• Beiderseits der Oder: Splitter einer Katastrophe

Beiderseits der Oder : Splitter einer Katastrophe

Studenten der Technischen Universität Berlin haben im Potsdamer Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte eine künstlerische Rauminstallation geschaffen. Zu erleben sind subjektive Erinnerungen an zwangsweise Vertreibung und Ankommen in der Fremde.

Kraft des Medialen. Die Rauminstallation  "Beiderseits der Oder" im HBPG Potsdam
Kraft des Medialen. Die Rauminstallation  "Beiderseits der Oder" im HBPG PotsdamFoto: Peter Raddatz

Die Oder fließt gemächlich dahin, die Sonne tanzt auf den sanften Wellen. Das im Fluss und an den Ufern vergossene Blut ist längst verwässert. Wer die Ausstellung „Beiderseits der Oder“ im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte (HBPG) betritt, taucht als erstes in diese flache Landschaft ein, sieht Videoaufnahmen von geduckten Häusern hinter Holzzäunen, Wiesen und Weiden. Eine Idylle, die Radfahrer längst für sich vereinnahmt haben. Doch darunter liegen Erinnerungen, die nicht verwässern, nicht davon fließen. Flucht, Vertreibung, Umsiedlung in Viehwaggons, der Neuanfang in fremden Häusern, Hunger und Tod. Das alles hat sich eingebrannt. Die gepackten Koffer unterm Bett, aus Angst, dass sich das alles wiederholen, es wieder eine Grenzverschiebung geben könnte, gab es bis 1990, bis zum Zwei-plus-Vier-Vertrag, der die polnische Westgrenze endgültig anerkannte. 

Das Fragile der Erinnerung

Die Erinnerungen bleiben, werden weitergegeben von Generation zu Generation. Geschliffen, poliert – wie ein Stein im Fluss. Und genau dieses Unvergessene und zugleich Fragile der persönlichen Erinnerung spiegelt die Ausstellung auf berückende und diffuse Weise wider. Sie belässt es bei den unkommentierten subjektiven Erinnerungen der Zeitzeugen. Die historische Einordnung gibt es im Entree auf einem Zeitstrahl.
Es ist eine künstlerische Annäherung von Studenten der Technischen Universität Berlin aus dem Mastergang Bühnenbild–Szenischer Raum. Sie schufen in dieser zweiten Kooperation mit dem HBPG eine Rauminstallation ohne Schautafeln. Den Besuchern wird nur ein Flyer mit Erläuterungen an die Hand gegeben, ansonsten bewegt er sich in dem abgedunkelten Raum zwischen historischen Fotografien, Collagen und Interviews, die aus allen Ecken auf ihn einstürzen und beim gestrigen Presserundgang in der Lautstärke noch nicht gut eingestellt waren. Man muss sich konzentrieren in diesem Parcours der Familiengeschichten – angeordnet im Flusslauf zwischen Szeczin/Stettin und Wroclaw/Breslau –, um die losen Enden zusammenzuknüpfen. Wie von Weronika, die als kleines Mädchen ihren Eltern nach Klepsk (Klemzig) folgte und sich sofort in die kleine Fachwerkkirche verliebte, die die Russen unzerstört ließen. Sie, die Katholikin, pflegt bis heute diese Evangelische Kirche der damaligen deutschen Verbrecher, bewahrt ihr Kulturerbe. Gotteshaus ist Gotteshaus. „Hier sind sie geboren, aufgewachsen, das ist ihr Schatz. Wir nennen es Kirche.“ 

Polnische und deutsche Propaganda

Solche Begegnungen machen den Reiz dieser medialen Ausstellung im HBPG – das derzeit umgebaut wird und auf kleine innovative Formate setzt – aus. Trotz der Gräuel der Vergangenheit sind die meisten angekommen, haben in der ihnen zugewiesenen „Heimat“ inzwischen Wurzeln geschlagen.
Zu sehen sind auch Propagandafilme und -plakate, die die Vertreibung und den Neustart nach 1945 schmackhaft machen sollten, die Land und Viehzeug versprachen. Die Agitation auf polnischer und deutscher Seite ähnelte sich. Auf dem Boden liegen Fotos von zerstörten Städten. Viele Bilder mit Alltagsszenen werden zum ersten Mal gezeigt, von polnischen Museen zur Verfügung gestellt.
Von den fotografierten Verwüstungen geht es aufwärts: an den Decken hängen die Monitore mit den Interviews. Elzbieta erzählt, wie die Familie ihrer Schwiegermutter 1945 in dem Dorf Legowo (Langheinersdorf) gut erhaltene Häuser vorfand, die die Deutschen erst kurz vorher verlassen hatten. Sie konnten sich aussuchen, in welches der Häuser sie einziehen. Andere fanden nur noch Ruinen vor, mussten alles neu aufbauen. 
Melitta Sallai besuchte ihr Heimatdorf erst als Pensionärin wieder. Ihr altes verwahrlostes Schloss im niederschlesischen Morawa (Muhrau) baute sie zu einem Kinderheim um. Sie lernte mit 65 Jahren Polnisch, wurde polnische Staatsbürgerin. Am Ende der mit Fädenvorhängen ausstaffierten Rauminstallation gibt es einen großen ovalen Tisch, der ins Heute weist. 

Rezepte zum Mitnehmen

Hier gibt es auch Rezepte zum Mitnehmen, wie die polnische Nudelpfanne Lasanki oder Kopytka, die Klösschen. Und weitere Interviews. Elizabeth Henschel berichtet, wie sie als junges Mädchen nach Kriegsende in Polen bleiben und dort bei einer polnischen Familie arbeiten musste. Sie erzählt vom traditionellen Weihnachtsfest, von ihren kleinen Geschenken. Und es wird an die 12 Gerichte erinnert, die wegen der 12 Apostel auf den polnischen Weihnachtstisch gehören. Bis heute.
„Den Zugriff zu dieser Ausstellungsform haben wir direkt an der Oder gefunden“, sagt Julia Bork, die gemeinsam mit Thomas Wernicke die Ausstellung kuratierte. Bei einer gemeinsamen Reise im Frühjahr dieses Jahres tauchten sie vier Tage in die Lebensläufe der Menschen ein: Sie sprachen Leute direkt an, klopften an fremden Haustüren, die sich ihnen öffneten. Acht Studenten waren mit ihrer Professorin Kerstin Laube dabei. Danach gab es vier Arbeitsgruppen, die konkurrierende Konzepte entwickelten. Svenja Stannat und ihr thailändischer Kommilitone Suriya Poieam gewannen den Ausscheid. 
Svenja hatte selbst Urgroßeltern, die aus Ostpreußen fliehen mussten. „Meine Großmutter hat es immer abgetan und gesagt: ,Es war nicht so schlimm’. Es wurde nicht viel darüber erzählt.“ Bei der Recherche habe sie gemerkt, wie viele Familien von der Vertreibung betroffen waren und in der kriegsverwüsteten Region die Fremde zu ihrer Heimat machen mussten. Entlang der Oder, der als Grenzfluss durch die Kulturen mäandert.
 

Zu sehen bis 20. Januar 2019 im Haus Brandenburgisch-Preußischer Geschichte, Am Neuen Markt