• Begegnung mit dem Tod: Ausstellung auf der Freundschaftsinsel sucht die „palliative Wende“

Begegnung mit dem Tod : Ausstellung auf der Freundschaftsinsel sucht die „palliative Wende“

Wie kann die Sterbebegleitung angesichts der Klimakrise aussehen? Eine Ausstellung im Pavillon auf der Freundschaftsinsel stellt diese und weitere Fragen zum Sterben - auch mit Witz.

Vor der letzten Ruhe: Kasia Fudakowskis  "Quilt" in der Ausstellung "The Palliative Turn" im Pavillon auf der Freundschaftsinsel.
Vor der letzten Ruhe: Kasia Fudakowskis  "Quilt" in der Ausstellung "The Palliative Turn" im Pavillon auf der Freundschaftsinsel.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Der Tod ist so schrecklich, dass man darüber eigentlich nur lachen kann. Wie sonst könnte man dem unumstößlichsten aller Dinge begegnen? Eine Ausstellung im Pavillon auf der Freundschaftsinsel fordert diese Begegnung jetzt heraus. Das raumbestimmende Objekt, das einen beim Betreten begrüßt: Zwei riesige Zahnreihen, schwarzweiß fotografiert. Das was bleibt.

„The Palliative Turn“ geht nicht den einfachen Weg. Versammelt nicht, wovon die Kunstgeschichte voll ist: Beweisstücke, dass Kunst und Tod uralte Bekannte sind – vielleicht gibt es Kunst ja überhaupt nur, um mit der Gewissheit, dass alles mal ein Ende hat, leben zu können. Die Schau auf der Freundschaftsinsel aber will anderes, nämlich eine „palliative Wende“.

Dass der Pavillon des Brandenburgischen Kunstvereins vor Großem, Grundsätzlichen nicht zurückscheut, ist seine Stärke: Nur Tage, bevor Donald Trump 2017 zum Präsidenten gewählt wurde, war hier ein von Gerrit Gohlke kuratierter „Shock Room“ zu sehen. Eine Ausstellung, die den künstlerischen Betrieb aus seiner Schockstarre befreien, ein bisschen „Reanimationseinrichtung“ sein wollte. Schon damals ging es also irgendwie um Leben und Tod, allerdings war das noch rein metaphorisch zu verstehen.

Sterbebegleitung - aber wie?

Diesmal ist der Horizont weiter – und enger zugleich. Vor dem Hintergrund der Klimakrise, dem Ende der Welt wie wir sie kennen schlechthin, stellt „The Palliative Turn“ sehr konkret und praxisorientiert die Frage nach Sterbebegleitung. „How would you like to go?“, fragt ein Plakat, das im Pavillon ausliegt. Zum Mitnehmen. Das Plakat von Simon Blanck ist zugleich Manifest der Künstler:innen, die diese palliative Wende fordern. „Diese Kultur geht zu Ende“, steht da. „Diese Gesellschaft geht zu Ende. Diese Ökonomie geht zu Ende. Dein Körper geht zu Ende.“

Was die „Association for the Palliative Turn“ dagegensetzen will, steht da auch. „Die Kunst der palliativen Wende folgt den Prinzipien der palliativen Fürsorge und Medizin: Sie erkennt das Ende an und plant darauf hin.“ Vielleicht liegt hier, im Planungsgedanken, schon das Hauptproblem der Schau. Man geht durch „The Palliative Turn“ ein bisschen wie durch die To-Do-Listen der beteiligten Künstler:innen.

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Da ist das eng beschriebene Plakat von Simon Blanck, da ist ein Multiple-Choice-Fragebogen von Anna-Kristine Linke, der zum Monolog wird. Da ist, ebenfalls zum Mitnehmen, das gelbe Plakat von Alex Kwartler, das einen antiken Grabspruch Epikurs persifliert: „Ich war nicht. Ich war. Ich bin nicht. Es ist mir egal.“ Sogar die Patchworkdecke von Kasia Fudakowski versteht nur, wer das Kleingedruckte liest: Auf einer kuscheligen Decke ist in Stofffetzen ein Körper abgebildet.

Pflegehinweise für Körperstellen

Wo sonst die Pflegehinweise stehen, steht hier, welche Körperstelle von wem im Falle einer palliativen Hilfe noch berührt werden dürfen: „Partner“ oder auch „enge Familie“? Oder aber auch: „Bäcker“, „eine Großmutter“, „ein Schotte“.

Durch und durch ernst gemeint ist „The Palliative Turn“ also nicht. Aber wie dann? Als Ratgeber, Aufklärer, Aktionismus? Die Ausstellung kann sich da nicht entscheiden – und würde angesichts der Lektüremasse womöglich als Publikation besser funktionieren.

Und vielleicht traut sie auch einfach ihrem Ausgangsgedanken nicht genug. Kuratiert wurde „The Palliative Turn“ von dem Künstler Olav Westphalen, den man in Deutschland als Teil des Cartoonduos Rattelschneck kennt. Am Eingang des Pavillons hängt ein Rattelschneck-Plakat: „Palliativer Witz – ein Funktionsmodell“.

Die Verbindung von Witz sei anekdotisch belegt, heißt es da. Ein Comedian habe mal erzählt: „Der einzige Grund, warum ich Witze erzähle, ist, damit ich nicht über den Tod reden muss.“ Vom „palliativen Witz“, einem Lachen, das sich dem Tod nicht verschließt, hätte man gern noch viel mehr erfahren.

Bis 17.10., Mi. bis So. von 13 bis 17 Uhr im Pavillon auf der Freundschaftsinsel

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