Kultur : Bis zum Ende der eigenen Existenz

Felix Isenbügel überzeugt mit seiner intensiven Darstellung in „MC Jago“ im Q-Hof

Den größten Kampf ficht man beim
Den größten Kampf ficht man beim

Es ist ein leerer Blick, der am Ende übrig bleibt. Ein leerer Blick und ein gebrochener Mensch ohne Boden unter den Füßen. Ohne Perspektive, ohne Lösungen. Was überlebt, das ist nur die Bitterkeit über die vergangenen Entscheidungen. Der letzte Funken eines trotzigen Jugendlichen ist für immer weggewischt. Dabei ist gerade der so essentiell in Felix Isenbügels Spiel, ist es gerade der Trotz, den man ihm so gerne abkauft. Seine Figur „J“ im Stück „MC Jago oder mein Freund O“ – eine freie Adaption der Shakespeare-Tragödie „Othello“, die am vergangenen Sonntag Premiere im Q-Hof Theater hatte – ernährt sich quasi davon. Suhlt sich darin, versteckt sich dahinter und geht letztendlich daran zu Grunde.

Dabei fängt alles so gut an in dieser Geschichte, die „J“ den Zuschauern erzählt. Gemeinsam mit seinem Freund „O“ ist er seit der Schulzeit in der Berliner HipHop- Szene aktiv, ist einigermaßen erfolgreich mit ersten Mixtapes und genießt sein entspanntes Leben mit dem ein oder anderen Joint, aber ohne Termindruck. Irgendwann kommt sogar der große Ruhm – und mit ihm die Probleme. Nicht nur, dass sich „J“ zunehmend in den Hintergrund gedrängt fühlt, eifersüchtig wird auf „O“, nein zu allem Überfluss verliebt sich „O“ auch noch in „Dee“. „J“ sieht darin eine Gefahr für die langjährige Freundschaft – und intrigiert mit Geschick und böser Zunge – ganz wie sein Shakespear’sches Vorbild – gegen die Liebe der Beiden. Am Ende schreckt er auch vor drastischen Mitteln nicht zurück, um sein altes Leben zurückzubekommen.

Auf den ersten Blick ist es eine einfache Inszenierung, die Regisseur Kai Schubert da auf die Bühne gebracht hat: Die Bühne ist karg ausgestattet, bis auf einen Tisch und zwei Stühle gibt es kein Bühnenbild. An der Seite sitzen die Musiker des HipHop-Duos „dizzech + Qformat“, die das Stück mit ihren Beats begleiten, und auf der Bühne spielt einzig und allein Felix Isenbügel, ein junger Schauspieler, noch nicht mal ganz 30 Jahre alt, klein, eher zierlich. In seinem hippen Jogginganzug und dem weißen Unterhemd wirkt er fast ein bisschen verloren da vorne – aber nur bis er loslegt. Man muss loslegen sagen, denn einmal angefangen, ist er nicht mehr zu bremsen in seiner emotionalen Achterbahnfahrt, in seinem Chaos von Gefühlen und in seinem grandiosen Trotz, der immer mit da ist. Der wie ein Teufelchen auf seiner Schulter sitzt, in seinen Augen aufblitzt, sich in der tiefen Falte seiner Nasenwurzel sammelt und nicht nur einmal wie eine Pistole verbal durch den Raum schießt.

Isenbügel übernimmt die Verantwortung, die ihm dieses Einmannstück auferlegt, professionell. Mehr noch, er ist „MC Jago“. Inklusive all der präpotenten „Ey Alter“-Phrasen, den wütenden Rap-Zeilen erschafft er einen Aufsteiger auf dem zweiten Platz. Wandelt sich vom entspannten, nach Zuneigung suchenden Jugendlichen über den übermütigen Musiker bis hin zum vom Neid zerfressenen Intriganten und schafft es dabei, Mitgefühl für seine Figur zu erregen.

Das ist erstaunlich, denn wirklich sympathisch ist die nicht. Eher immer ein bisschen zu viel von allem: er gibt an, er ist trotzig, ein Hochstapler und verrät letztendlich seinen besten Freund. Ein Ekel also. Doch da ist etwas in Isenbügels Spiel, in seinem Blick, das darüber hinwegsehen lässt. Er versteht es, Herz und vor allem echten Schmerz in diesen zwiegespaltenen Charakter zu legen und den Fokus auf das eigentliche Thema des Stücks zu lenken: Das Erwachsenwerden. Entlanggezeichnet an einer Freundschaft, die sich schon auseinanderbewegt, bevor „J“ seinen Verrat begeht und schließlich die daraus resultierende Strafe tragen muss. Zwei Menschen, die scheinbar den gleichen Lebensweg einschlagen und doch in unterschiedliche Richtungen driften – so sehr, dass einer auf der Strecke bleibt. Dieses Zurückbleiben zieht sich durch das Stück wie ein roter Faden und kulminiert in einem Shakespeare-Zitat, das immer wieder eingebaut ist: „Dann alsbald will ich mein Herz an meinem Ärmel tragen, als Fraß für Kräh'n. Ich bin nicht, was ich bin!“ heißt es da, erst dramatisch rezitiert, dann wütend gezischt und schließlich verbraucht hingehaucht. Wie ein dunkler Schmerz legen sich diese Worte auf Isenbügels Gesicht, bevor er sich erneut mit einem aufgemalten Grinsen in Erinnerungen flüchtet. So lange, bis es nicht mehr geht, die Erinnerungen aufgebraucht sind und eben nichts mehr bleibt, außer der Erkenntnis, am dunklen Ende der eigenen Existenz angekommen zu sein.

„MC Jago oder Mein Freund O.“ ist wieder am 22. und 23. August im Q-Hof, Lennéstraße 37, zu sehen. Die Karten kosten 13 Euro, ermäßigt zehn Euro

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