie Lagenpusch. Ja, sagt der. Und: Da gäbe es noch mehr.

Bei Arwid Lagenpusch gibt es viele Fotos, er selbst sagt: Die halbe Wohnung ist voll davon. 34 Jahre lang war er Fotograf an der Komischen Oper. Dessen Gründer Walter Felsenstein stellte ihn 1963 ein mit den Worten: „Der ist Autodidakt, der weiß, was er will.“

Mitten im Krieg nach Potsdam gekommen

Lagenpusch hat tausende Bühnenfotos gemacht, und er verwahrt auch das Bildarchiv auf, das seine Familie über eine Odyssee quer durch Europa von Litauen nach Potsdam rettete. Geboren wurde er 1934 im litauischen Vilkaviškis (Wilkowischken), er wuchs auf einem Gut auf. Dass sein Vater deutschstämmig war, rettete ihn, sagt er: Sonst wären sie als Gutsbesitzerfamilie wohl in Sibirien gelandet. 

So aber flüchtete die Familie nach Deutschland, der Vater kämpfte später gegen die Sowjets in der Wehrmacht. Nach Potsdam kamen sie 1943, mitten im Krieg. Hier begann er in den 1950er-Jahren zu fotografieren, hier entstand das Foto, das Christine Jann sechzig Jahre später in seinem Flur entdecken sollte: ein Blick auf den Brauhausberg.

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Ansichten auf die kriegsversehrte Potsdamer Innenstadt sind eine Seltenheit. Das von dem Dirigenten Christian Thielemann herausgegebene Buch mit Fotos von Herbert Posmyk, die die Sprengung des Potsdamer Stadtschlosses dokumentieren: eine absolute Ausnahme. Kein Wunder also, dass die Aussicht auf mehr Bilder jener Zeit der historisch interessierten Christine Jann keine Ruhe ließ. Sie hakte nach, bis Arwid Lagenpusch in seinem Archiv fündig wurde: Knapp 20 Motive von der zerbombten Potsdamer Innenstadt suchte er zusammen.

Arwid Lagenpusch fotografierte Potsdams Mitte zwischen Kriegsschäden und alter Pracht. 
Arwid Lagenpusch fotografierte Potsdams Mitte zwischen Kriegsschäden und alter Pracht. Foto: Arwid Lagenpusch

Kalender erschein Anfang Juli

13 davon wählten die beiden für einen Wandkalender aus, der Anfang Juli erscheinen wird. 13 A3-Ansichten einer verlorenen Zeit: jene kurze Spanne, als das alte Potsdam noch erkennbar und das neue, sozialistische, noch nicht entstanden war. Die Fotos legen doppelt Zeugnis ab: Sie erzählen von alter preußischer Pracht ebenso wie von den Spuren des Krieges. Jedes einzelne ist gleichzeitig Zeitdokument und akribisch durchdachte Komposition. 

Der damals erst 22-jährige Arwid Lagenpusch ist mit einer 6x6 Kamera unterwegs, eine Weltaflex. Es ist seine erste Kamera. Dieser Mann, der ab 1957 zwei Jahre lang durch die Innenstadt zieht, ist noch kein Fotograf. Er ist ein von der Leidenschaft für die Fotografie Infizierter, ein Lernender. Arwid Lagenpusch ist sein Leben lang Autodidakt geblieben.

Kleindarsteller bei der Defa

Sein Geld verdient er damals als Kleindarsteller bei der Defa. Der Film ist auch schuld daran, dass Arwid Lagenpusch überhaupt aufs Fotografieren kommt. In dem 1956 entstehenden Film „Die Hexen von Salem“, eine Koproduktion der DDR mit Frankreich, ist Arwid Lagenpusch dabei – in der kleinen Rolle eines Henkers. Das Drehbuch stammt von Jean-Paul Sartre, die Hauptrolle spielt Yves Montand.

Die wichtigste Begegnung aber hat Arwid Lagenpusch mit dem Fotografen Roger Corbeau. Dessen Arbeit fasziniert den Jungdarsteller. Das will er auch können. Bald darauf kauft er sich seine Kamera – und das Fotografieren hat ihn seitdem nicht mehr losgelassen. „Ich müsste blind werden, um nicht mehr zu fotografieren“, sagt er heute. Früher war er nie ohne Kamera unterwegs, heute lädt er die Menschen, die er porträtieren will, zu sich nach Hause ein. Seit 2006 hat er eine Digitalkamera. Mal fotografiert er in Farbe, mal in Schwarzweiß wie damals.

Blick für das Theatrale der Trümmerlandschaft

Vielleicht ist es der französische Einfluss, dass Potsdams Stadtkanal bei Arwid Lagenpusch tatsächlich aussehen kann wie die Seine. Andere Bilder erinnern in ihrem starken Gespür für Licht und Schatten, in der detailgenauen Bildkomposition, an Werke von Max Baur. Da spiegelt sich in einer Pfütze zwischen Pflasterstein und sandigem Weg die Ruine eine zerbombten Fassade: Durch deren Fenster sieht man den Himmel.

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Und auch Lagenpuschs Blick für das Theatrale dieser Trümmerlandschaft zeigt sich in dem Kalender. Da schieben sich hinter den zerschossenen Ringerkolonnaden Reste des Stadtschlosses und die lädierte Kuppel der Nikolaikirche ineinander wie Theaterkulissen. Da ragt aus einem Berg aus Schutt eine zerbeulte Wasserleitung in die Höhe wie ein verbogenes Hakenkreuz, im Hintergrund lugen Nikolaikirche und Altes Rathaus ins Bild, oben ziehen weiße Wolken vorüber. 

Und da steht auch noch die zerschossene Fassade des Plögerschen Gasthofs neben der Nikolaikirche – im Laufe des Jahres 1958 sollte der Gasthof gesprengt werden. Später entstand hier die Fachhochschule.

Lagenpusch entdeckte das Fotografieren in den 50er-Jahren in Potsdam.
Lagenpusch entdeckte das Fotografieren in den 50er-Jahren in Potsdam.Foto: Arwid Lagenpusch

Inzwischen ist Letztere bekanntlich wieder weg, und der Plögersche Gasthof soll wieder auferstehen. Arwid Lagenpusch freut das – wie ihn auch der Wiederaufbau des Stadtschlosses gefreut hat, und die Aussicht auf den Turm der Garnisonkirche. Auch deren wankenden Reste sind im Kalender zu sehen. Kurz vor der letzten Sprengung. 

„Potsdamer Mitte in den 50ern“, ab 1. Juli im Viktoriagarten, im Internationalen Buch und in der Bürgel Buchhandlung für 37,50 Euro erhältlich.

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