Kultur : Berlin – Stettin

Dokumentarfilmer Volker Koepp beim Filmgespräch

Astrid Priebs-Tröger

Wirklich etwas gesehen hat man weder von Berlin noch von Stettin. Kein Wunder, denn der neueste Film von Volker  Koepp ist vor allem eine Beschreibung des Bindestrichs zwischen den beiden Städten, wie Knut Elstermann im 170. Aktuellen Potsdamer Filmgespräch am Dienstagabend sagte. Die ihrerseits eine Klammer im Leben des heute 66-jährigen Dokumentarfilmers bilden. Stettin ist sein Geburtsort, in Berlin verbrachte Volker Koepp seine Nachkriegskindheit, um schließlich als Erwachsener dorthin zurückzukehren. Doch auch sein persönlicher Lieblingsplatz ist, wenn er nicht gerade in den Landschaften zwischen beiden Metropolen unterwegs ist, genau im Dazwischen: In Gerswalde, 70 Kilometer von Berlin und 70 Kilometer von Stettin entfernt.

Auslöser für diesen wohl autobiografischsten Film war ein Brief von Doris Krause, die mit Volker Koepp, seinen drei älteren Schwestern und der Mutter Thea Koepp das Kriegsende als Flüchtlinge im mecklenburgischen Broda überlebte. 65 Jahre später liest Frau Krause vor der Kamera aus ihren Aufzeichnungen, die sie als Zehnjährige verfasste. Und diese wenigen kindlichen Zeilen über das Töten und die massenhaften Vergewaltigungen reichen, um das ganze Ausmaß dieser Gräuel auch heute aufscheinen zu lassen. Und noch einmal die Last zu spüren, die die sogenannten Kriegskinder trugen und tragen. Koepp hat diesen Film, der den Zuschauer auf eine berührende Lebensreise mitnimmt, seiner tapferen und tatkräftigen Mutter gewidmet.

Überhaupt die Frauen. Sie sind nicht nur in den legendären Wittstock-Filmen, die wie andere Dokumentationen über die (real-sozialistischen) Werktätigen in „Berlin – Stettin“ zitiert werden, die wichtigsten Protagonistinnen. Es ist beeindruckend, wie lebenstüchtig die ehemalige Schweißerin Karin oder die Textilfacharbeiterin Elsbeth auch heute sind. An ihnen zeigt sich die Vitalität dieses Landes und dass es (immer) ein Dennoch gibt. Eine Zuschauerin bedankte sich ausdrücklich bei dem im Filmmuseum anwesenden Regisseur dafür, dass es ihm gelingt, „die Menschen, die so viel erlebt haben, nicht als Opfer rüberzubringen.“ Stattdessen lässt der Regisseur ihnen Zeit und Raum, um ihre Präsenz zu entfalten.

Dass er gerade Dokumentarfilmer wurde, verdankt Koepp einer „Strafarbeit“ an der Filmhochschule Babelsberg. Das Genre und die Protagonisten – Ziegeleiarbeiter aus Zehdenick, Textilarbeiterinnen aus Wittstock und Fischer von der Ostsee – haben ihn, nachdem er sich einmal dafür entschieden hatte, sein ganzes Leben nicht mehr losgelassen. Manches Mal stellte er sogar seine eigene Familie zurück, um diese Kontakte zu pflegen.

Dass seine Filme neben geschichtsträchtiger Vergangenheit und spannungsvoller Gegenwart stets einen Blick in die Zukunft wagen, verdankt Koepp seiner wohldosiert unstrukturierten Arbeitsweise. Der Regisseur versucht, die Dreharbeiten immer offen zu halten für ungeplante Begegnungen und lässt sich auch in nur 30 Drehtagen treiben. In „Berlin-Stettin“ trifft er in der Uckermark Studenten aus Szczecin, die dort an der Ausgestaltung des deutsch-polnischen Dialoges arbeiten. Und als er ihren Eltern bei der Diplom-Vergabe in Szczecin begegnet, wird augenblicklich klar, wie untrennbar die beiden Länder mit ihrer Geschichte und den Geschichten ihrer Bewohner miteinander verwoben sind.

Astrid Priebs-Tröger

„Berlin-Stettin“ läuft heute und noch bis zum 2. Mai im Filmmuseum.

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