• "Blanc de Blancs" in der Villa Schöningen: Das Gegenteil von Nichts

"Blanc de Blancs" in der Villa Schöningen : Das Gegenteil von Nichts

Projektionsfläche für unsere Sehnsucht nach einem Neuanfang. Eine Potsdamer Ausstellung erkundet die politische Dimension der Farbe Weiß.

Schwerelos im White Cube. Inge Mahns Installation „Balancierender Stuhl“ aus dem Jahr 2017.
Schwerelos im White Cube. Inge Mahns Installation „Balancierender Stuhl“ aus dem Jahr 2017.Foto: Andreas Klaer

Das Bild ging um die Welt: Vor einigen Wochen wurde in Russland eine Frau verhaftet, weil sie in der Öffentlichkeit ein blütenweißes Plakat in die Höhe hielt. Darauf zu sehen: keine Parole, keine Symbole – nichts. Nur pures, papiernes Weiß. Wie relativ dieses Nichts ist, wie beredt auch reines Weiß sein kann, zeigte die Reaktion der russischen Polizei. Der genügte im Kontext des Angriffskrieges schon ein leeres Plakat, um Kritik am Krieg zu wittern – und nicht zu Unrecht.

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Die Farbe Weiß nimmt sich als Farbe so sehr zurück, dass sie den perfekten Rahmen für Projektionen liefert. Sie ist, was man in ihr sieht. Gleichzeitig ist sie natürlich auch ein mit Bedeutung überfrachtetes Symbol. Für Unschuld und Reinheit, für Neuanfang. Und in Kriegszeiten präsenter denn je: Weiß als Farbe der Kapitulation in kriegerischen Konflikten, als Farbe des Hoffnungsbringers Friedenstaube.

[Bis 8. Mai in der Villa Schöningen, Berliner Straße 86, Potsdam; Freitag bis Sonntag, 12-18 Uhr]

Die Villa Schöningen in Potsdam hat mit „Blanc de Blancs“ der Farbe Weiß nun eine ganze Ausstellung gewidmet. „Blanc de Blancs“ das „Weiß der Weiße“ bezeichnet unter Weinkenner:innen einen Wein, der nur aus weißen Trauben gemacht ist. Auch wenn die Schau wie eine Reaktion auf den russischen Angriffskrieg wirkt – der Impuls dahinter war ein anderer. „Blanc de Blancs“ basiert auf einer kleineren Schau, die im Dezember 2021 in Kopenhagen stattfand.

Formal-ästhetisches Interesse

Das Konzept stand fest, lange bevor Putins Truppen in der Ukraine einfielen. „Unser Interesse war zunächst eher formal-ästhetisch“, sagt Sonia González, die Leiterin der Villa Schöningen. Sie hat für „Blanc de Blancs“ mit dem Künstler Gregor Hildebrandt zusammengearbeitet, der die Kopenhagener Schau kuratierte.

Eigentlich wollten Hildebrandt und González also nur untersuchen, wie viele Farben in der Nicht-Farbe Weiß stecken. Auch die Pandemie, die Sehnsucht nach einem symbolischen Neuanfang, mag bei der Themensetzung unbewusst eine Rolle gespielt haben, sagt Sonia González – im Vordergrund stand der Gedanke bei der Auswahl jedoch nicht. Und weil diese Farbe mehr als alle anderen die eigenen Gedanken aufsaugt wie ein Schwamm, sieht sich „Blanc de Blancs“ auch wie eine vielgestaltige Auseinandersetzung mit dem Thema Frieden an.

Verdunkeltes Séparée

Am eindrücklichsten, brutalsten wohl in dem verdunkelten Séparée von Ann Veronica Janssens, wo ihr Video „Spray #1“ von 2011 zu sehen ist: eine Schwarz-weiß-Projektion ohne Ton. Die feinen Tropfen eines Sprays verteilen sich auf dem dunklen Grund. Werden zu Sternenregen, zu Staub – zu Schutt? Sind ästhetisches Kunstgebilde, zauberhaft und zerbrechlich – und erinnern im nächsten Moment an Spuren von Rauch und (kriegerischer?) Zerstörung. Als hätte hier eben noch etwas gestanden, ein Gebäude etwa. Man hat den erschütternden Eindruck, Zeuge einer Auslöschung zu sein.

