• Bilanz: Potsdams Literaturfestival "lit:potsdam": Schwitzen statt Schmökern

Bilanz: Potsdams Literaturfestival "lit:potsdam" : Schwitzen statt Schmökern

Das Literaturfestival "lit:potsdam" ging am Sonntag zu Ende. Vor allem waren die Lesungen in klimatisierten Räumen besonders begehrt.

Die Schriftsteller Ferdinand von Schirach und Harald Martenstein im Gespräch mit Moderator Jörg Thadeusz.
Die Schriftsteller Ferdinand von Schirach und Harald Martenstein im Gespräch mit Moderator Jörg Thadeusz.Foto: A. Klaer

Potsdam - Blauer Himmel, pralle Sonne, 35 Grad im Schatten – und jetzt ein gutes Buch? In der Tat hielt ein Großteil der Potsdamer am Sonntag angesichts des Wetters mehr Ausschau nach kühlen Getränken als nach neuen Schmökern. Dennoch konnte das am 3. Juli gestartete Literaturfestival „lit:potsdam“ am Abschlusstag noch einmal große Besucherströme verzeichnen – zumindest was Lesungen in klimatisierten Räumen anging.

Autoren Martenstein und Schirach bei "lit:potsdam"

Das Hans Otto Theater jedenfalls war fast voll besetzt, als Tagesspiegel-Kolumnist Harald Martenstein und Bestseller-Autor Ferdinand von Schirach die Bühne betraten. Unter den Zuschauern saß auch Martin Walser, „Writer in residence“, der an den Vortagen aus seinen Büchern gelesen hatte. rbb-Moderator Jörg Thadeusz nimmt die heißen Temperaturen sogleich als Vorwand für eine charmante Indiskretion: „Wie stehen Sie eigentlich zum Nacktsein, Herr Martenstein?“ Der muss nicht lange überlegen: „Das kommt auf die Situation an – und auf die Gage.“ Nun gilt es aber, den Bogen zum eigentlichen Thema der Lesung zu schlagen, das in seiner Schwere an diesem Sommer-Vormittag etwas deplatziert wirkt: „Würde und andere Werte.“ Als Verfasser humoristischer Texte habe er ein etwas distanziertes Thema zur Würde, so Martenstein: „Würde man die Würde als einen absoluten Wert setzen, liefe dies wohl auf ein Verbot des Humors hinaus."

Angriffe auf die Würde gibt es zuhauf in Martensteins Buch „Die neuen Leiden des alten M.“, in dem der Autor über Hotelzimmer ohne Lichtschalter, das Prostitutionsverbot, rechte Tendenzen bei Roberto Blanco und die deutsche Sargpflicht für Muslime sinniert. Einen ernsteren Ton schlägt von Schirach bei der Lesung aus seinem Buch „Die Würde ist antastbar“ an, das sich unter anderem mit dem Verhältnis von Moral und Recht auseinandersetzt. Unter anderem sei die Erbsünde schwerlich mit unserem Rechtssystem vereinbar, so der langjährige Strafverteidiger: „Im Prozess Gott gegen die Menschen sollte Eva als Frau Adams von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen. Zudem wurde die Mitschuld Gottes noch gar nicht diskutiert.“

Nur wenige Besucher beim Büchermarkt

Vom Andrang, der eben noch im HOT herrschte, ist auf dem Büchermarkt in der Schiffbauergasse nichts zu spüren: Über ein dutzend Stände von Verlagen und Buchhandlungen laden zum Schmökernein, es gibt Freiluft-Lesungen und wer will, kann sich als Buchbinder versuchen. Dennoch wagen sich nur wenige Besucher in die Hitze. „Länger als fünf Minuten hält man es nicht aus“, sagt Ernst Cantner und zeigt auf die leeren Liegestühle vor der Lesebühne. Das sei schade, so der Potsdamer, das Festival hätte mehr Zulauf verdient. Er habe schon mehrere beeindruckende Buch-Funde gemacht, etwa das Buch „Vergessene Sieger“ über den Abzug russischer Soldaten nach der Wende, den Cantner damals in Wünsdorf selbst miterlebt habe. Zu den beliebtesten Stationen auf dem Büchermarkt zählt der „Illumat“, ein Automat, der Illustrationen nach Wunsch ausspuckt: Vorne ist jeweils ein Schlitz für den Illustrationswunsch, für Geldmünzen und die fertige Zeichnung, dahinter sitzt natürlich keine Maschine, sondern ein Mensch. „Ich würde gerne mal den Faust illustriert haben“, überlegt eine Besucherin, eine andere votiert für Goethes „Wahlverwandtschaften“ – der Automat wirft eine Zeichnung von ineinander verschlungenen Figuren aus.

Die neu gekauften Bücher werden aber sicher erst zu Hause im Kühlen gelesen. „Ich lese eigentlich bei jedem Wetter gerne“, meint Besucherin Margrit Wagner. „Es gibt immer irgendwo ein schattiges Plätzchen.“

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