• Beethoven entdecken: Potsdamer Azubis spielen Musik

Beethoven entdecken : Potsdamer Azubis spielen Musik

Fahland-Azubis treten mit einem Improvisationsstück bei der „Großen Beethoven-Nacht“ im Nikolaisaal auf, Dem Komponisten mussten sie sich erstmal annähern.

Trompeter Konstantin Döben und die Potsdamer Fahland-Azubis Zame Ahmadi, Saidou Sidibé, Khalid Mohamed Yusuf und Lee Ann Brückner (v.l.) beim Trommeln auf Cajons.
Trompeter Konstantin Döben und die Potsdamer Fahland-Azubis Zame Ahmadi, Saidou Sidibé, Khalid Mohamed Yusuf und Lee Ann Brückner...Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Man muss einen Ton auch aushalten können. Ein Ton, ein Rhythmus. Dann ein zweiter, ein dritter. Bis alle fünf Jugendlichen am einzigen Keyboard stehen, jeder spielt eine Taste, für ein gemeinsames Schweben und Pulsieren. Bertram Burkert steht vor ihnen und sucht Augenkontakt. Dirigiert mit Handzeichen, lässt einzelne Töne höher oder tiefer klettern. Dann kommt Konstantin Döbens jazzige Trompete dazu, dann die Cajons und die Gitarren. Mehrere Minuten, in denen sich die verschiedenen Bausteine wie konzertante Stimmgruppen immer wieder neu miteinander verbinden und stellenweise in einem Techno-Beat auflösen.

„Freestyle Beethoven“ heißt das Stück des Musikprojekts, das der Nikolaisaal mit Potsdamer Azubis für die „Große Beethoven Nacht“ am 15. Februar entwickelt hat. Ihr Auftritt soll das Werk des Komponisten und Pianisten, der Beethoven auch war, in einen neuen Kontext stellen. „Beethoven hat viel improvisiert“, sagt Burkert. Auch bei der Uraufführung des ersten Klavierkonzert soll er minutenlang am Klavier improvisiert haben.

Musik als stärkende Erfahrung

Der Gitarrist Bertram Burkert und der Trompeter Konstantin Döben, beide freiberufliche Musiker und Mitglieder des Berliner Stegreiforchesters, sind die Kursleiter des Musikprojekts. Es ist das erste Mal, dass der Nikolaisaal mit Azubis zusammen arbeitet. „Für Schulklassen gibt es bereits seit Jahren Angebote“, sagt Auli Eberle vom Nikolaisaal. Jetzt sollen gezielt junge Erwachsene, die vielleicht noch nie ein Klassikkonzert besucht und keine Musikvorbildung haben, angesprochen werden. Als der Nikolaisaal Teilnehmer suchte, war die Firma Fahland die erste, die Interesse bekundete. Voraussetzung zum Mitmachen ist, dass die Firmen ihre Azubis für die zwei oder drei Tage freistellen.

Frank Fahland hat das gerne gemacht. „Musik ist was Tolles. Wer bei einem solchen Projekt mitmacht und am Ende sogar auf einer großen Bühne steht, der geht gestärkt daraus vor“, sagt der Firmengründer. „Außerdem finden wir es wichtig, uns um unsere Mitarbeiter zu kümmern und gemeinsame Erlebnisse zu schaffen.“

Fünf der derzeit sieben angehenden Fahland Bäckerei-Fachverkäufer oder Bäcker haben sich schließlich für „Freestyle Beethoven“ angemeldet. Obwohl manche anfangs Bedenken hatten. „Ich kenne den Nikolaisaal bisher nur von langweiligen Schulveranstaltungen“, sagt Georg Uecker. Auch Lee Ann Brückner konnte sich nichts darunter vorstellen. „Jetzt will ich unbedingt, dass meine Eltern dabei sind und das sehen“, sagt sie.

Konstantin Döben und Georg Uecker, der am Keyboard Bässe und Klangsamples einspielt.
Konstantin Döben und Georg Uecker, der am Keyboard Bässe und Klangsamples einspielt.Foto: Andreas Klaer

„Auf Bildern sieht er ja richtig gefährlich aus“

Von Beethoven haben sie mal was in der Grundschule gehört. Drei Azubis, die als Flüchtlinge nach Deutschland kamen, konnten mit dem Namen gar nichts anfangen. Nicht schlimm, findet Döben, vom Schulwissen über Beethoven wollen sie sich hier sowieso lösen. „Auf Bildern sieht er ja richtig gefährlich aus“, sagt Burkert augenzwinkernd. Hat hier jemand Angst vor dem großen Komponisten Beethoven? Natürlich nicht. „Ich kann mir vorstellen, dass es spannender Prozess ist, wenn man selbst an einem Konzert beteiligt ist“, sagt Burkert.

Seit Donnerstag also arbeitet die Gruppe an ihrer Freestyle Beethoven–Improvisation. Ihre Arbeitsmittel sind Keyboard, Cajons, Trompete und Gitarre. Die kann man auch auch ohne Vorkenntnisse zum klingen bringen, indem man über die Grundsaiten streicht. Am ersten Tag haben sie sich Auszüge aus Beethovens ersten Klavierkonzert angehört und angeschaut und Klang-Schnipsel herausgelöst, um sich den Aufbau des Gesamtwerks anzusehen. 

Die Musik erspüren

Außerdem haben sie sich ein Interview mit dem ungarischen Dirigenten und Komponisten Ivan Fischer angeschaut. Der sagt unter anderem: „There are only a few composers that changed the world completely. If I think about that, my first idea is Beethoven.“ Beethoven habe als Komponist die Welt verändert. Den originalen Satz haben sie rauskopiert und lassen ihn wie andere Zitate als Sample in den Techno-Beat einfließen.

Bei all dem gilt: aufeinander hören, auf die Zeichen der anderen achten, eigene Zeichen geben. Die Musik erspüren und wie ein Komponist das Werden des Stücks in die eigene Hand nehmen, also selber entscheiden, wann der nächste Ton kommen kann. Und wie er kommen soll. Zögernd? Leise? Mit Wucht? So werden sie nicht nur den Versammlungsraum bei Fahland sondern auch die große Nikolaissaalbühne am heutigen Abend bespielen. Zuletzt soll das Publikum mitsummen. Das Zeichen dafür ist denkbar einfach: zwei einladende Arme.

>>Die Große Beethoven-Nacht mit dem Brandenburgischen Staatsorchester Frankfurt am Samstag, 15. Februar, im Nikolaisaal ist ausverkauft