Überhaupt thematisieren viele Werke einen Zustand zwischen Entstehen und Vergehen. Axel Geis zeigt in „Boy“ (2019) das geisterhafte Porträt eines Jungen, der sich aus einem hellen Untergrund herauszuschälen scheint. Die linke Gesichtshälfte sieht aus wie weiß geschminkt, die rechte tritt schattig, aber umso plastischer hervor. Gerd Rohlings ironische Hinterglasmalerei „Immer im Bilde“ (2015) zeigt Schwarz-weiß-Fotos eines Mannes bei Malerarbeiten – unter einer Glasscheibe, die fast gänzlich mit weißer Farbe bedeckt ist. Wenige Pinselstriche noch, und der Malende wird nicht mehr zu sehen sein – beziehungsweise für Betrachtende nicht mehr „im Bilde“.

"Hell und Licht"

In Raimund Girkes Ölgemälde „Hell und Licht“ (1991) wirken die groben weißen Pinselstriche wie bedroht von dem darunterliegenden Schwarz. Und Isa Melsheimer setzt der schmalen Grenze zwischen zeitweisem und endgültigem Verschwinden ein bestürzend zartes Denkmal aus Porzellan. „Die Dosis macht das Gift“ heißt ihre Arbeit von 2020: viele glasierte Tablettenpackungen. Alle leer.

Viele Arbeiten in der Ausstellung entstanden in den ersten zwei Jahren der Coronapandemie. So wird „Blanc de Blancs“, gewollt oder nicht, auch zum Porträt einer Zeit der Isolation. Alltagsgegenstände wie der überdimensionale Stecker von Johannes Albers oder die gefaltete, per Digitaldruck nachgestaltete Zeitung aus Metall von Olaf Menzel nehmen monströse Formen an. Jorinde Voigt zeigt in „The Sum of all Best Practices I-VI“ feinstens gearbeitete Papierwelten in Weiß – die man aber fast übersieht, weil sie auf einem Spiegel angebracht sind.

Schattierungen von Weiß

Der Zeitungsartikel gibt nicht nur der Skulptur den Namen, sondern könnte titelgebend für die ganze Schau sein: „Schattierungen von Weiß“. Denn: Sollte jemand Zweifel gehegt haben, ob Weiß auch bunt sein kann – „Blanc de Blancs“ liefert den Beweis. Weiß ist im Plural zu denken.

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Eindrücklich ist die Bandbreite an Materialien, die „Blanc de Blancs“ ausstellt: von Eierschalen über Keramik, Acryl und Stahl bis zu Kreide, Porzellan, Wolle, Wachs und Haaren ist alles zu finden. Viele Oberflächen möchte man berühren, abtasten – gerade weil die Nuancen in der „Farbpalette“ des Weiß visuell oft nicht leicht zu erkennen sind. Die Schau ist auch eine Ode an die Textur.

Dialektische Facette der Farbe

Ko-Kurator Hildebrandt thematisiert in seinen Arbeiten eine Eigenschaft, die sich rückblickend als eine der prägendsten der vergangenen zwei Pandemiejahre erwiesen hat. In „Silence“ von 2021 hat er in symmetrischen Linien Kassettenbänder angeordnet – ein Reinigungstape. Mit seiner raumgreifenden Installation „Schallmauer weiß“ spielt Hildebrandt auf schlaue Weise auch auf die dialektische Facette der Farbe an: ohne ihr Gegenüber Schwarz ist sie nicht denkbar. „Schallmauer“ ist auf den ersten Blick eine raumhohe Wand aus Muscheln, Tellern oder Schüsseln, angeordnet in Zweierpaaren. Tatsächlich aber blicken wir auf 4000 Schallplatten. Zu hören wären, wenn sie denn zu hören wären, vier Songs einer Band namens Paar.

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